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Einrichtungshaus und Hostel in Wien (A) von querkraft architekten

Bäume im Billy-Regal
Einrichtungshaus und Hostel in Wien

Der neue City-Ikea neben dem Wiener Westbahnhof ist eine florale Skulptur mit öffentlich begehbarer Dachterrasse. Hinter den grünen Kulissen verbirgt sich ein neues Verkaufs- und Logistik-Konzept mit E-Truck-Lieferung bis vor die Haustür.

Architekten: querkraft architekten
Tragwerksplanung: Thomas Lorenz; Werkraum Ingenieure

Kritik: Wojciech Czaja
Fotos: Christina Häusler; Hertha Hurnaus

Kaum ist man um die Ecke gebogen, sprießt einem aus der Mariahilfer Straße, die an dieser Stelle immer schon viel Shopping, bislang aber nur wenig Grün zu bieten hatte, jede Menge Flora entgegen: Ahorn, Kiefern, Birken, Buchen, Eichen, Eschen, Weidenbäume sowie diverse Gräser, Stauden und Beeren, eingetopft und in die Stockwerke geschichtet, als hätte ein Riese Bonsaibäumchen und kleine Sukkulenten in sein Billy-Regal hineingestellt. »Die Bäume stammen aus einer Baumschule in Deutschland, die einzige weit und breit, die in der Lage war, alle benötigten Pflanzen aus einer Hand zu liefern«, erinnert sich Jakob Dunkl, Partner im Wiener Büro querkraft architekten. »Noch vor dem Baumeister war das der allererste Auftrag, den wir vergeben haben. Ich glaube, das gab’s noch nie!«

Auch Marie, gelbes T-Shirt, am Rücken ein blaues »Hej!« – wir sind per du – ist von ihrem Arbeitsplatz ganz begeistert. »Das Haus, die Fassade, die Offenheit, die vielen Bäume, und dann erst die Bienenstöcke und Tausenden von Bienen, die letztes Frühjahr eingezogen sind – also für mich ist das der schönste und außergewöhnlichste Ikea, in dem ich je war. Und ich habe wirklich schon viele gesehen!« Marie Hofmann ist Customer Experience and Event Manager bei IKEA am neuen City-Standort neben dem Wiener Westbahnhof. Sie hat das Projekt in der letzten Bauphase begleitet und ihre Expertise eingebracht, damit das Einkaufserlebnis im kleinsten Schwedenmöbelhaus Österreichs zum Abenteuer wird.

Und das ist es. Allein schon in städtischer Hinsicht. Anstatt das Grundstück voll auszunutzen, wie es laut Bauordnung und Flächenwidmung möglich gewesen wäre, entschied sich querkraft, das Ikea-Haus von allen Seiten um 4,5 m zurückspringen zu lassen und direkt an der Mariahilfer Straße eine zweigeschossige Passage zu errichten. Witterungsgeschützt und sonnenbeschattet erreichen die Passanten und Straßenbahn-Passagiere auf diese Weise Friseur, Bäckerei, Apotheke und Hörgeräte-Händler. Die Einmietung von hausfremden Betrieben – und damit die urbane Gewerbemischung am Standort – war von Anfang an Teil des architektonischen Konzepts, mit dem sich Ikea 2017 in einem zweistufigen, geladenen Wettbewerb gegen etablierte Retail-Konkurrenten wie etwa BWM, BEHF und Snøhetta durchsetzen konnte.

»Ikea hat viel weniger Nutzfläche gefordert, als wir hätten bebauen dürfen«, erklärt Dunkl, »also haben wir uns entschieden, der Stadt nicht nur städtischen Raum und gewerbliche Infrastruktur, sondern auch ein Stückchen Natur zurückzugeben.« Die Artenvielfalt, die im Rahmen des Freiraumkonzepts von Green4Cities und Kräftner Landschaftsarchitektur entwickelt wurde, spiegelt jene Flora wider, die in der südschwedischen Provinz Småland – der Heimat des Ikea-Gründers Ingvar Kamprad – traditionell zu finden ist.

Die Platzierung der immergrünen Nadelbäume wurde so gewählt, dass sie den Shopping-Genuss auch in der dunklen Jahreszeit nicht sonderlich trüben. Während das Haus von der Straße aus betrachtet als komplexe, dreidimensionale Matrix in Erscheinung tritt, offenbart sich im Grundriss und Schnitt die bestechende Logik des Konzepts. In der Mitte befindet sich auf jeder Ebene ein 50 x 60 m großer Stahlbeton-Grid mit Stützenraster und zentralem Treppenloch, der sich in der Bauphase als banaler, kaum verheißungsvoller Klotz präsentierte. Rund um die massive, mit opaken und transparenten Sandwich-Elementen verkleidete Struktur wurde ein weißes, sechsgeschossiges Stahlregal aus 30 cm dicken I-Trägern errichtet, das nun sämtliche Irregularitäten aufnimmt: Erker, Terrassen, Blumentöpfe, Fluchttreppen, Liftgruppe und sogar die zentrale Lüftungsversorgung an der Rückseite des Hauses.

Ein schönes Detail sind wahrlich die 160 Blumentöpfe, die dem Ikea-Longseller »Ingefära« (Blumenabteilung, 4 Euro das Stück) nachempfunden sind. Die geschweißten Stahlbehältnisse wurden in drei Größen entwickelt und wiegen samt Baum und Erdreich je nach Ausführung 1,5, 3,3 oder 6,8 t. Damit die Bäume mit ihren ausladenden Ästen bei starken Stürmen nicht umkippen oder gar aus dem Regal fallen, wurden die Töpfe an der Stahlkonstruktion verankert und zum Teil sogar mit Stahlseilen festgezurrt. Aufgrund des hohen Gewichts mussten Töpfe, Bäume und Erdreich mit dem Kran getrennt ins Haus und auf die Dachterrasse gehoben werden.

»Natürlich wären eckige Tröge aus Flachblech billiger gewesen«, sagt Architekt Dunkl von querkraft, »aber zum Glück war das für Ikea nie ein ernsthaftes Einsparungspotenzial. Blumentöpfe sind nun mal rund.« Die Be- und Entwässerung aller Bäume funktioniert vollautomatisch, die entsprechende Technik verbirgt sich hinter Revisionsöffnungen im Bodenbereich der Töpfe. Von den insgesamt 160 Bäumen hätten lediglich drei Stück den Winter nicht überlebt und müssen nun ausgetauscht werden, wie seitens der Ikea-Pressestelle zu hören ist – eine Schadensrate, mit der die Landschaftsarchitekten durchaus gerechnet hatten.

Mit den bewusst zelebrierten, ja sogar künstlich inszenierten Architektur- und Technik-Implantaten an den Fassaden ist die baukulturelle Patenschaft des Pariser Centre Pompidou unübersehbar: Wie dereinst die gesamte Technik aus dem Gebäudeinneren ausgelagert wurde, kommt auch der City-Ikea, der an das Wiener Fernwärmenetz angeschlossen ist, im Innenraum gänzlich ohne Schächte und Installationsleitungen aus. Damit soll sichergestellt sein, dass das Bauwerk eines fernen Tages – wer weiß – bei Bedarf ohne große haustechnische Komplikationen in ein Wohn- oder Bürohaus umgebaut werden kann.

Nicht zuletzt hat Ikea ein überaus innovatives Verkaufs- und Logistik-Konzept entwickelt. Kaufen kann man zwar alles, bis hin zur maßgeschneiderten Küche, allerdings liegen im unterirdischen, vollautomatisierten Regallager lediglich 3 000 Cash-and-Carry-Produkte bereit. Mitnehmen kann man nur, was man in einer blauen »Frakta«-Tragetasche in der U-Bahn transportieren kann. Alles andere wird von einem eigens errichteten Logistikzentrum am nordwestlichen Stadtrand mit einem der 30 neu angeschafften Elektro-Trucks bis vor die Wiener Haustür geliefert. Aus genau diesem Grund gibt es auch keine Pkw-Garage. Es ist das erste Mal weltweit, dass Ikea dieses radikale Mobilitätskonzept umgesetzt hat.

Urbanes Highlight des Möbelhauses, das auf seinen oberen beiden Etagen ein Hostel mit insgesamt 345 Betten beherbergt (betrieben von der Accor-Tochter Jo&Joe, die Zimmer werden über eingeschnittene Dachatrien belichtet), ist die öffentlich begehbare Dachterrasse. Wie dies im Rahmen des städtebaulichen Vertrags vereinbart und festgehalten wurde, ist die 800 m2 große Terrasse täglich von 9 bis 24 Uhr begehbar – je nach Öffnungszeit wahlweise über das Einrichtungshaus, über das Hostel oder über die straßenseitig erschließbaren Panoramalifte. Umgeben von einer sensationellen Aussicht auf die Stadt, findet man hier oben abermals zig Bäume sowie weiße Container-Bars, anmietbare Birthday-Boxen, etliche betonierte »Klippan«-Sofas und aufgeständerte, schattenspendende PV-Paneele.

Im Zeitalter pressierender Energie- und Ressourcenknappheit ist der City-Ikea am Wiener Westbahnhof, der letztes Jahr sogar für den Österreichischen Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit nominiert war, eine sehr anregende, appetitliche Antwort darauf, wie wir in Zukunft mit Shopping, großvolumigem Gewerbe und innerstädtischer Verkehrs- und Lieferlogistik umgehen können. Blöd nur, dass sich diese Nachhaltigkeit und Weitsichtigkeit im Produktsortiment des schwedischen Unternehmens und in den damit verbundenen Rohstoffgewinnungs- und Fabrikationsbedingungen in keinster Weise widerspiegelt. Damit ist das 140 Mio. Euro teure Haus am Ende ein Totem für die eigene Unternehmenskultur.


Mit dem Ikea, meint unser Autor Wojciech Czaja, ist es wie mit dem Hundertwasser-Haus: Die ganze Stadt so? Bitte nicht! Aber als singuläre Ikone und Sehenswürdigkeit leistet der neue City-Ikea von querkraft wertvolle Bewusstseinsarbeit. Ein tolles Projekt für ein nicht ganz so unbeflecktes Unternehmen.


  • Standort: Europaplatz 1, A-1150 Wien
    Bauherr: IKEA Österreich
    Architekten: querkraft architekten, Wien
    Projektteam: Carmen Hottinger (Projektleitung), Sonja Mitsch, Veronika Felber, Margarita Shileva, Michael Voit, Maximilian Quick, Johanna Sieberer
    Tragwerksplanung: Thomas Lorenz ZT GmbH, Graz; Werkraum Ingenieure, Wien (Wettbewerb)
    Haustechnikplanung: RHM GmbH, Aspang Markt
    Elektroplanung: TB Eipeldauer+ Partner GmbH, Traiskirchen
    Bauphysik: Ingenieurbüro P. Jung, Wien
    Brandschutzplanung: FSE Ruhrhofer & Schweitzer GmbH, Statzendorf
    Grünraumplanung: Kräftner Landschaftsarchitektur, Wien; Green4Cities GmbH, Wien
    BGF: 29 480 m²
    BRI: 51 300 m³
    Gesamtkosten: 140 Mio. Euro (Grundstückserwerb, Baukosten, …)
    Bauzeit: Januar 2018 bis August 2021
  • Beteiligte Firmen:
    Bauunternehmen: HT Generalunternehmer & Industriebau, Kalsdorf
    Elektrotechnik: G. Klampfer Elektroanlagen GmbH, Leonding
    Gebäudetechnik: Pischulti Heizungs- Klima- und Sanitärgesellschaft, Linz
    Sprinkleranlage: Tyco Integrated Fire & Security Austria, Wien
    Fahrtreppen, Aufzüge: Schindler Aufzüge und Fahrtreppen, Wien
    Landschaftsbau Bäume: Grünbau Jakel, Deutsch Wagram
    Großküche: GTM Mayr Großküchentechnik, Gmunden
    Container auf dem Dach: Elbtainer, Barsbüttel
    Fassadenpaneele, Kühlzellenbau: Brucha, Michelhausen
    Sonnenschutzsysteme: HELLA, Abfaltersbach
    Verglasungen: Egger Glas, Gersdorf an der Feistritz
    Schiebetüren-, Tore-, Verladetechnik: ASSA ABLOY, Albstadt
    Tore und Ladebrücken: Hörmann, Steinhagen
    Brandschutztore, Fördertechnik: Stöbich Brandschutz, Goslar
    WC-Trennwände: Schindl Sanitärtrennwände, Münchendorf
    Mobile Trennwände: abopart mobilwände, Bad Zwischenahn
    Fahrradabstellanlage: Connexurban, Laakirchen
    Energiespeicher: neoom group, Freistadt
    Nassmüllanlage: MEIKO GREEN Waste Solutions, Offenburg
    Kühldecken: Lindner Group, Arnstdorf

querkraft architekten


 

Peter Sapp

1998 Bürogründung von Gerd Erhartt, Peter Sapp und Jakob Dunkl, Wien. 45-köpfiges Team. 100 Projekte im Wohnungs-, Kultur- und Bildungsbau, Büro- und Industriegebäude. Leitmotiv: den Menschen Raum geben.


Wojciech Czaja

1978 geboren. Architekturstudium an der TU Wien. Freischaffender Architekturjournalist für Tagespresse und Fachmagazine. Zahlreiche Bücher. Seit 2005 Tätigkeit für die österreichische Tageszeitung Der Standard.

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