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Ruhe nur in der Wüste?

Liebe db,

die Konzentration auf dieses noch weiße Blatt fällt mir heute schwer: Draußen auf der Straße zerstört ein Vorschlaghammer die obere Schicht des Bürgersteigs, ein Hund protestiert seit einer Stunde hysterisch bellend dagegen. Autos hupen, weil die linke Fahrbahn blockiert ist. Ein ganz normaler Tag in der spanischen Großstadt. Mitteleuropäer vermuten oft, dass Spanier sich durch Lärm nicht aus der Ruhe bringen lassen. Doch zunehmend sind sie von ihren lauten Städten genervt. Eine Untersuchung der WHO und der OECD zeigt: Spanien ist das zweitlauteste Land der Welt nach Japan; der Bauboom, das Wachstum der Städte und der damit verbundene Verkehr haben wesentlich dazu beigetragen. In Grácia, einem Stadtteil Barcelonas mit zahlreichen Kneipen, rächt man die durch Partygänger gestörte Nachtruhe ab und an mit einer Wasserdusche. Die spanische Regierung versucht mit Verkehrsprojekten, dem Stadtwachstum hinterherzukommen und die Infrastruktur zu verbessern – nicht ganz freiwillig. Eine EU-Direktive von 2002 fordert bis 2012 Lärmkartierungen und Aktionspläne in Städten ab 100 000 Einwohnern. Und auch kleinere Kommunen werden aktiv, um ihre Bürger in den Innenstädten zu halten.
In Banyoles, einer Kleinstadt in Nordkatalonien, verwandelte man die Innenstadt in eine Fußgängerzone. Der Architekt Josep Miàs plante den Umbau, der 2008 nach zehn Jahren Planung und Bau fertig war. Jetzt bildet der regionaltypische Travertin den Bodenbelag. Die historischen Bewässerungsgräben [1], die einst Wasser aus dem See bei Banyoles in die Gärten der Bewohner leiteten, dann aber mit Beton überdeckt wurden, liegen teilweise wieder offen. Wasser plätschert durch die Altstadt, wo einst Autos parkten.
Auf ein autogerechteres Projekt setzt die spanische Hauptstadt und lässt den 32,5 km langen Stadtautobahnring sanieren. Seit 2007 liegen der Süd- und Westteil in zwei unterirdischen Tunnelröhren, der Nordteil ist noch im Umbau. Nicht nur wegen der hohen Investitionskosten (443 Mio. Euro kostete allein der 4 km lange Südtunnel) ist das Projekt umstritten, auch Lärm und Staub während der dreijährigen Umbauphase erzürnten die Bürger. Doch dort, wo die Autobahn schon unter Tage liegt, entstehen neue Parkanlagen: etwa MadridRio. Der Park soll sich entlang der nun autofreien Uferzonen des Manzanares durch Madrid ziehen [2] und v. a. an die nördlichen Landschaftsräume anschließen. Ergänzen werden ihn viele neue oder sanierte Brücken, auch Fußgänger- und Radüberwege. Bei den Bürgern kommen die Planungen unterschiedlich an: Die einen freuen sich über Ruhe und neue Grünflächen. Kritiker bemängeln fehlende Ursachenbekämpfung und fordern Mobilitätsalternativen zum Auto. Angesichts der wachsenden Vorstädte und einem eher steigenden Verkehrsaufkommen ist die Kritik berechtigt, aber die ehrgeizigen Bahnprojekte des Landes lässt sie außer Acht. Bahnhöfe, Bahngleise, Metro- und Tramlinien werden in Madrid, Barcelona, Valencia und Sevilla aufwendig aus- und umgebaut.
Nicht nur große Projekte verändern die Verkehrssituation in Spaniens Großstädten. Manchmal führen einfach die Umstände zum Umdenken: Autostellplätze in Barcelona und Madrid sind so teuer, dass, wer sich schon eine Wohnung in der Innenstadt leistet, oft nicht noch ein eigenes Auto besitzt. Stattdessen setzen Städter zunehmend auf das Bici, das Leihfahrrad. Dieses Konzept ist der Erfolg der letzten Jahre, auch dank dichter Städte mit kurzen (Bici-)Wegen, mehrerer neu angelegter Fahrradwege, eines intelligenten Preis- und Standortkonzepts und dem allgemeinen Trend zu umweltbewussterem, v. a. ruhigerem Leben.
Letzteres führt auch dazu, dass sich Architekten beim Bau von Stadthäusern wieder an spanische Bautraditionen erinnern: Hofhäuser sollen ihren Eigentümern endlich wieder zu ruhigem Schlaf verhelfen. So z. B. die Casa 101 [3] von H Architekten in Mollet del Vallès. Gebaut ist es für eine junge Familie, das Grundstück selbst ist wenig privilegiert. Auf nur 7 m Breite knautscht es sich an eine Straßenkreuzung in einer typischen katalanischen Altstadt, mit bis an die Grundstücksgrenze gebauten Nachbargebäuden und wenig Platz für sonnige Freiflächen. Die Lösung war ein Patiohaus, das sich im EG mit einer Mauer von der Straße abgrenzt und im OG einen weiteren Hof ausbildet. Die straßenseitigen Fassaden sind fast komplett geschlossen, damit der Autolärm nicht das Haus beschallt.
Wer trotzdem keine Ruhe in der Stadt findet, für den mag Nordspanien genau das Richtige bieten. Emiliano López und Mónica Rivera bauten 2007 ein Hotel mitten in der Wüste Bardenas, einem Nationalpark im südlichen Navarra. Metallene Wohnkuben [4] stehen wie lose auf einem Kiesbett verteilt, aufgestapelte Holzkisten schützen die Außenbereiche vor dem Wind. Hier ist das Innen-ruhig-außen-laut-Konzept umgekehrt. Der Zimmernachbar, einzig möglicher Unruhestifter, wird auf Distanz gehalten, im eigenen Wohnkubus. Im Innern findet das gemeinsame Hotelleben statt. Nach außen, via Panoramafenster, findet der Gast die Ruhe der weiten Wüste. Kein Auto, kein Baulärm, keine Hunde, endlich Ruhe.
Saludos cordiales, ~Rosa Grewe
Rosa Grewe liebt Flamenco, das Mittelmeer – und spanische Architektur. Für ein Jahr streift sie quer über die iberische Halbinsel und entdeckt Stadt und Stadtrand, Küste und Landschaft, Unterschiede und Bekanntes. Sie studierte Architektur in Darmstadt und ist seit 2006 Architekturjournalistin.
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