Konstantin Melnikov und sein Haus

Von Fritz Barth. 64 S. mit 106 Abb., Hardcover, 36 Euro, Edition Axel Menges, Stuttgart 2015

~Christian Holl

Konstantin Melnikov, ein Außenseiter, wurde nur für eine kurze Zeit seines Lebens in seiner Heimat anerkannt; in der jungen Sowjetunion war er einer der Architekten, die dem neuen Staat mit einer aufregenden Architektur zu Aufmerksamkeit verhalfen. Doch schon mit der Machtübernahme Stalins sank sein Stern, sein Œuvre ist überschaubar geblieben. Und so mag man sich etwas darüber wundern, warum Fritz Barth Melnikov dennoch eine so besondere Position in der Architekturgeschichte einräumt. Die Begründung entfaltet er in einem sorgfältig bebilderten, konzentrierten und dichten Text, in dem er Melnikovs Haus beschreibt, untersucht und in dessen Gesamtwerk einordnet. Es ist ein zumindest auf den ersten Blick befremdliches Haus – in der Form der zwei ineinander gesteckten und grundverschieden gestalteten Zylinder, in der die Geschossgliederung nicht mitteilenden Anordnung der sechseckigen Öffnungen sowie in seiner Grundrissgestaltung. Mit dem Haus lotet Melnikov, wie Barth zeigt, die Möglichkeiten aus, Architektur einer linearen Erzählung und einfachen Erklärungsschemata zu entziehen. Raum, Technik, Zweck und Zeichenhaftigkeit werden in einer Weise überlagert und in einer komplexen Gesamtstruktur ineinander verwoben, die ein analytisches Zerlegen nicht mehr ermöglichen. Einfache und tradierte Bautechniken werden dabei ebenso aufgenommen wie auf den Barock zurückzuführende Spiele mit Raumperspektive und Raumillusion. Die Faszination für große geometrische Grundformen ist in diesem Haus ebenso verarbeitet wie die für die Dynamisierung von Raumeindrücken. Und schließlich ging es Melnikov auch darum, durch und mit der Verwendung von Zeichen das aufgebaute, komplexe Verweis- und Bedeutungssystem auszuweiten und zu verfeinern, ohne die Architektur auf bloße Symbolik zu reduzieren. In all dem lassen sich die Diskurse des 20. Jahrhunderts wiedererkennen, worin sich die Bedeutung rechtfertigt, die Barth in Melnikov sieht. Es vermag freilich der Text, wie Barth fast entschuldigend in der Einleitung erklärt, die Gleichzeitigkeit des Architektonischen nicht abzubilden. Man spürt in den bisweilen komplizierten Formulierungen deutlich, wie der Autor darum rang, die architektonische Qualität in einen Text zu übertragen. Die Faszination für Konstantin Melnikov und sein Haus teilt sich darin nur umso besser mit.