Hamburg und seine Brücken (HAMBURG)

~Lars Quadejacob

In Hamburg ist man stolz auf die zahlreichen Brücken der Stadt und kolportiert gerne, dass es dort mehr davon gebe als in Venedig und Amsterdam zusammen, nämlich etwa 2500. Eine gute Idee ist es deshalb, sich dieser stadttypischen Bauwerksgattung einmal in Form einer Ausstellung anzunehmen, wie es das Museum der Arbeit jetzt anlässlich des sechsten Hamburger Architektursommers macht. Behandelt wird dabei die Zeit zwischen dem großen Stadtbrand von 1842 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Ausstellung gliedert sich chronologisch und beginnt mit Steinbrücken. Reproduktionen von Entwurfszeichnungen begleiten die Wandtexte, während die eigentliche Attraktion aus konservatorischen Gründen in Planschränken liegt, deren Schubladen der Besucher aufziehen kann: originale farbige Entwurfszeichnungen aus dem 19. Jahrhundert – zum Teil von so prominenten Bauwerken wie der Lombardsbrücke. Detailskizzen, wie beispielsweise die für die Brücke in Rötel gezeichneten Kandelaberfüße mit vollplastischen Schwänen, künden eindrucksvoll von den detailverliebten Gestaltungsauffassungen ihrer Entstehungszeit.
Vom Siegeszug der Ingenieursästhetik zeugen hingegen die Pläne und großformatigen Fotos vom Bauprozess der ab den 1890er Jahren rasch an Bedeutung gewinnenden genieteten Stahlkonstruktionen: Wenngleich Ge- länder und Widerlager zeittypischen Dekor erhielten, so ist es doch die Großform des stählernen Brückenkörpers und die serielle Ästhetik der endlosen Nietenreihen, die jetzt die Bauwerke prägen. Sowohl der rasante Ausbau des Hafens als auch die Einführung der Hochbahn führten in Hamburg zu zahlreichen spektakulären Konstruktionen in der neuen Technik, die zum Beispiel im Hochbahnviadukt entlang des Hafens bis heute ihre stadtbildprägende Wirkung behalten haben.
Dem Ausstellungsort entsprechend findet auch die Arbeitswelt, die sich mit dem Stahlbrückenbau verbindet, Berücksichtigung. So sieht man Werkzeuge der damaligen Schlüsseltechnik, nämlich »Nietenkocher mit Nietengabel und Nietenzange«. Aber auch Geräte zur Instandhaltung wie historische Messgeräte für Beschichtungsstärke und Rissmikroskope werden gezeigt; die Endlosvorführung einer Fernsehdokumentation zur Arbeit heutiger Hamburger Brückenprüfer rundet diesen Bereich ab. Ein herausgetrenntes Stück der sanierten Ellerntorsbrücke sorgt für sinnliche Präsenz des Themas »genietete Stahlkonstruktion« in der Ausstellung. Weitere Originalteile sorgen ebenfalls für authentisches Flair, so etwa die vermutlich erstmals gezeigten Wappensteine der 1960 zur Schaffung neuer Fahrbahnen abgebrochenen historistischen Portale der Norderelbbrücke oder die schmiedeeiserne Adlerbekrönung der Harburger Elbbrücke. Mit Mitteln wie diesen schafft es Ausstellungskurator Jürgen Bönig vom Museum der Arbeit die Präsentation zu einer atmosphärischen Darstellung werden zu lassen, die zugleich viel über Konstruktion, Statik und Bauprozess vermittelt. Tiefergehende Informationen hierzu liefert die begleitende Buchpublikation des Journalisten und Technikhistorikers Sven Bardua. Mit einer beachtlichen Fülle von Beispielen in ihrem jeweiligen stadtgeschichtlichen Kontext wird das Buch sicher für lange Zeit ein Standardwerk zum Thema Brücken in Hamburg sein.
»Wie mit historischen Brücken umgehen?« heißt das abschließende Kapitel der Ausstellung. Dort ist zu lesen, dass heute die »behutsame Erhaltung« dominiere. Das ist schlichtweg gelogen wie allein die Fotodokumentation neben diesem Text belegt, denn weder die dort gezeigte Binnenhafenbrücke am Baumwall noch die Bahnbrücken im Schanzenviertel gibt es noch. Keine Erwähnung findet die erst Ende 2008 zerstörte zweistöckige Oberhafenbrücke, sicher eines der originellsten Brückenbauwerke der Stadt. Bleibt zu hoffen, dass diese gelungene Ausstellung dazu beiträgt, ein Umdenken einzuleiten, damit dieser für das Stadtbild Hamburgs so prägende Teil des Bauerbes erhalten bleibt.
Bis 3. Januar. Hamburg und seine Brücken, Baukunst – Technik – Geschichte bis 1945. Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, Di-Sa 10–17, Mo 13–21, So 10–18 Uhr www.museum-der-arbeit.de Katalog: Dölling & Galitz Verlag, 24,90 Euro