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Reduce, Reuse, Recycle – Nachhaltiger Rückbau als Zukunftsstrategie

Reduce / Reuse / Recycle
R-Gebäudekonzept als Zukunftsstrategie

Es wird unvermindert weiter neu gebaut – trotz schwindender Ressourcen. Der wahre Wert von Bestandsbauwerken wird oft erst beim Abbruch erkannt. Doch es hat ein Veränderungsprozess im Bauwesen eingesetzt. Nutzen wir die Chance, gemeinsam eine zukunftsfähige Strategie zu entwickeln.

Text und Fotos: Ute Dechantsreiter

Städte und Gebäude sind Rohstoffminen, in denen große Mengen wertvoller Ressourcen über unterschiedlich lange Zeiträume verbleiben. Das Umweltbundesamt beziffert den Gesamtbestand in Bauwerken in Deutschland mit 50 Mrd. t. Dieses gigantische Wertstofflager rückt angesichts der schwindenden Ressourcen und der schwierigeren Beschaffung von Material immer mehr in den Fokus der Bauwirtschaft. Materialkosten und Transporte waren zwischenzeitlich unkalkulierbar. Es gibt einen Konflikt zwischen der Verknappung der Ressourcen und dem großen Bedarf an Rohstoffen. Das Urban Mining, die hochwertige Rohstoffbeschaffung aus der Ressource Stadt, wird notwendig, um Rohstoffkreisläufe zu schließen und sorgsam mit Rohstoffen umzugehen. Insbesondere aber gilt: nicht über die Maßen verbrauchen, sondern verträglich haushalten mit dem, was uns zur Verfügung steht.

Dies ist nicht nur eine Herausforderung für den Arbeitsprozess beim Rückbau: Der Sanierung und der Neuplanung von Gebäuden fällt schon längst eine Schlüsselrolle zu. Die kluge Konzeptionierung von Bauwerken mit Blick auf den effizienten und effektiven Einsatz von Material ist dringend geboten: Gebäude so zu planen, dass sie in Einzelteile zerlegbar sind und die Baustoffe maximal getrennt zurückgewonnen werden können; einfache konstruktive Lösungen und die Reduzierung der verwendeten Materialien in Art und Menge sind, betrachtet man den Lebenszyklus eines Gebäudes, nicht nur die wirtschaftlichste Lösung, sondern auch von großem ökologischem Nutzen für die Umwelt. Gesteigert wird der Nutzen ökologisch wie ökonomisch nur noch, wenn der Wert des Bestands auch an seinen Aufwänden für die schon einmal eingesetzten Rohstoffe und Herstellung »graue Energie« gemessen wird. Denn eins ist klar: Mit einer unveränderten Haltung werden wir auch bei einer Recyclingquote von 100% bei Bauabfällen den Bedarf an Rohstoffen bei Weitem nicht decken können.

Werte erhalten – Reden wir!

Beim Rückbau wird in erster Linie Wert auf die sortenreine Trennung der mineralischen Stoffe gelegt. Der schadensfreie Ausbau von noch gut erhaltenen Bauteilen und Elementen wird selten mit eingeplant. Die Erfahrungen zeigen, dass die Faktoren Information, Zeit, Logistik und Kommunikation beim Abbruch wesentlich sind. Veränderungen im Ablaufplan eines Abbruchs setzen ein hohes Maß an Kommunikation voraus. Diese zentrale Rolle der Koordination muss besetzt werden.
Für die schadensfreie Entnahme von Bauteilen müssten Fachkräfte seitens des Unternehmens bereitgestellt werden. Annahmestellen für die entnommenen Bauteile gibt es noch nicht flächendeckend und in ausreichenden Größen, dabei könnten dadurch täglich gut erhaltene Bauteile, vermessene Bauelemente und Restbaustoffe direkt für die Wiederverwendung vorgehalten werden. Dass es technisch möglich ist, vor Abbruch Bauteile schadensfrei auszubauen, beweisen Bauteilbörsen und Händler seit Jahrzehnten. Es ist ein Markt für gut erhaltene, gebrauchte Bauteile entstanden. Digitale Plattformen und Bauteilkataloge dienen der Vermittlung von gebrauchten Bauteilen.

R-Gebäudekonzept – ehrliche Rechnung erwünscht

Rückbau und die Entsorgungskosten sind bei der Erstellung eines Gebäudes unter dem Aspekt der Abfallreduktion oder -vermeidung mit einzuplanen. Der Einsatz von Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen, konstruktive Lösungen und Verbindungen wie Stecken, Klemmen oder Verkeilen, würden bei einer ehrlichen Vollkostenrechnung gewinnen. Durch eine kluge Gestaltung, die gezielte Verwendung weniger Materialgruppen und konstruktiver Lösungen kann der Aufwand für Reparaturen und Instandhaltung während der Nutzungsphase optimiert werden (Reduce).
Je umweltfreundlicher und »gesünder« die eingesetzten Baustoffe und Bauteile beschaffen sind und je besser sie sich voneinander trennen lassen, desto günstiger ist die Wiederverwendung (Reuse), -verwertung (Recycle) oder Entsorgung. Die vorgenannte Reihenfolge ist geboten. Bestandserhaltung und das Vermeiden von Bauschäden gehen einher mit der detaillierten Kenntnis über die Bauwerke. Das Anlegen eines Materialpasses, egal ob Altbau oder Neubau, ist heute eine nicht mehr wegzudenkende planerische Verpflichtung.

Aus alt macht neu

Das Materialkonzept des Verwaltungsgebäudes der Stadtwerke Neustadt in Holstein wurde nach dieser Strategie mit allen Gewerken erarbeitet. Aus einem Hamburger Bürogebäude konnten durch den Rückbau 2 000 m² hochwertige System-Bürotrennwänden von einem Fachbetrieb schadensfrei ausgebaut werden. Davon wurden 300 m² in die neuen Räumlichkeiten des Verwaltungsgebäudes eingebaut. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann: Es wurden nicht nur 8 t Abfall vermieden, 60 000 kWh Energie für die Herstellung neuer Trennwände und dadurch 5 200 kg CO2 gespart, sondern unterm Strich auch deutlich Kosten für das Neubauvorhaben verringert. Die komplette vorgehängte Holzfassade wurde aus alten, aufgesägten Eichenbalken hergestellt (Endbericht DBU 1.Phase, 2016).

In einem Sanierungsvorhaben von sechs Bremer Häusern wurde praktisch erprobt, welche Bauteile, gewonnen aus Abbruch und Containern, in den eigenen Sanierungsprozess integriert werden können. So ist es bereits vor 30 Jahren in beeindruckender Weise gelungen, das Bauen mit natürlichen Baustoffen in der Kombination mit der Wiederverwendung und Rückbau von Baumaterial zu demonstrieren. Die Altbausubstanz wurde durch viele gebrauchte, qualitativ hochwertige Bauteile so ausgestattet, dass diese dadurch zusätzlich noch an Wert gewonnen hat. Unterm Strich wurden nicht nur Baukosten, sondern auch bis heute Instandhaltungskosten eingespart. Kein Bauteil wurde bisher ausgewechselt. Nur das Parkett, das schon 1990 aus einer Jugendstilvilla ausgebaut wurde, musste erneut rückgebaut und konnte wieder eingebaut werden. Der Vorteil heute: Vor 30 Jahren wurde es geschraubt und nicht genagelt.

Wie geht es nun weiter?

Erst durch den Ansatz, bei der Neubauplanung die Abfallvermeidung und Wiederverwendung einschließlich des darauf abgezielten Rückbaus mitzudenken und zu dokumentieren, kann zukünftig die hochwertige Verwendung anfallender Materialien gelingen und können damit die natürlichen Ressourcen bewahrt werden. Öffentliche Träger können vorangehen und bei der Planung ihrer Bauvorhaben und in ihren Klimaschutzkonzepten entsprechende Festlegungen treffen. Denkbar wäre auch die Einrichtung von kommunalen Gebraucht-Bauteillagern sowie regionalen Informationssystemen, v. a. angesichts der Privatisierung von Abbruchprozessen (Genehmigungsbefreiung). Rechtliche Unsicherheiten bezüglich des Wiedereinbaus gebrauchter Materialien, Haftung und Gewährleistungsfragen sind ausreichend zu klären.

Für die Akzeptanz und die Verfügbarkeit von Recyclingmaterialien sind außerdem noch zusätzlich Rahmenbedingungen zu schaffen. Die vorhandenen Instrumente reichen nicht aus, um einen hochwertigen Wiedereinsatz von Recyclingmaterial zu manifestieren. Ein stellvertretendes Beispiel: Solange ein »frischer, natürlicher« Beton einfacher, preisgünstiger und auf kürzerem Weg zu beschaffen ist als ein RC-Beton, wird sich im Bauwesen nicht viel ändern. Das sehr komplexe Thema des nachhaltigen Bauens lässt sich ökologisch, sozial und ökonomisch nur umsetzen, wenn alle am Bau Beteiligten die dazu notwendige Grundhaltung mit in ihren Alltag und ihre Arbeitsweisen verantwortungsvoll übernehmen. Durch kooperative Geschäftsmodelle können Kompetenzen und Kräfte gebündelt und die Chance für eine dauerhafte, solide Umsetzung beschleunigt werden.


{Weitere Informationen zum Thema:
Gebäudebeispiele:
https://www.empa.ch/
http://re-use-building.de/
Wissenswertes:
www.bauteilnetz.de
www.germanwatch.org/de/overshoot
Materialvermittlung:
www.bauteilekatalog.de
www.concular.de
www.historische-baustoffe.de
www.materialrest24.de
www.oudebouwmaterialen.nl


Ute Dechantsreiter

Architekturstudium. Seit 1996 eigenes Büro. Lehraufträge an verschiedenen Instituten mit Schwerpunkt nachhaltiges Bauen. Gutachtertätigkeit.

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