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Wohnhochhäuser »Romeo und Julia« in Stuttgart-Rot

… in die Jahre gekommen
Wohnhochhäuser »Romeo und Julia« in Stuttgart-Rot

Hans Scharouns erstes Großprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg stellt nach wie vor die städtebauliche und identitätsstiftende Dominante des Nachkriegsstadteils Stuttgart-Rot dar. Wichtiger Teil der ausdrucksstarken organischen Architektur des Wohnhochhausensembles ist das umfassende Farbkonzept, dessen Stärke in großen Teilen bis heute erlebbar ist.

    • Architekt: Hans Scharoun mit Wilhelm Frank
      Farbgestaltung: Manfred Pahl

  • Kritik: Martin Höchst
    Fotos: Archiv der Akademie der Künste, Thomas Fütterer, Martin Höchst
Der heutige Stuttgarter Stadtteil Rot nahm bereits in den ersten Nachkriegsjahren die Grundzüge seiner heutigen Gestalt an: Rund 3 000 Sozialmietwohnungen entstanden in kurzer Zeit, um dem auch im Ballungsraum Stuttgart herrschenden Wohnungsmangel – bedingt durch Kriegszerstörung und Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen – Herr zu werden. Die einfachen, drei- bis fünfgeschossigen Zeilen boten zwar Wohnraum, aber keine Varianz bei Wohnungsgrößen und -standards und führten so zu einer homogenen Bewohnerschaft. Daher nahm die Stadt Stuttgart 1952 das Vorhaben der Universum Treubau GmbH, den Standort mit guter Anbindung durch die Straßenbahn für gehobenen Eigentumswohnungsbau zu nutzen, sehr positiv auf. Um dem ambitionierten Projekt die angemessene Gestalt zu geben, beauftragte die Wohnbaugesellschaft den zu dieser Zeit bereits wieder zu Ansehen gekommenen Hans Scharoun. Obwohl er im Dritten Reich von der Verwirklichung öffentlicher Bauvorhaben ausgeschlossen war, hatte Scharoun Deutschland nicht verlassen, sondern sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und einige Einfamilienhäuser im Raum Berlin realisiert. Hierbei entwickelte er seine persönliche Formensprache des »organischen Bauens« weiter. Bei »Romeo und Julia«, wie sein erstes realisiertes Großprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg der beiden Wohnhochhäuser in Stuttgart-Rot dann identitätsstiftend genannt wurde, konnte er die auch dabei gewonnenen Erkenntnisse auf einen größeren Maßstab überführen.
Prägnant und zugewandt
Auf der ansteigenden Straße von Zuffenhausen nach Rot offenbart sich eindrücklich, dass der Wunsch nach Prägnanz und Dominanz der beiden Baukörper von Scharoun konsequent verfolgt und umgesetzt wurde. Julia – in einem Dreiviertelkreis als Laubengangtyp organisiert – staffelt sich, den Geländeverlauf überhöhend, von vier über sieben auf elf Vollgeschosse und lenkt den Blick auf den 18-geschossigen Wohnturm Romeo. Während die komplexe Geometrie Julias zwischen Landschaft, angrenzenden Zeilenbauten und ihrem Gebäudepartner vermittelt, besetzt dieser selbstbewusst eine Ecke der wichtigsten Kreuzung von Rot. Sein EG und Teile des 1. OGs, die bis heute als Läden und Gastronomie genutzt werden, verweben sich geradezu mit dem öffentlichen Raum des Bürgersteigs – in Form von Fassadenversätzen, als Freitreppe, Überdachung, eingeschossigem Zubau und zweier frei stehender Schaukästen. Ein lang gestreckter Garagenhof bindet das Ensemble zusammen und bildet damit den Rücken für einen geschützten aber nicht abgeschlossenen Freibereich der Wohnanlage.
Gestapelte Individualität
Beim Anblick der mehrfachgeknickten Fassaden beider Häuser mit ihren spitzwinkligen Balkonen an vielen Außenecken ist sofort klar, dass dahinter keine Standardgrundrisse liegen können. Die nur wenigen rechten Winkel der Wohnungen – besonders bei Julia – machten gar eine Mustermöblierung nötig, um potenzielle Käufer von deren Nutzbarkeit zu überzeugen. Der Entwicklung dieser Grundrisse lagen ausführliche Untersuchungen zugrunde; u. a. zu großzügigem Wohnen auf überschaubarer Fläche, hoher Tageslichtausbeute und dem Wunsch, im abgesteckten Rahmen des Massenwohnungsbaus doch eine gewisse Individualität zu erzeugen. Die weitgehend offen gestalteten Grundrisse erfuhren jedoch im Laufe der Jahrzehnte größtenteils eine stärkere Trennung der verschiedenen Bereiche durch ihre Nutzer. Der Anteil der ursprünglich fast ausschließlich selbstgenutzten Eigentumswohnungen ist in gut 50 Jahren auf die Hälfte zurückgegangen. Trotz veränderter Bewohnerstruktur scheint sich die Mischung unterschiedlicher Wohnungsgrößen, von der Einraumwohnung bis zur Maisonette, und deren Anordnung bewährt zu haben.
Besonders und erhaltenswert
An der solide ausgeführten Stahlbeton-Tragstruktur aus Wohnungstrennwänden und Erschließungskernen gab es über die Jahre keinen nennenswerten Sanierungsbedarf. Anders an der Gebäudehülle: Der Verputz der Fassade an den Wetterseiten musste stellenweise erneuert werden, Holzfenster wurden meist gegen Kunststofffenster getauscht und den transluzenten Scobalit-Windschutz sämtlicher Balkone ersetzte man durch Aluminium, um den mittlerweile verschärften Brandschutzbestimmungen Genüge zu tun. Darüber hinaus wurde Romeo in den 80er Jahren zunächst mit einem neuen Anstrich in einer veränderten Farbfassung versehen. Doch obwohl das Bauensemble erst 1991 unter Denkmalschutz gestellt wurde, rief das Ergebnis der neuen Fassadengestaltung die Untere Denkmalschutzbehörde auf den Plan, die sich wiederum an Hans K. Schlegel wandte. Als Maler und Professor des Fachgebiets Farbe und Architektur, Farbdesign an der Fachhochschule Stuttgart bestens qualifiziert, überwachte er daraufhin die ebenfalls fälligen Arbeiten an den Fassaden von Julia, um hier eine möglichst originalgetreue Gestaltung der Farbflächen zu gewährleisten. Anhand des ausgeblichenen durchgefärbten Kratzputzes wurde jede Farbe nachgemischt und so aufgetragen, dass die Struktur des Originalputzes unter dem deckenden Anstrich weiterhin sichtbar blieb.
Für das Farbkonzept und die Außenraumgestaltung hatte Scharoun seinerzeit den Künstler Manfred Pahl engagiert, dessen Werk dem expressionistischen Realismus zugerechnet wird. Und obwohl in Scharouns Nachkriegswerk Farbe immer eine Rolle gespielt hat, stellt die Vielzahl der Farbtöne und deren umfassender Einsatz bei Romeo und Julia eine Besonderheit dar.
Die Knicke der konvexen Fassade Julias und die übereinander angeordneten Balkone mit ihren Sichtbetonplatten und Aluminiumbrüstungen sowie der Treppenturm, ebenfalls in Sichtbeton, geben die Ausdehnung der farblich wechselnden vertikalen Wandbänder vor. Dabei reicht die mittel- bis dunkeltonige Farbpalette der Putzflächen von Ocker über Grün und Blau zu Rot und Violett. Die beachtliche Baumasse wird so, die starke plastische Gliederung des Volumens ergänzend, segmentiert und entschärft. Zusätzliche Dynamik erfährt die Fassade dadurch, dass einzelne Fensterbrüstungsfelder wiederum entweder ähnliche oder kontrastierende Farben tragen. Dabei wird eine subtile horizontale Verzahnung der vertikalen Fassadensegmente durch die überspringenden Farbfelder wirksam. Auch die Fassade Romeos wies in ihrer ursprünglichen Farbfassung den Farbwechsel an den Kanten des Umrisses und die materialfarbenen, grauen Balkonabschnitte auf. Beides wurde jedoch bei der Sanierung in den 80er Jahren zugunsten einer in der Art und Anzahl der Farbtöne modifizierten Variante aufgegeben.
Ganz anders zeigt sich der Hof Julias, um den die Laubengänge offen angelegt sind. Das kühle Grau des gestrichenen Betons und der Aluminiumbrüstungen setzt dabei das geometrische, haushohe Relief der vertikalen Treppenhausfassade, dessen Flächen in verschiedenen ebenfalls kühlen Farbtönen gestrichen sind, geradezu dramatisch in Szene.
Die in Teilen erhaltene Farbigkeit ist wichtiger Bestandteil des architektonischen Erbes Hans Scharouns in Stuttgart-Rot, dessen Bedeutung als identitätsstiftendem und infrastrukturellem Zentrum des Stadtteils in den letzten Jahren wieder stärker ins Bewusstsein gerückt ist. Seit 2006 wurden neben vielen anderen stadtteilstärkenden sozialen Initiativen auch die Sanierung der beiden Schaukästen vor Romeo mit Mitteln des Bundes (LOS Lokales Kapital für soziale Zwecke) gefördert. Seit 2010 stellen sie zum einen bürgerschaftliche Aktivitäten und die daran Beteiligten vor, zum andern zeigen sie anhand von Modellen und Schautafeln, die in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich im Rahmen eines Forschungsprojekts gestaltet wurden, die Geschichte des Gebäudeensembles. Darüber hinaus soll bis 2014 in direkter Nachbarschaft ein Platz mit zusätzlichen Einkaufsmöglichkeiten entstehen, der den Namen Hans Scharouns tragen wird. Die Verknüpfung seiner Person und seines gebauten Erbes mit stadtteilverbessernden Zielen in Stuttgart-Rot hätte ihm wahrscheinlich gefallen. Seine Auffassung, dass die Gestalt seiner Bauten »nicht nur künstlerisch-ästhetisch begründet, sondern zutiefst mit dem Wesen Mensch verbunden« sein solle, spricht jedenfalls dafür. •
Standort: Schozacher Straße 40, 70437 Stuttgart

~Martin Höchst (mh)
1968 in Herrenberg geboren. 2001 Diplom an der Universität Stuttgart. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros. Seit Juli 2010 Volontariat bei der db.
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