Einzigartige Objekte

Architektur und Philosophie. Von Jean Baudrillard und Jean Nouvel. 128 Seiten, Format 12 x 20,5 cm. Kartoniert, 18 Euro, 28,10 sFr. Passagen-Verlag, Wien, 2004

Manchmal gibt es schon Gründe, neidvoll ins Nachbarland Frankreich zu schauen. Dort trafen sich der Philosoph Baudrillard und der Architekt Nouvel zu mehreren Gesprächen, die vom Pariser Maison des écrivains organisiert wurden. In einem Spiel, in dem mal der eine, mal der andere die Rolle des Fragenden übernimmt, umkreisen die beiden die Fragen nach der Architektur, ihrer Bedeutung und ihrer Berechtigung. Beide kennen sich und beide respektieren sich. Nouvel konfrontiert Baudriallard oft mit seinen eigenen Zitaten, und Baudrillard bezieht sich in den Gedanken, die er entwickelt, auf die Gebäude Nouvels.
Baudrillard hat sich schon zuvor in mehreren Schriften deutlich über den Bedeutungswandel der Architektur geäußert, die nicht mehr den Anspruch an eine Wahrheit einlösen kann, den ihr die Architekten gerne zuerkennen möchten. Auch zweifelt er die Autonomie der architektonischen Entscheidung an und liest sie als Ausdruck einer allgemeinen gesellschaftlichen Befindlichkeit. Aber Nouvel vertritt nicht gängige Architektenthesen. Er versuche, so sagt er beispielsweise, einen Raum zu schaffen, der nicht lesbar ist. Dieses Anliegen kann er mit Baudrillard vertiefen, denn dem geht es um eine radikale Architektur, die im Ereignis, in der Veränderung durch den Gebrauch und den Nutzer entsteht. Das Unkontrollierbare darin ist ihre Radikalität. Das Fehlen dieser Radikalität wiederum kritisiert Nouvel am Center Beaubourg. Und so entsteht ein die jeweiligen Positionen bereicherndes Gespräch, in dem es immer auch um die grundsätzlichen Fragen der aktuellen Architektur geht. Beide plädieren letztlich für eine Architektur, die dadurch einzigartig werden könne, dass sie nicht determiniert, was mit ihr zu geschehen habe. Christian Holl