Entfesselung der Architektur

Der Architekt: Baumeister oder Designer? Von Helmut C. Schulitz, 256 S., zahlreiche Abb., Hardcover, 29 Euro, Jovis Verlag, Berlin 2014

~Ursula Baus

Ausgangspunkt zu diesem Buch ist die These, dass mit dem Digitalisieren des Bauens ein »Wendepunkt« – in Anlehnung an Konrad Wachsmanns Buch von 1959 – erreicht sei. Die Ausstellung »Wendepunkt/e im Bauen, von der seriellen zur digitalen Architektur« im Münchner Architekturmuseum veranlasste zu diesem Buch. Neue Bautechnologie ganzheitlich für die Innovation in der Architektur vorantreiben: Das, so der Autor, müsse das Ziel sein, stattdessen vertiefe sich die Kluft zwischen Planern und Praktikern. Schulitz plädiert deswegen dafür, Innovation an das Wissen um die Herstellungsprozesse zu knüpfen. Skeptisch ist er gegenüber dem kunsthistorischen Begriff »Formwille« – um seine Untersuchungen dann doch mit der Frage, warum ein Bauwerk eine bestimmte Form habe, bei Vitruv zu beginnen. Zudem beklagt Schulitz das unreflektierte Kopieren erfolgreicher Vorbilder«, das seine Zunft dominiere. Handwerkliches, industrielles und digitales Bauen unterscheidet er aus dem Blickwinkel des »top-down«- bzw. »bottom-up«-Entwurfsansatzes, resümierend in der Überzeugung, dass die baukonstruktive Gestaltung zum Mittelpunkt zwischen Form und Nutzung bleiben muss. So liest sich das Buch folgerichtig als eine Baukonstruktions- und Bauproduktionsgeschichte, die sich dezidiert von unseren herkömmlichen Architekturgeschichtsbüchern unterscheiden will. An Beispielen wie dem Dorischen Eckkonflikt untermauert Schulitz seine Ansicht, dass Tragwirkungen und Konstruktionen ganz erheblich zu Innovationen und Formentwicklungen beitragen, dass »Bautechnik als Geburtsstunde eines Stils« interpretiert werden kann.
Besonders interessant sind die Kapitel, in denen die industriellen Bausysteme durchgesehen werden – bis hin zur Metastadt Wulfen, zum Mero-Bausystem und zu den Hochschulbausystemen oder Steidles und Thuts Wohnungsbauten. Die bisherige Digitalisierung des Bauens sieht Schulitz nüchtern, weil sie oft nur eine »Weiterentwicklung des industrialisierten Bauens« sei. Hier darf man anmerken, dass die Vorzüge digitalisierter Planungs- und Bauprozesse auch sozial konnotiert sind, dass Beteiligungs modelle und damit verbunden Vermittlungs- und -änderungschancen geboten werden und daraus Innovationen für unsere gebaute Umwelt entstehen können.