Gedachte Stadt – Gebaute Stadt

Urbanität in der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz 1945-1990. Thomas Großbölting, Rüdiger Schmidt (Hrsg.). 345 S., 65 S/W Abb.,45 Euro, Böhlau 2015

~Carsten Sauerbrei

Wie wurde Urbanität in den städtebaulichen Leitbildern des geteilten Deutschlands nach 1945 interpretiert? Welche Akteure waren maßgeblich für die Planung und das Bauen in der Bundesrepublik und der DDR? Was bedeuteten Stadtneugründungen für das Selbstverständnis der beiden deutschen Staaten? Das sind nur drei von einer Vielzahl an Fragestellungen, die im Band des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster aufgegriffen werden. Im Unterschied zu anderen Publikationen zur deutsch-deutschen Architektur- und Städtebaugeschichte betrachten hier Historiker, Geografen, Stadtplaner und Kulturwissenschaftler Stadt immer aus einer Doppelperspektive – einerseits als das materielle Rückgrat der Gesellschaft, andererseits als gesellschaftliche Projektionsfläche und immaterielle Bedeutungsebene.
Von der symbolischen Rolle der Regierungssitze der beiden deutschen Republiken in Bonn und Ost-Berlin bis zur Darstellung Berlins in Nachkriegsfilmen in Ost und West reichen die vorwiegend aus geisteswissenschaftlicher Perspektive diskutierten Themen. Wenn diese einen Bezug zu aktuellen Diskursen besitzen, dann wird es immer besonders interessant. So z. B. im Beitrag des Berliner Stadtsoziologen Harald Bodenschatz, der die Entwicklung der Postmoderne in beiden Berliner Stadthälften in den 70er und 80er Jahren in den Blick nimmt; oder auch beim Historiker Christoph Lorke, der Entwicklungen urbaner Segregation in der DDR und der Bundesrepublik sowie die öffentliche Wahrnehmung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen vergleicht.
Dieses Buch ist all jenen Lesern zu empfehlen, die über die chronologische Darstellung der gebauten Zeugnisse der Städtebaugeschichte von Bundesrepublik und DDR hinaus, einen detaillierten Einblick in Strukturen, Leitbilder und Akteure von Städtebau und Stadtplanung suchen. Wer bereit ist, sich auf die Fußnoten der deutschen Nachkriegsplanungsgeschichte einzulassen, findet hierin eine überaus tiefgründige Ergänzung zur Vielzahl der bisher zum Thema erschienenen Veröffentlichungen.