AugenSinn

Zu Raum und Wahrnehmung in Camillo Sittes Städtebau. Von Gabriele Reiterer. 128 Seiten, Format 15,5 x 22 cm, 13 historische Abbildungen, broschiert, 18 Euro, 32,50 sFr Verlag Anton Pustet, Salzburg, 2003

Camillo Sitte hat mit einer einzigen Schrift Furore gemacht: »Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen«. Der in Wien geborene Kunstgewerbelehrer und ausgebildete Architekt legte 1889 eines der wichtigsten praktischen Lehrbücher des abendländischen Urbanismus vor. Damit beeinflusste, ja dominierte er mehr als zwei Jahrzehnte die Fachdiskussion; in Planungen von Hamburg bis München sind seine Ansätze eingegangen. Seither jedoch ist es nur als formalästhetisches Regelbuch interpretiert worden. Nun hat Gabriele Reiterer den Versuch unternommen, mittels eines konzisen Essays die Gewichte neu zu justieren und das Gedankengebäude Sittes zu rekonstruieren. Zwar wandte er sich als einer der Ersten gegen das städtische (Erweiterungs-)Raster; er empfand und brandmarkte es als inhaltslos. Zugleich aber, und das ist weniger bekannt, verwahrte er sich auch gegen den Versuch einer malerischen Stadtplanung, die er als eine verlogene Naivität kritisierte. Gleichwohl gilt er bis heute als ihr Apostel. Dieses Bild verdankt sich der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, der er ein Dorn im Auge war. Doch ging es ihm nicht allein um ein ästhetisches und architektonisches, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Ideal: die Wiedergewinnung der Stadt als sozialem Kunstwerk. Es ging ihm aber auch um Sinnlichkeit: Urbane Zentralfiguren, bühnenbildartig geschlossene Plätze – das waren ihm die Mittel gegen die Nivellierung der geometrisierten Verkehrsstädte. Obgleich sich über diese Mittel und die Erreichbarkeit der Ziele trefflich streiten lässt – sie sind mehr als bloße Schatten in der zeitgenössischen Stadtdiskussion. Zu Recht. Robert Kaltenbrunner