Architektur wie sie im Buche steht (München)

~Ira Mazzoni

Der Ausstellungsparcours gleicht einem Labyrinth. Der Besucher bewegt sich zwischen aufgeklappten, blauen Buchdeckeln wie Alice im Wunderland. Jede neu aufgeschlagene Seite gibt der Bewegung eine neue Wendung und von Kapitel zu Kapitel, vom Frontispiz zum Bild, vom Plan zum Modell gerät der staunende Leser in teils verschüttete Tunnel seiner erlesenen Raum-Fantasien. Von Babylon bis Entenhausen, von Atlantis bis zu Solaris reicht die Tour ideél. Wunderbares gibt es zu entdecken, wie etwa das Gemälde »Stadt am Strom« von Karl Friedrich Schinkel mit dem befreundeten Dichter Clemens Brentano wetteiferte. Oder die plakatgroßen, ornamental verschlungenen Entwürfe des belgischen Wort-Bild-Duos François Schuiten und Benoît Peeters zu ihrer Comic-Serie »Geheimnisvolle Städte«. Es gibt Bilder von der fiktiven wie der realen Burg Lichtenstein, aber auch jene von Emil Zolà angeregten Entwürfe Tony Garniers zu einer cité industrielle, die ihm 1905 die Stelle des Stadtbaumeisters von Lyon einbrachten. Zum Interessantesten was die Ausstellung zu bieten hat, zählen jene Raumgebilde, die Autoren zu ihren eigenen Werken skizzierten, malten oder gar bauten, um während der Produktion den Überblick nicht zu verlieren. »Stets habe ich bisher, in allen stories of fiction, mit neugierigem Bedauern vermisst, dass der Dichter einmal seine räumliche Vision dem Leser vorgelegt hätte. Beim Lesen ist es ja stets so, dass der Leser sich die Szenerie in ein kurioses Eigenland verlegt; sollte es nicht von größtem Wert sein, wenn er auch einmal erführe, wie sich der Poet selbst so die Lokalitäten gedacht hat?«, fragt Arno Schmidt seinen Verleger. Allein seine Landkarte zu »Brands Heide« wurde seitenverkehrt als Umschlagsmotiv verwendet. Die grundlegenden Dichterpläne reichen von den mageren Grundrissen Thomas Manns zum Buddenbrook-Haus bis zu den elaborierten Stadtplänen William Faulkners. Umberto Ecos festungsähnliche Anlage der Bibliothek aus dem »Namen der Rose« gilt es genauer zu studieren. Michael Endes spitzfedrige Stadt- und Zivilisationskritik lässt wie auch Ringelnatz‘ Waisenhaus-Gemälde eine Doppelbegabung erkennen. Dass häufig selbst die detailliertesten Maßangaben der Literaten nicht helfen, Idealstädte in eindeutige Modellformen zu pressen, diese Erfahrung konnten die Studenten der TU München in ihren Seminaren gleich mehrfach machen. Der materiellen Perfektion ihrer Visualisierungen tut das keinen Abbruch. Gleichwohl, die Ausstellung mäandriert so zwischen den Aspekten erdichteter Architekturen, dass der Griff zum Ausstellungs-Buch lohnt: Monumental wie Shakespeares Sämtliche Werke verlocken die gebundenen Essays zu weiteren belletristischen Architektur-Streifzügen.
Bis 11. März. Architekturmuseum der TU München, Pinakothek der Moderne, Katalog: Anton Pustet Verlag Salzburg, 568 Seiten, 380 farbige Abb., 39 Euro im Museumsshop.