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Japan-ness (Metz)

~Hubertus Adam

Japanische Architektur steht im Westen hoch im Kurs. Das derzeitige Bild ist geprägt von filigranen, leichten, fast ätherischen Bauten, wie sie beispielsweise von SANAA entworfen werden oder dem knapp eine Generation jüngeren Sou Fujimoto. In Europa und den USA realisieren die japanischen Architekturstars vornehmlich Kulturbauten. In Japan sind es Kleinsthäuser in Tokio, die hierzulande als Ikonen gefeiert werden: Nirgends wird Verdichtung so radikal, so minimalistisch, so ästhetisch angegangen wie im asiatischen Inselstaat, der seit seiner Öffnung Mitte des 19. Jahrhunderts trotz aller politischer Verwerfungen stets positiv rezipiert wurde.

Es ist das Verdienst der Ausstellung »Japan-ness« im von Shigeru Ban entworfenen Centre Pompidou in Metz, den verengten westlichen Fokus auf die japanische Architektur aufzuweiten. Japan-ness – der Begriff, der die Frage nach dem Bezug zur Tradition aufwirft, wurde von Arata Isozaki in den Diskurs eingebracht – zeigt einerseits ein relativ breites Spektrum an zeitgenössischen Architekturpositionen und setzt andererseits bereits im Jahr 1945 ein. Die Zerstörung des Landes, die in den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki kulminierte, zwang zu einem völligen Neuanfang. Schwarz ist der dem Jahr 1945 gewidmete Eingangsraum gestrichen, hier beginnt die Ausstellung mit Filmen und Bildern der zerstörten Städte. In den sechs anschließenden Kapiteln folgt die Ausstellung der rasanten Entwicklung der japanischen Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei jedes Kapitel ein oder zwei Dekaden umfasst: 1945-55, 1955-65, 1965-75, 1975-95, 1995 bis zur Gegenwart. Im Detail könnte man über diese Gliederung diskutieren, wird doch beispielsweise das metabolistische Jahrzehnt der 60er Jahre auf zwei Kapitel aufgeteilt. Insgesamt ist die Zusammenschau jedoch in ihrer Vielfalt überzeugend. Mit Zeichnungen, Plänen, Fotos und einer reichen Auswahl an Modellen wird ein facettenreiches Bild der japanischen Architekturentwicklung gezeichnet; einige Materialien stammen aus der Sammlung des Centre Pompidous, die meisten indes aus Archiven oder Büros in Japan. Wichtige Exponenten der ersten Wiederaufbaujahre, darunter die Corbusier-Schüler Kunio Maekawa, Junzo Sakakura und Takamasa Yoshizaka sind mit Projekten vertreten, aber auch Antonin Raymond oder Seiichi Shirai. Die metabolistischen Visionen mögen außerhalb Japans bei denjenigen, die sich für die Architektur des 20. Jahrhunderts interessieren, die größte Bekanntheit genießen, doch spannend ist gerade die Zeit nach der Weltausstellung 1970 in Osaka. Der Metabolismus hatte sich in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen kommerzialisiert und diskreditiert, die Zeit der großen Utopien war vorbei. Kazuo Shinohara, Toyo Ito oder Tadao Ando treten mit kleinen radikalen Projekten in Erscheinung, außerdem werden postmoderne Tendenzen greifbar, die in Japan vielfältiger, z. T. auch provokanter ausfallen als in Westeuropa. Dass in der Zeit der Bubble-Economy der 80er und 90er Jahre allerdings auch viele westliche Architekten – wie David Chipperfield, Aldo Rossi, Philippe Starck oder Peter Eisenman – in Japan Aufträge erhielten, bleibt durch die Fokussiererung auf japanische Architekten ausgeblendet.

Der zur Gegenwart überleitende Teil der Ausstellung ist in der doppelgeschossigen Halle des EG untergebracht: aus der Enge und aus konservatorischen Gründen gedämpften Lichtsituation tritt man ins Helle. Sou Fujimoto, der für die Ausstellungsarchitektur verantwortlich zeichnet, konnte hier das klassische Ausstellungslayout verlassen. Minihäusern gleich, bilden Einbauten die Schnittstelle zwischen beiden Ausstellungsbereichen. Fotos der jüngsten Architekturproduktion Japans hängen an Tafeln im Luftraum und wirken zusammen
mit weißen Tafeln, die imaginären Platz für Bilder zukünftiger Bauten lassen, wie ein den Luftraum beherrschendes kaleidoskopartiges Mobile. Auch hier wurde darauf geachtet,
eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen
zu präsentieren.

Der Kurator der Ausstellung, Frédéric Migayrou, widmet sich der Erforschung der japanischen Architektur schon seit längerer Zeit. Die jetzige Ausstellung ist die Fortschreibung einer Schau, die 2014 unter dem Titel »Japan Architects 1945-2010« im von SANAA entworfenen 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa zu sehen war.

Bis 8. Januar. Japan-ness. Architektur und Städtebau in Japan von 1945 bis heute. Centre Pompidou-Metz, 1, parvis des Droits-de-l’Homme
CS 90490, 57020 Metz Cedex 1, Mo-So 10-18 Uhr, Di geschlossen. www.centrepompidou-metz.fr