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Wohnbauten in Nizza von Maison Edouard François

Ein Park klettert über die Häuser
Wohnbauten in Nizza

Mit dem Quartier Le Ray schuf das Pariser Architekturbüro Maison Edouard François ein einzigartiges Wohnumfeld. Der Gemeinschaftsgedanke steht dabei ebenso im Vordergrund wie eine Begrünung, die den benachbarten Park gleichsam bis in die Wohnungen holt.

Architekten: Maison Edouard François
Landschaftsarchitektur: La Compagnie du Paysage

Kritik: Roland Pawlitschko
Fotos: Wearecontents

Nizza verzeichnet nach Paris die meisten Städtetouristen in Frankreich, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass es als die französische Großstadt mit den meisten Sonnenstunden gilt. Im Sommer wird jedoch genau das oft zum Problem, weil sich die Straßen und Gebäude über den Tag auch ohne Hitzewelle so aufheizen, dass die Temperaturen selbst nachts kaum unter 30 °C fallen. Darunter leiden v. a. jene innerstädtischen Bereiche, die nur über wenige Grünflächen verfügen. Das neue Quartier Le Ray liegt nur ein paar Kilometer nördlich der mondänen Promenade des Anglais am Mittelmeer, dort, wo die dichte Bebauung der Stadt in die geschwungene Hügellandschaft der Seealpen übergeht. Bis vor fünf Jahren befand sich hier noch das Stade du Ray des Erstliga-Fußballvereins OGC Nice, der heute in einem Neubau am Stadtrand spielt.

Um das Gelände nach Abriss des alten Stadions neu zu ordnen, initiierte die Stadt einen Wettbewerb für Partnerschaften aus Bauunternehmen und Architekten. Neben einem 2 ha großen öffentlichen Park sollten – ohne konkrete ökologische Vorgaben – auf einem weiteren Hektar insbesondere Ladenflächen und Wohnungen entstehen. Zum Raumprogramm gehörten ein Supermarkt und Einzelhandelsflächen (insgesamt 6 000 m²), ein Trainingsraum für japanische Kampfkünste (1 000 m²), 650 Stellplätze und insgesamt 350 Wohnungen.

Dass das Pariser Architekturbüro Maison Edouard François das Verfahren gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten von La Compagnie du Paysage und dem Baukonzern VINCI für sich entscheiden konnte, hatte v. a. eine Ursache: Die Architekten entwarfen ein Projekt, das so eng mit den urbanen und klimatischen Eigenheiten der Stadt sowie mit den Besonderheiten des Grundstücks verwoben ist, dass es seinerzeit wie heute noch schwerfällt, sich hier alternative Lösungen vorzustellen. Wesentlich hierbei ist die Tatsache, dass sich die Neubebauung nicht als eitle architektonische Landmarke präsentiert. Im Gegenteil: Sie verschwimmt subtil sowohl mit dem bestehenden städtischen Umfeld als auch mit dem neuen, ebenfalls von der Compagnie du Paysage geplanten Park.

Wohnen im Mittelpunkt

Wer sich aus der Innenstadt auf den Weg zum Quartier Le Ray macht, beispielsweise mit der Straßenbahnlinie 1, ist angesichts der Kleinteiligkeit zunächst einmal überrascht. Am Boulevard Gorbella gibt es weder Hinweise auf die Präsenz eines großen Supermarkts noch auf eine Parkgarage mit 650 Stellplätzen. Während das EG wegen der wenigen bescheidenen Schaufenster und der einfachen Markisen einen kleinen Lebensmittelmarkt erwarten lässt, entpuppt sich das Ganze beim Eintreten als Hypermarché mit allem Pipapo. Dass dieser Markt von außen nahezu unsichtbar bleibt, hat damit zu tun, dass der größte Teil seiner Fläche dank des sorgfältig modellierten Geländes unter der Erde liegt – ebenso wie die beiden Tiefgaragengeschosse, deren Zufahrt in einer Nebenstraße angeordnet wurde. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die insgesamt zehn Wohnhäuser mit 260 Eigentums- und 90 Sozialwohnungen, die sich mit überbordender Boden-, Fassaden- und Dachbegrünung allesamt über der Ladenfläche befinden. Sie, und nicht der Kommerz oder das Auto, definieren das weithin sichtbare, einprägsame Erscheinungsbild des neuen Quartiers.

Zwei dieser Wohnhäuser, die wegen der Erdbebengefahr in der Region alle in Stahlbeton konstruiert sind, nehmen eine Sonderposition ein. Sie beherbergen an der Gebäudeecke über dem Eingang zum Hypermarché die Sozialwohnungen und suggerieren durch die unterschiedliche Fassadengestaltung drei unprätentiöse Einzelgebäude, die einen vermeintlich im Lauf der Jahre gewachsenen Blockrand ausbilden. In Wirklichkeit handelt es sich (auch bei dem Bau mit den historisch anmutenden Klappläden) um Neubauten von Edouard François, die nur scheinbar nachträglich um ein bis zwei OGs aufgestockt wurden. Diese Geschosse verfügen über die gleiche begrünte Gebäudehülle und die gleichen weit auskragenden Balkonplatten wie die meisten der anderen Neubauten und definieren so den fließenden Übergang zwischen Stadt und Park. Bis ins EG begrünte Fassaden hätten hier deplatziert gewirkt, und ohne dieses Bindeglied wären die Blockränder nicht als Teil der Gesamtanlage erkennbar gewesen.

Begrünung als integraler Teil des Gebäudeentwurfs

Der zentrale Zugang zum Quartier liegt am Boulevard Gorbella. Von hier gelangen alle Bewohner zunächst in eine mondäne Eingangshalle mit Devotionalien des OGC Nice und über eine breite Treppe schließlich nach oben in den Freibereich zwischen den in drei Zeilen angeordneten Häusern. Was beim Vor-Ort-Besuch angesichts der sengenden Julihitze sofort spürbar ist: Dank der engen Stellung der Häuser und der üppigen Begrünung herrscht ein sehr angenehmes Kleinklima. Nicht zu übersehen ist auch, dass die Bepflanzung sowohl am Boden als auch an der Gebäudehülle heute sehr viel dichter geschlossener ist als auf den Fotos, die ziemlich genau ein Jahr zuvor entstanden. Dieser Erfolg ist insbesondere den Landschaftsarchitekten der Compagnie du Paysage zu verdanken. Sie haben in enger Abstimmung mit den Architekten mehrere Hundert Pflanzenarten ausgewählt, die optimal an das mediterrane Klima angepasst und zugleich robust und anspruchslos sind.

Außer den zwei Blockrandhäusern gibt es zwei grundsätzlich unterschiedliche Typen von Gebäuden. In der Mitte stehen zwei aufgeständerte Laubenganghäuser mit Fassaden, die an Staketenzäune erinnern. In deren EGs liegen von allen Bewohnern genutzte Bereiche: Fahrradabstellplätze, eine E-Bike-Ladestation sowie ein Gemeinschaftsraum. Ebenfalls gemeinschaftlich genutzt sind die beiden Dachflächen. Sie sind als Dachgärten angelegt, die von einem externen Verein betreut werden und mit Hochbeeten den Anbau von Gemüse, Salat, Beeren etc. ermöglichen. Zwei Gewächshäuser dienen als zusätzliche Pflanzfläche bzw. als Ort zur Aufbewahrung von Gartenutensilien.

Die Kubatur der sechs seitlichen Gebäude ist geprägt von den lebhaft vor- und rückspringenden Sichtbetonwänden sowie von den unterschiedlich weit auskragenden Balkonplatten. Ihr Erscheinungsbild wird dennoch wesentlich von einem filigranen Gerüst aus robustem unbehandeltem Kastanienholz bestimmt, das die Architekten vor den Wänden und Balkonen platzierten. Teil des Gerüsts sind unregelmäßig in unterschiedlichen Höhen angebrachte Holz-Pflanztröge mit Kletterpflanzen, die am Holzgerüst und an diagonal gespannten Edelstahlseilen entlangwachsen. Um die darin eingesetzten Pflanzen müssen sich die Bewohner ebenso wenig kümmern wie um die Grünflächen am Boden. Nach rund fünf Jahren sollen die Pflanzen ein in sich geschlossenes Ökosystem ausgebildet haben, in dem sie so zusammenwirken, dass sie nicht mehr gegossen werden müssen. Bis dahin übernehmen Landschaftsgärtner zweimal pro Jahr die notwendige Pflege. Ohne die Wohnungen betreten zu müssen, gelangen sie mit Hubsteigern an die Pflanztröge. Deren Bewässerung erfolgt – sofern es Niederschläge gibt – mittels Regenwasser, das in einer zentralen unterirdischen Zisterne gesammelt und über ein sichtbares Schlauchsystem verteilt wird. Was das Erscheinungsbild der begrünten Gebäudehülle so faszinierend und zugleich kostengünstig macht, ist die angenehm unprätentiöse und luftige Konstruktion: Die Kanthölzer sind simpel verschraubt, völlig unregelmäßig gemasert und häufig nicht im Lot.

Typisch Nizza

Ein weiterer Grund, weshalb sich das Quartier Le Ray so selbstverständlich in sein Umfeld einfügt, sind die vielen kleinen Details, die die Gebäude klar als nizzaisch kennzeichnen: die azurblauen Stühle in den Freiflächen, die seit Jahrzehnten die Promenade des Anglais säumen; die mit einem Trompe-l’Œil bemalte Fassade – eine Hommage an die vielen historischen Pendants, die einst in der Stadt entstanden, um die für echte Fenster fälligen Steuern zu sparen; oder die sand- und erdfarbenen Putz- und Steinfassaden zum Boulevard Gorbella, die den typischen Fassaden der Stadt entsprechen.

Auch wenn gut drei Viertel der 350 Wohnungen Eigentumswohnungen sind, die bei einer Vermietung gute Preise erzielen dürften, handelt es sich bei dieser Neubebauung nicht um ein elitäres Luxusquartier. Dafür sorgt eine Architektur des Augenmaßes und der Maßstäblichkeit, bei der nicht die einzigartige Außenwirkung im Vordergrund steht, sondern die Gemeinschaft der Menschen und das Miteinander von Stadt und Natur. Und das sollte in Wohnquartieren kein Luxus, sondern vielmehr die Regel sein.


Bevor sie sich gemeinsam auf Besichtigungstour begaben, genossen unser Kritiker Roland Pawlitschko (links) und Mélanie Alagia (stellvertretende Projektleiterin für Gebäudeentwicklungen bei VINCI) erst einmal den schattigen Raum zwischen den Häusern.


  • Standort: 54, boulevard Gorbella, F-01600 Nizza

    Bauherr: VINCI Immobilier, Boulogne-Billancourt
    Architekten: Maison Edouard François, Paris, mit ABC Architectes
    Projektteam Maison Edouard François: Wettbewerb: Mathieu Chatenet, Giulia Ragnoli, Gabrielle Jouy; Entwurf: Jérémie Dalin, Giulia Ragnoli, Joachim Bussery, Camille Gravieldinger, Benjamin Haziot; Ausführung: Pauline Lecrivain, Camille Gravieldinger, Simona Dirvariu, Mathieu Chatenet
    Tragwerksplanung: André Verdier, Montpellier
    Landschaftsarchitektur: La Compagnie du Paysage, Paris
    Gebäudetechnikplanung: Ingérop, Rueil-Malmaison
    Kostenplanung: VPEAS, Bordeaux
    Grundstücksfläche: 1,2 ha
    Läden: 6 000 m²
    Tiefgarage: 16 300 m² (650 Stellplätze)
    Dojo (Übungshalle für japanische Kampfkünste): 1 200 m²
    Wohnungen: 17,144 m² (96 Sozialwohnungen und 242 Eigentumswohnungen)
    Gesamtgeschossfläche: 24 250 m²
    Baukosten: ca. 48,8 Mio. Euro (ohne Mehrwertsteuer)
    Wettbewerb: 2016, 1. Preis
    Bauzeit: Juni 2018 bis März 2021
  • Beteiligte Firmen:
    Generalunternehmer: VINCI Construction France (Dumez Côte d’Azur, ADIM Côte d’Azur), Nanterre

Maison Edouard François


Edouard François

Architektur- und Städtebaustudium an der ENSBA und l’Ecole nationale des ponts et chaussées, Paris. 1988 eigenes Büro; seit 2012 Maison Edouard François. Lehraufträge an der AA London, an der École spéciale d’architecture, Paris und an der Design Academy, Eindhoven.


Roland Pawlitschko

Architekturstudium in Karlsruhe und Wien. Architekturtheoretische Arbeiten, Ausstellungen und Architekturführungen. Seit 1999 Architekt und freier Autor in München.

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