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Gebäude für das Schweizer Fernsehen in Zürich (CH)
Generisch und spezifisch

Der ausgedehnte Stadtspaziergang unseres Zürich-Korrespondenten Hubertus Adam führte an den Stadtrand zum neuen News- und Sport-Gebäude des Schweizer Fernsehens. Um die faszinierenden Aspekte von Hoch- und Tiefbau zu erfahren, muss man hinein in Studios und Redaktionen und hinunter unter die Erde – was ihm zum Glück auch gelang.

Architektur und Tragkonstruktion: Penzel Valier

Kritik: Hubertus Adam
Fotos: Kuster Frey; Georg Aerni

1953 begann auch in der Schweiz das Fernsehzeitalter. Gesendet wurde das zunächst noch recht schüttere Programm aus einer zum Studio umgebauten Tennishalle des Hotels Bellerive im Zürcher Seefeld. Das änderte sich erst, als 1967 das neue Fernsehzentrum im Quartier Leutschenbach am nördlichen Stadtrand Zürichs in Betrieb ging. Es gibt viele Beispiele dafür, dass im 20. Jahrhundert Sendegebäude für Radio und Fernsehen als architektonische Herausforderung begriffen wurden; in Leutschenbach hingegen ließ man sich von der Generalunternehmung Ernst Göhner ein Ensemble von Zweckbauten mit geringem architektonischen Anspruch erstellen.

Die Wachstumsdynamik der Stadt Zürich führte dazu, dass das bislang von Gewerbearealen und Infrastrukturbauten geprägte Quartier Leutschenbach 2000 als Entwicklungsgebiet deklariert wurde. Auch das Fernsehen trug sich mit Erweiterungsplänen und veröffentlichte 2002 ein Projekt von MVRDV für ein skulpturales Parkhaus mit einem Fernsehstudio on top. Noch spektakulärer fiel einige Jahre später der Entwurf der Niederländer für ein 16-geschossiges Atriumgebäude auf demselben Grundstück aus. Die auch als »Konvergenz« bezeichnete Zusammenlegung des deutschsprachigen Radios und Fernsehens 2011 – das Gesamtunternehmen firmiert seither unter Schweizer Radio und Fernsehen SRF – machte diese Pläne indes zur Makulatur.

2012 veranstaltete die neue Mediengesellschaft einen Studienauftrag zur Weiterentwicklung des Areals Leutschenbach. Sieger wurde das vier Jahre zuvor gegründete Zürcher Büro Penzel Valier, das nachweisen konnte, dass sich der prognostizierte Raumbedarf durch Verdichtung und schrittweisen Umbau des Stammareals abdecken ließe. Grob gliedert sich der Bestand in drei parallele Gebäudegruppen: Administration im Westen, Studios und Produktion in der Mitte, Werkstätten im Osten. Werkstätten und Studios aber benötigen in Zukunft weniger Platz, da feste Studiokulissen zunehmend durch virtuelle Räume ersetzt werden. Das Konzept der Architekten basiert auf der Idee, die bestehende Struktur gewissermaßen als Platine beizubehalten und darauf je nach Bedarf unterschiedliche Baukörper anzuschließen, besser gesagt: aufzusockeln. Dies ermöglicht eine extreme Flexibilität – denn nicht die Konzentration verschiedener bislang dezentraler Sendeeinrichtungen an einem Ort stellt die Herausforderung dar, sondern die Frage, wie sich Fernsehen im digitalen Zeitalter entwickelt.

Hybrides Tragwerk

Der Bauteil, den Penzel Valier ganz im Südwesten auf dem einzigen bislang unbebauten Teilbereich des Studioareals errichtet haben, ist mithin der erste Baustein einer sukzessiven Gesamterneuerung mit offenem zeitlichen Horizont. Er besteht aus einem zweigeschossigen Sockel, der die Geometrie der bestehenden Gebäudegruppe fortsetzt und nahtlos an diese anschließt sowie einem dreigeschossigen und dreiseitig auskragenden Aufsatz, der quer, also westöstlich orientiert ist. Anfänglich als Technikgebäude vorgesehen, entschied man sich schließlich, im Neubau die Redaktionen und Studios für die Bereiche News und Sport unterzubringen, die bislang (und zum Teil noch) nahe dem Haupteingang in der nördlichen Mitte des Areals lokalisiert waren. Die Verlagerung dieser für den Sendebetrieb vielleicht wichtigsten Bereiche wurde nötig, da ein Umbau am angestammten Ort bei laufendem Betrieb nicht möglich war.

Im Zentrum des EGs befinden sich drei mit Moderationstischen ausgestattete Studioplätze mit auf Schienen fahrenden, automatisch gesteuerten Kameras und überdies ein auch öffentlich zugängliches Betriebsrestaurant. Im Mezzaningeschoss darüber sind die Steuerungsräume für die Sendetechnik untergebracht. Im aufgesockelten Volumen haben auf drei Ebenen die News- und Sportredaktionen mit dem neuen Newsroom im Zentrum ihren Platz gefunden. Der Sender wünschte sich für die Einrichtung eine maximale Flexibilität, da der Raumbedarf sich aufgrund von technischen und medialen Veränderungen stetig wandelt. Zudem bestimmten weitere Parameter als Vorgaben den Entwurf: die Minimierung der Grundfläche, was zur Idee der Auskragung führte; und die baurechtlich geforderte Traufkante von 22 m, die bei einer für den Studiobetrieb nötigen Raumhöhe und insgesamt fünf Geschossen zu einem möglichst kompakten Deckenaufbau zwang. All dies führte zu einer hybriden Tragwerksstruktur, die allerdings nicht überinstrumentiert in Szene gesetzt wird, sondern sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Ein Kranz von zehn in die Fassadenebene eingelassenen Pfeilern trägt zusammen mit vier weiteren Stützen, die die Studiolandschaft umstehen, die in Ortbeton ausgeführte Kassettendecke zwischen EG und Mezzanin. Komplette Stützenfreiheit war die Vorgabe für das Sende- und Steuerungsgeschoss darüber. Daher wurde dessen Kassettendecke nicht nur quer und längs vorgespannt, sondern zudem – wie auch die anderen Geschossebenen – an Zugstangen abgehängt. Die drei westlichen und drei östlichen Pfeiler spalten sich im 1. OG auf und wurden als (später einbetonierte) Stahlträger diagonal weitergeführt. Die nach außen führenden Äste übernehmen die Last der Auskragung, die nach innen orientierten die der zweigeschossigen die Technikräume auf dem Dach umhüllenden Wandscheiben, von denen die Zugstangen abgehängt sind. Zwecks räumlicher Optimierung sind die nach Süden orientierten Pfeiler im 1. OG zurückgeknickt. Zusätzlich kompliziert wird das System dadurch, dass die Auskragungen aufgrund des Abstands zur Grundstücksgrenze im Westen variieren und somit eine Axialsymmetrie nicht möglich war. Die Komplexität der Struktur mit ihren unterschiedlichen Materialisierungen – Ortbeton im Sockel, vergossener Stahl sowie

Betonfertigteile und elementierte Decken in den Obergeschossen – ist ein Bravourstück, das so wohl nur möglich war, weil Penzel Valier aufgrund der Ausbildung ihrer Gründungspartner als Architektur- und Bauingenieurbüro zugleich fungieren. Wohin auch immer man blickt, die Freude an Struktur und Textur wird deutlich. Etwa bei den ganz unterschiedlich ausgebildeten Betonoberflächen, mal als Kassetten, mal mit sägeroher Brettschalung; hier glatt bis zur Perfektion, dort ruppig und rau. Organische Plastik und repetitives Raster kommen zusammen – insbesondere bei der im Schnitt konischen Treppe, die sich von der Eingangshalle aus emporwindet: aus der Spindel wird ein Treppenauge, das sich von Geschoss zu Geschoss weiter aufweitet. Und tendenzielle Richtungslosigkeit, wie sie Rasterdecken zu eigen ist, trifft auf idealtypische Zentrierung mit einem zentralen Atrium. Für die Lichtregie entscheidend ist das auf dem Dach indirekt reflektierte Tageslicht, das zusammen mit den dreiseitigen Lichtbändern eine helle Arbeitsatmosphäre schafft.

All der Details und auch der elaborierten Tragstruktur zum Trotz: Der Raumeindruck zeigt sich bewusst zurückhaltend und programmatisch atelierhaft. Die Leitungen sind nicht nur im Installationsboden versteckt, sondern auch offen durch die Kassetten geführt. Und weil die Mitarbeitenden stets mit der Farbigkeit der Bildschirme konfrontiert sind, wurde die Farbigkeit ganz auf ein Grauspektrum reduziert. Zu den Betonoberflächen treten Kunststeinplatten des Bodens, die grau-silbrigen Vorhänge in den verglasten Besprechungsräumen und die Veloursteppiche des Künstlers Tobias Hantmann mit ihren grafischen Mustern, die von den Trittspuren immer wieder neu überlagert werden.

Man kann den Neubau von Penzel Valier als ein intelligentes Spiel mit Raumkonzepten der späten Moderne verstehen. Richtungslose, gewissermaßen generische Elemente wie die Kassettendecken werden mit organisch-skulpturalen Formen kombiniert, und vielleicht durchweht sogar ein klassischer Hauch die Innenräume. Die Idee der palladianischen Villa fasziniere ihn, erklärt Christian Penzel im Gespräch, also eine klare übergeordnete Struktur, die hinsichtlich der Nutzung zur Aneignung herausfordert. Die Stärke der Architektur besteht darin, dass sie diese Lesarten ermöglicht, ohne sie jedoch explizit zu formulieren. Das Gebäude besetzt einen prominenten Platz im Ensemble der Senderbauten und fügt sich erstaunlich gut in das Gefüge der unspektakulären Bauten aus den 60er bis 80er Jahren ein.

Letztlich steht der Neubau auch für ein gewandeltes Selbstverständnis des Senders. Gewünscht ist nicht mehr die bauliche Ikone à la MVRDV, sondern ein Funktionsgebäude, das zukünftig auch anderen Zwecken dienen könnte, wenn News und Sport innerhalb des Gesamtareals wieder umziehen sollten. Wichtig waren Transparenz und Offenheit – was so weit geht, dass man vom Restaurant auch als Gast direkt in die Studiolandschaft blicken kann. Welch ein Unterschied zu früheren Jahren, als das Sendezentrum unzugänglich und von Zäunen umfriedet war.

Ringen mit den Kräften der Natur

Unter dem öffentlichen Medienpark der Landschaftsarchitekten Krebs und Herde mit seiner üppig wuchernden Vegetation verbirgt sich das zweite, nicht minder eindrucksvolle Bauprojekt von Penzel Valier: eine viergeschossige Tiefgarage. Ober- und unterirdische Anlage sind Voraussetzung für die Verdichtung des Studiogeländes: Baurechtlich gefordert war zum einen ein Freiraumanteil von 25 % zum anderen der Nachweis einer hohen Anzahl von Parkplätzen. Um oberirdisch Platz zu sparen, mussten die Autos unter die Erde. Die größte Herausforderung des Vorhabens stellte jedoch das geologisch problematische Terrain dar: Die sumpfigen Riedwiesen wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen eines großangelegten Meliorationsprogramms nutzbar gemacht. Und auch heute liegt der Grundwasserspiegel wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche. Es bedurfte 30 m langer Schlitzwände, um das Volumen der Tiefgarage durch die Lehm- und Molasseschicht hindurch im Fels zu verankern. Sobald diese erstellt waren, wurde direkt über dem eigens modellierten Baugrund der Deckel der Tiefgarage betoniert. Schrittweise erfolgten dann unterirdisch der Aushub und das Betonieren der Geschossebenen, die zugleich die Queraussteifung der Betonwände übernehmen. Das Ringen mit den Kräften der Natur drückt sich insbesondere in der bizarren Gestaltung der Wände aus: Schrunden, Wülste und Oberflächenstrukturen dokumentieren das Einwirken des Erdreichs, waren mithin nicht planbar, während das höhlenartige Gewölbe der obersten Parkebene Resultat der bewussten Modellierung der Erdoberfläche ist. Hinzu kommen die, auch vom Park aus einsehbaren Wendelrampen, an deren Boden sich in Becken eindringendes Wasser sammelt, und die Rampenportale, die wie aufgerissene Krokodilsmäuler wirken und von Rino Tamis expressiv geformten Tunnelportalen der Gotthardautobahn inspiriert sind.

Hochbau und Tiefbau sind in Leutschenbach zwei komplementäre Bauaufgaben, deren verbindendes Element die Verwendung des Betons ist. Das Spektrum seiner Aggregatzustände reicht von rauer Naturhaftigkeit bis zu extremer Verfeinerung.

Schnitt: Penzel Valier, Zürich
Grundriss EG: Penzel Valier, Zürich
Grundriss EG: Penzel Valier, Zürich
Lageplan: Penzel Valier, Zürich
Schnitt: Penzel Valier, Zürich

  • Standort: Fernsehstraße 12, 14, CH-8052 Zürich

Bauherr: Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich
Architektur und Tragkonstruktion: Penzel Valier, Zürich
Mitarbeiter: Christian Penzel, Martin Valier, Leonore Daum, Friedrich Tellbüscher (Projektleitung), Frederik Lonow, Pascal Bach, Julian Büscher, Pedro Campos, Matthias Eckert, Christel Erdmenger, Christoph Hey, Sven Laubel, Isabel Marin, Annina Mielck, Judith Ottich, Lukasz Pawlicki, Ivo Piazza, Judith Saile, Tobias Schaer, Tim Schäfer, Paula Seeling, Martin Ulrich,
Max Vomhof, Stephanie Weiss, Caroline Ziska
Baumanagement: Takt Baumanagement, Zürich
Bauphysik: Gartenmann Engineering, Zürich
Brandschutz- und Securityplanung: Gruner, Zürich/Basel
HLK-Planung: Gruner Gruneko, Basel
Sanitärplanung: Getec Zürich
Elektroplanung: HKG Engineering, Schlieren
Gebäudeautomation: Jobst Willers Engineering, Zürich
Lichtplanung: Reflexion, Zürich
Studioplanung: Billionpoints, München
Gastronomieplanung: Axet, Embrach
Landschaftsplanung: Krebs und Herde, Winterthur
BGF: News- + Sportcenter: 12 140 m³, Tiefgarage+Technikzentrale: 19 090 m²
BRI: News- + Sportcenter: 58 026 m³, Tiefgarage+Technikzentrale: 66 856 m³
Baukosten: keine Angabe
Bauzeit: November 2015 bis Juni 2019, Bezug: November 2019

  • Beteiligte Firmen:

Hoch- und Tiefbau: ARGE Meier Jäggi, Zofingen, www. m-j.ch
Stahlbau: Josef Meyer, Emmen, www.josefmeyer.ch
Fassadenbau: Krapf, Engelburg, www.krapfag.ch
Betonelemente Innenausbau: Dade Design, Altstätten, www.dade-design.com
Leuchten (Openspace): Regent, Basel, www.regent.ch
Indirektbeleuchtung: SE Lightmanagement, Spreitenbach, www.se-ag.ch
Heiz- und Kühldecken: Lindner, Arnstorf, www.lindner-group.com
Metallbauarbeiten (Studio): Metall Werk Zürich, Zürich, www.met-all.ch
Möbelbau Gastronomie: Girsberger, Bützberg, www.girsberger.com
Schreinerarbeiten: Röthlisberger, Gümligen, www.roethlisberger.ch
Polstermöbel (Openspace): Meier, Niederbüren, www.meierag.com
Doppelböden in Kunststein: Lenzlinger, Nänikon, www.lenzlinger.ch
Terrazzo: Weiss + Appetito, Bern, www.weissappetito.com
Bedruckte Teppiche: Object Carpet, Denkendorf, www.object-carpet.com
Akustikvorhänge: Anette Douglas Textiles, Wettingen, www.douglas-textiles.ch
Sichtbeton-Kosmetik: DESAX, Gommiswald, www.desax.ch
Malerarbeiten innen: Christian Schmidt, Zürich, www.christian-schmidt.ch


Trotz Corona blieb für unseren Kritiker Hubertus Adam – hier noch ohne Maske – die Bullaugentür zum Fernsehgebäude zum Glück nicht verschlossen. Der Architekt Christian Penzel sorgte für Zugang zu allen Etagen.


Penzel Valier

Christian Penzel

Architekturstudium an HfbK Hamburg und HdK Berlin. 1997-2003 Mitarbeit bei Meili Peter Architekten, Zürich. 2003-08 Assistenz an der ETH Zürich. Seit 2003 eigenes Büro, 2008 Gründung von Penzel Valier.

Martin Valier

Studium des Bauingenieurwesens an der HTW Chur, 1994 Diplom. 1994-2006 Mitarbeit bei Pieder Derungs, Lumbrein, und Jürg Conzett, Chur. Seit 2000 eigenes Büro, 2008 Gründung von Penzel Valier.

Leonore Daum

Architekturstudium an der TU Berlin und University
of California, 1999 Diplom, 2001 M. Arch. 2000-07 Mitarbeit u. a. bei Morphosis. 2004-10 Lehrtätigkeit in
Los Angeles, Kassel und Zürich. Seit 2008 Mitglied der Geschäftsleitung bei Penzel Valier.

Friedrich Tellbüscher

Architekturstudium an der Leibniz Universität Hannover, 2010 Diplom. Mitarbeit in Büros in New York und Hannover. Seit 2011 Mitarbeit bei Penzel Architekten, seit 2019 Mitglied der Geschäftsleitung bei Penzel Valier.

Hubertus Adam

s. db 5/2020, S.74

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