Textile Architektur (Augsburg)

~Klaus F. Linscheid

Textilien bestimmen schon seit der frühen Kulturgeschichte des Menschen seine Bautätigkeit. Angefangen von den Stoffzelten der Nomaden, über das 20 000 m2 große Sonnensegel, das die Arena des römischen Kolosseums überspannte, bis hin zu pneumatischen Hightech-Fassaden waren und sind Textilien aus der Architektur nicht wegzudenken. Mal sind sie Dach, ein andermal Schirm, dann Vorhang oder pneumatische Blase. Das Augsburger Textil- und Industriemuseum schlägt in seiner neuen Sonderausstellung eine Brücke von den Anfängen textiler Architektur bis zu aktuellen Forschungsprojekten, bei denen sogenannten smart textiles intelligente Zusatzfunktionen eingepflanzt werden.
Das Thema fasziniert bei näherer Betrachtung u.a. deshalb, weil Textilien in der Architektur in den letzten Jahren wieder an Bedeutung gewonnen haben. Hinter pneumatischen Fassadenkonstruktionen, wie sie in Sportstadien wie der Allianz Arena oder im Watercube Schwimmstadion in Peking verwendet werden, steckt technisch weit entwickeltes Know-how. Die unregelmäßigen Waben aus ETFE-Folie beim Pekinger Olympia-Schwimmstadion dienen beispielsweise als Klimahülle und tragen wesentlich zum Beheizen der Wasserbecken bei.
Textil hatte immer schon die Aufgabe, vor Witterungseinflüssen zu schützen. Bereits in der römischen Antike, so ist in der Ausstellung anhand eines Modells zu sehen, bewahrte ein über 20 000 m2 großes Velum (lat. Segel) die Zuschauer im Kolosseum vor unmittelbarer Sonneneinstrahlung. Ob tragbare Sonnen- oder Regenschirme, ortsfeste Schirme wie bei einer Moschee in Medina oder die gewaltigen, wenngleich filigran wirkenden pilzartigen Schirmdächer beim Shanghai International Circuit: Die Leichtigkeit textiler Konstruktionen überzeugt durch ihre anmutige Ästhetik.
Frei Otto zählt zu den Wegbereitern textiler Architektur. In den 1970er Jahren gelang ihm gemeinsam mit Günter Behnisch das schier Unmögliche: Die Münchener Olympiabauten gelten immer noch als Vorbild für eine »leichte« Architektursprache und sind ein weiteres Thema der Ausstellung. In einem Einspielfilm erläutert Frei Otto die Hintergründe des Projekts.
Sylvie Krüger hat die Ausstellung als Kuratorin maßgeblich gestaltet. Als Textildesignerin hat sie 2009 eine umfangreiche Publikation über textile Architektur veröffentlicht (s. Literaturhinweis), die sie nun in dieser Ausstellung haptisch und sinnlich erfahrbar macht. Was kann Textil in der Architektur leisten, welche Funktionen haben Textilien bereits in der Geschichte übernommen und welche Hightech-Textilien (Smart Textiles) gibt es heute? Da für viele moderne, realisierte Bauwerke Materialproben zum »Befühlen« zur Verfügung stehen, kann der Besucher die Vielfalt verfügbarer Textilien haptisch erleben und in die Hand nehmen.
Die gesamte Ausstellungsarchitektur wurde ausschließlich mit Textilien gestaltet. Ein »textiles Band« windet sich durch die Ausstellung und bildet Räume aus, in denen die fünf Themenbereiche inszeniert werden. In einer Jurte geht es um Zeltkonstruktionen, im Raum zum Thema Schirme hängen tatsächlich Regenschirme von der Decke und pneumatische Konstruktionen finden sich in einem aufblasbaren, begehbaren Raum. Zahlreiche Videoeinspielungen erlauben eine intensivere Beschäftigung mit einzelnen Themen. Die von der Bayerischen Architektenkammer mitorganisierte Ausstellung wird so zu einem sinnlichen Erlebnis.
Bis 6. Oktober. Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg, Provinostraße 46, 86153 Augsburg, Di-So 9-18 Uhr, www.timbayern.de Weitergehende Informationen bietet die Publikation »Textile Architektur« von Sylvie Krüger, 49,80 Euro, Jovis, 2009.