Das wachsende Haus

Von Martin Wagner, kommentiert von Tom Avermaete, Franziska Bollerey, Ludovica Scarpa, Tatjana Schneider Text deut./engl., 29 Euro, Spector Books 2015

~Carsten Sauerbrei

1931 gründete der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner die Arbeitsgemeinschaft für ein »wachsendes Haus«, einem flexibel erweiterbaren Kleinsthaus. Dieser gehörten namhafte, deutsche Architekten der klassischen Moderne wie Hans Poelzig, Bruno Taut und Hans Scharoun an. 1932 wurden die Ergebnisse dieser Arbeitsgemeinschaft und eines Wettbewerbs zum gleichen Thema mit einer Ausstellung von 24 Musterhäusern und einer begleitenden Publikation präsentiert. In dieser entwirft Wagner eine umfassende ökonomische und architektonische Vision für eine Architektur, die eine hohe Gestaltungsqualität mit geringen Kosten, größtmöglicher Flexibilität und einem unmittelbaren Naturbezug verbindet. Die nunmehr erstmals, im Rahmen der noch bis 14. Dezember in Berlin stattfindenden Ausstellung »Wohnungsfrage« wiederveröffentlichte und neu kommentierte Publikation Wagners stellt seine Überlegungen erneut zur Diskussion. Tatsächlich überrascht wie aktuell viele der von ihm behandelten Fragen auch heute noch sind, auch wenn einige seiner Forderungen sich überholt haben, wie die nach einer Planwirtschaft oder nach einem ebenerdigen, frei stehenden Einfamilienhaus. Kostensenkung möchte er durch Vorfertigung und Serienproduktion erreichen. Neuer Wohnraum soll durch Akteure der Gemeinwirtschaft und auf der Grundlage staatlichen Bodeneigentums entstehen. Flexible Nutzungen und Umbaubarkeit der Räume sollen die Anpassung an veränderte Lebensbedingungen garantieren. Die mit Erläuterungstext, Grundrissen, Schnitten und Fotos dokumentierten Musterhäuser zeigen ebenfalls überraschend aktuelle Details. So besitzen die meisten eine Skelettkonstruktion, die mit vorgefertigten Bautafeln gefüllt wird. Flexibilität ermöglichen Innenwände, die sich entfernen lassen. Der zentrale Wohnraum wird durch außenliegende Nebenräume vor Wärmeverlust geschützt. Ergänzt um historische Einordnungen von Franziska Bollerey und Ludovica Scarpa sowie den weiterführenden Interpretationen von Tom Avermaete und Tatjana Schneider ist die Publikation ein nicht nur historisch innovativer Beitrag zum Diskurs um den Sozialen Wohnungsbau.