Zeitschichten (Dresden)

Die Ausstellung führt mitten hinein in die Denkmaldebatten unserer Tage – und in die Baustelle des Dresdner Residenzschlosses. Wer sich in den ehemaligen Paraderäumen umsieht, erkennt wenig vom Prunk August des Starken, dafür viel Beton, nackte Ziegelwände und marginale Stuckornamente des Historismus. Der Wiederaufbau und die Rekonstruktion des 1945 zerstörten Schlosses wird durch die Ausstellung in die Nähe der Diskussion um das Heidelberger Schloss gerückt, die um 1900 zur Formulierung der wissenschaftlichen Grundsätze der Denkmalpflege führte. Damals forderte Georg Dehio, dem diese Schau gewidmet ist; »Erhalten und nur erhalten! Ergänzen erst dann, wenn die Erhaltung materiell unmöglich geworden ist; Untergegangenes wiederherstellen nur unter ganz bestimmten, beschränkten Bedingungen.« Heute werden Vertreter dieser Thesen als Substanzfetischisten beschimpft. Aber sind die Grundsätze nicht gerade in armen Zeiten heilsam? Mit über tausend Exponaten versucht die Ausstellungsmacherin Ingrid Scheuermann sowohl die Geschichte der Denkmalpflege als auch aktuelle Problemstellungen aufzuzeigen. Dass die Diskussion um Denkmale nicht im politikfreien Raum stattfindet, beweisen die Fragmente des jüngst renovierten Brandenburger Tores genauso wie die kolorierten Fassadenrisse des Kölner Doms aus Goethes Besitz. Die Fortführung der mittelalterlichen Baustelle war damals Akt nationaler Selbstverge- wisserung und Symbol der Reichsgründung 1871. Viele Themen wie Umnutzung und Städtebau werden nur kurz angerissen. Die Ausstellung, in enger Kooperation mit den Landesdenkmalämtern, der Stiftung Denkmalschutz und der Dehio-Vereinigung will insgesamt zu viel. Ira Mazzoni

Bis 13. November. Residenzschloss Dresden, Taschenberg, täglich außer Di 10 – 18 Uhr. Katalog 29,90 Euro