Wohnungsbau in der Mainzer Neustadt

Stadtraum im Blockinnern

Die Mainzer Neustadt ist ein dichter Stadtteil. Die stadtnahe Gesellschaft »Wohnbau Mainz« hat hier ein Projekt initiiert, das die Möglichkeiten des Zusammenlebens von Alt und Jung, Familien, Alleinerziehenden und Migranten auslotet. Die Architekten von 03 München haben dafür den passenden Entwurf geliefert, der die Vielfalt der Wohnungstypen in einer einheitlichen Sprache zusammenfasst, ohne sie zu verwischen. Gelungen ist das Projekt aber auch dank der sensibel proportionierten Freiräume. The Mainzer Neustadt is a densely planned district. The local association “Wohnbau Mainz” (Housing in Mainz) has initiated a project that explores the possibilities of integrating young and old, families, single parents and migrants. The architects 03 München have delivered a suitable design combining various housing types in a unified style without sacrificing clarity. The project is however a success thanks also to its sensitively proportioned open spaces.

Text: Christian Holl

Fotos: Simone Rosenberg
Als im März die ersten Mieter einzogen, waren die letzten Handwerksarbeiten noch nicht abgeschlossen. Trotzdem konnte man sich schon gut vorstellen, wie es sein wird, wenn alle eingezogen sind, wenn sich die kleine Gasse, die von der Nackstraße aus in die Tiefe des Blocks hineinführt, mit dem Leben spielender Kinder füllt, sich abends die Erwachsenen vor die Tür setzen. Die sorgfältig konzipierte Struktur der Baukörper und die hohe räumliche Qualität gewährleisten, dass sich das kleine Stück Stadt, das nach dem Entwurf des Büros 03 München in der Mainzer Neustadt errichtet wurde, nicht gegen die Aneignung seiner Bewohner sperren wird. Der eine oder andere in der Ausführung eingesparte Euro lässt sich daher leicht verschmerzen.
Die unerwartet lange Bauzeit – ein Mieter im zum Abriss anstehenden Altbestand weigerte sich auszuziehen, trotz eines anderen Befundes bei Probebohrungen mussten Teile des Erdreichs entkontaminiert werden – ist dem Projekt hingegen nicht mehr anzumerken. Bereits 1996 wollte das Land Rheinland-Pfalz einen Architekturwettbewerb unterstützen, in dessen Rahmen Lösungen für zu erwartende Probleme des städtischen Zusammenlebens erarbeitet werden können. Dabei stand vor allem das altengerechte Wohnen und die Frage im Mittelpunkt, wie das Zusammenleben verschiedener Generationen organisiert werden kann, welche Möglichkeiten der Anpassung an eine sich ändernde Bewohnerzusammensetzung entwickelt werden können. 1997 stellt die stadtnahe Wohnbau Mainz dem Land Rheinland-Pfalz das im eigenen Besitz befindliche Grundstück in der Neustadt vor. Es verbindet mit einem Versatz zwei einander im selben Block gegenüberliegende Seiten. Die Neustadt, ein in der Gründerzeit entstandenes Stadtquartier mit hohem Anteil von Migranten, Älteren und Alleinerziehenden, bot das ideale Umfeld für die Erwartungen, die an diesen Wettbewerb geknüpft worden waren.
Im 1999 durchgeführten Wettbewerb sprach die Jury die Empfehlung aus, das Grundstück nicht von einem, sondern von zwei Architekturbüros bebauen zu lassen: Funk & Schröder aus Darmstadt sollten an der Leibnizstraße ihren Vorschlag weiterverfolgen, die Blockrandbebauung mit einem siebengeschossigen Neubau zu schließen. Für den Grundstücksabschnitt im Südwesten an der Nackstraße hingegen empfahl die Jury den Entwurf von 03 München. Sie hatten entgegen der Wettbewerbsausschreibung vorgeschlagen, die Lücke im Blockrand nicht vollständig zu schließen, sondern zu einer sich in die Tiefe erstreckenden Gasse zu öffnen, die zu beiden Seiten von dreigeschossiger Bebauung gerahmt werden sollte.
Der Bauherr folgte der Empfehlung der Jury. Der siebengeschossige Baukörper von Funk & Schröder aus Darmstadt wird im Herbst fertig gestellt werden, er wird 24 der insgesamt 55 Wohnungen aufnehmen, davon die zwanzig Altenwohnungen.
Eine buntere Gruppe wird die 31 Wohnungen an der Nackstraße beziehen – Familienwohnungen, Wohnungen für Singles, Alleinerziehende und Behinderte; in unterschiedlichen Größen bis zu 120 Quadratmeter, von einem bis zu fünf Zimmern. Gemeinsam ist allen, dass Wohn- und Essbereich zu einem großen Bereich zusammengefasst sind, der entweder die ganze Breite der Wohnung einnimmt oder sich von Fassade zu Fassade erstreckt. Mit dieser Entwurfsidee wird dem nicht eben üppig bemessenen Platzangebot des geförderten Wohnungsbaus räumliche Großzügigkeit verliehen. In gleicher Weise dienen die den Balkonen, Terrassen und teilweise auch der Straße zugewandten, bis an den Boden reichenden Fenster dazu, die Wohnungen geräumig wirken zu lassen. Fast allen Wohnungen ist in irgendeiner Form ein Freibereich zugeordnet.
In den vorderen, der Straße zugewandten, siebengeschossigen Türmen liegen ausschließlich Etagenwohnungen. Dabei wird das kleinere, von der Straße aus gesehen rechte Gebäude, über das Linke erschlossen. Die sich ab dem zweiten Geschoss auf jeder Etage zwischen den Gebäuden spannende Betonbrücke nimmt zum Hof hin den Wohnungszugang auf, zur Straße und nach Südwesten hin liegen die Balkone.
Im Erdgeschoss an der Straße ist links ein Laden vorgesehen, rechts liegt die Einfahrt in die Tiefgarage, in der alle 51 Stellplätze, also auch die der Leibnizstraße untergebracht sind.
Bei den beiden hinteren Spangen haben die Architekten in unterschiedlicher Weise Maisonette- und Geschosswohnungen kombiniert. Im linken Riegel liegen die Etagenwohnungen über den Maisonetten, rechts die Maisonetten über den Etagenwohnungen. Dort soll das Erdgeschoss als Wohnung oder als Home-Office zu nutzen sein.
Die Organisation der Wohnungen und ihre Erschließung nutzen die Architekten ganz in der Tradition des verdichteten Wohnungsbaus – etwa von Atelier 5 oder Roland Rainer – dazu, den Baukörper plastisch zu gliedern und durch Gebäudeüberstände zu akzentuieren. Dadurch werden ohne Abgrenzung Zonen vor den Hauseingängen in der sieben Meter breiten Gasse definiert. Der helle, beige-sandfarbene Putz des Wärmedämmverbundsystems unterstützt die Wirkung der kubischen Komposition, Fenster werden durch rotbraune Schichtstoffplatten zu stimmigen Fassadenelementen erweitert. Eine Fensterrahmenkonstruktion aus Aluminiumprofilen und gepresstem PUR-Schaum ermöglicht unerwartet elegante, schmale Fensterprofile, die sich lackieren lassen. Lediglich die der Straße zugewandte Fassade ist, als glatte Wand ohne die belebenden Elemente der plastischen Volumina, reichlich spröde geraten.
Die Gasse schließt an ihrem Ende ein eingeschossiges Gemeinschaftshaus ab, das für Feste, Seminare, Vorträge oder Versammlungen des Bewohnerrats vorgesehen ist. Von hier aus wird man in den Garten gelangen, der dem Gebäude an der Leibnizstraße zugeordnet sein wird und den es noch anzulegen gilt.
Mit dem Projekt in der Nack-/Leibnizstraße möchte die »Wohnbau Mainz« Aufschluss über die Möglichkeiten bekommen, wie das Zusammenleben einer hohen Bewohnervielfalt in der Stadt organisiert werden kann. Für das Unternehmen, dessen Auftrag auch darin besteht, denen Wohnraum zu verschaffen, die es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben, ist dieser Wohnungsbau einem Forschungsprojekt vergleichbar. Wohnen dürfen hier nur Menschen, die ein Anrecht auf Wohnraumförderung haben. Das Projekt kann nur gelingen, wenn seine Bewohner die Gemeinschaft akzeptieren und sich in ihr und für sie einzusetzen. Zusätzlich sollen von diesem Projekt aber auch Impulse für das Quartier ausgehen: Die im Gemeinschaftsraum angebotenen Veranstaltungen und Dienstleistungen (Lesungen, Beratung, Gymnastik) sollen nicht nur an die Bewohner dieses Projekts gerichtet sein. Entsprechend sorgfältig wurden unter der Leitung der Sozialplanerin Ines Thiele die zukünftigen Bewohner ausgesucht. Die Nachfrage war groß, die Entscheidung fiel nach verschiedenen Kriterien, etwa nach den konkreten Fertigkeiten und Fähigkeiten, nach Erfahrung etwa im Ehrenamt, dem Interesse an Organisation und Pflege des Gemeinschaftsareals. Trotzdem ist man sich bei der Wohnbau Mainz darüber im Klaren, dass ein gutes Verhältnis der Bewohner untereinander und die gegenseitige Unterstützung nicht irgendwann zum Selbstläufer werden wird, dass man sich aus der Rolle als Vermittler nicht wird zurückziehen können. Die Betreuung wird, diese Erkenntnis ließ sich auch von anderen Projekten außerhalb von Mainz ableiten, nicht eingestellt werden können, soll diese Bewohnerschaft auf lange Sicht so wie im Moment zusammengesetzt sein. Dazu kommt, dass der hohe Anspruch und die hohen Erwartungen für die Bewohner auch schnell zur Belastung werden können. Sie stehen bereits unter – wenn auch sicher wohlwollender– Beobachtung: Ein Jahr lang wird der SWR das Projekt begleiten und regelmäßig darüber im Fernsehen berichten. C. H.
Bauherr: Wohnbau Mainz GmbH, Martin Dörnemann, Edith Bechtel, Erik Beyermann, Wolfgang Klatt Architekt: 03 München, Büro für Städtebau und Architektur, München Entwurfsteam: Andreas Garkisch, Karin Schmid, Michael Wimmer, Christina Hartenstein Tragwerksplanung: IBC Ingenieurbau GmbH, Mainz Haustechnik: Lüder & Roth, Nieder-Olm Elektroplanung: K. Dörflinger GmbH, Allendorf Außenanlagen: WGF, Nürnberg, Prof. Aufmkolk und Manuela Scheuerer, Fürth Anzahl Wohnungen: 31 Nutzfläche gesamt: 2490 m² Bruttorauminhalt: 15 665 m³ Kosten gesamt: 4,05 Mio Euro Wettbewerb: 1999; Fertigstellung: März 2005