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Die Urbanisierung der latinischen Malerlandschaft

Postkarten der italienischen Nachkriegsmoderne. Von Ulrich Brinkmann. 192 S., 150 Abb., Softcover, 28 Euro, DOM publishers, Berlin 2017

~Olaf Bartels

Die Ansichtskarte stirbt langsam aus. In Zeiten von Smartphone, Selfie, Instagram, Twitter und Facebook ist der kleine bunte Kartengruß definitiv out. So sind im österreichischen Skiort Hittisau derzeit genau noch zwei Motive im Handel, die beide bezeichnenderweise den Ort im Überblick aus der Bergperspektive zeigen. Umso mehr sind Bücher, wie das gerade von Ulrich Brinkmann vorgelegte, zu begrüßen. Brinkmann, Architekturkritiker und Redakteur der Bauwelt, sammelt seit seinem achten Lebensjahr Postkarten. Er müsste mittlerweile ein stattliches Archiv zusammengestellt haben und könnte wohl vielerlei Grüße aus den entlegensten Ecken der Welt und aus den unterschiedlichsten Zeitepochen senden. Er hat sich dafür aber das Latium ausgesucht – jene Landschaft südlich von Rom, die deutsche Maler seit Jahrhunderten als Motiv reizt. Nicht zufällig unterhalten die Deutsche Akademie Rom Villa Massimo und die Akademie der Künste Berlin in dem kleinen Ort Olevano Romano mit der Casa Baldi und der Villa Serpentara gleich zwei Stipendiatenhäuser. Hier hat sich Ulrich Brinkmann für mehrere Monate aufgehalten und Postkarten gesammelt. Diese Sammlerfreuden während seiner Erkundungen sind dem Buch deutlich anzusehen.

Die fremd wirkenden Farben und die leichten Unschärfen der Abbildungen gehören dabei sozusagen zum Programm. Und doch dokumentieren sie, welche Entwicklung die Kultur der Ansichtskarte überhaupt genommen hat. Die kleinen Tabaccherien, Fotogeschäfte und Druckhäuser, die der Autor noch ausfindig machen konnte, produzierten und vertrieben die Bilder als Reisefotografien, die die Touristen aus technischen oder zeitlichen Gründen nicht selbst anfertigen konnten, aber als Erinnerung an ihre Reise oder als Gruß an die Daheimgebliebenen erwarben. Die Karten wurden so auch zu Zeitdokumenten der Lebenskultur in den Orten und in der Region. Die Art ihrer Entwicklung bringt dann eben erst die Akribie des Sammlers zutage. Dem Autor lieferte sie eine Vielzahl an Geschichten.

Stichdatum war für Brinkmann der Aufbruch des Latiums in eine moderne Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Folglich hat er seine Sammlung nach entsprechenden Schlagworten sortiert und daraus Buchkapitel geformt: »Lichter der Großstadt«, »Anschluss an die Welt« heißen ihre Titel, aber auch: »Sport und Erholung«, »Bildung« und »Wo wohnst Du?«. Die Postkartenmotive zeigen nämlich nicht nur die Sehenswürdigkeiten im Latium oder die Schönheit dieser Landschaft, sondern auch den neuen Busbahnhof, den neuen Verkehrstunnel, die neue Schule und die neuen Wohngebiete sowie das historische Zentrum, das trotz aller Modernisierung immer noch zu jenem Ort gehört. Sie dokumentieren das alltägliche Leben der Bewohner, die Piazza als Zentrum des Dorflebens, die religiösen und militärischen Gedenkstätten, aber auch den fröhlichen Blick in die Zukunft. Entsprechend häufig sind Kinder auf den Bildern zu sehen. Ihnen widmet der Autor ein eigenes Kapitel. Die Fiatmodelle 500 und 600 auf den Postkarten erscheinen wie eine Verheißung des Fortschritts. Autos störten damals weniger das Ortsbild als heute. Auch die in Olevano Romano heute vernachlässigte Busstation oder der gähnende Autotunnel im Ortszentrum erschienen auf den zeitgenössischen Postkarten in einem strahlenden Lichterglanz, der sogar den Mondschein in den Hintergrund drängt.

Das Buch hält einen wunderbaren Ausflug in eine malerische Landschaft und in eine angenehm verklärte, längst vergangene Zeit bereit. Ulrich Brinkmann hat darin eine besonders romantische Note des Latiums gefunden.