Rehau (Oberpfalz): Fabrik wird Büro

Polymer statt Porzellan

Auch an der oberpfälzischen Porzellanstraße ist der Strukturwandel im Gange: In dem weitläufigen Fabrikkomplex im kleinen Städtchen Rehau werden heute keine Geschirrservices mehr gebrannt, sondern nicht weniger raffinierte Plastikteile für Autos entwickelt – in einem trendigen Ambiente, das dem alten Industriebau neuen Glanz verleiht und den Teamgeist der 150 Mitarbeiter fördern soll. The Porcelain Route of the Oberpfalz (Upper Palatinate) is also experiencing structural change: in the extensive factory complex in the small town of Rehau table ware is no longer produced but equally sophisticated plastic components developed for cars – in a trendy environment which lends the old industrial buildings a new aura and in addition furthers the team spirit of the staff of 150.

Text: Christoph Gunßer

Fotos: Marcus Weidlich
Wie die präparierten Panzer großer Reptilien stehen oder hängen sie herum, die blitzenden Frontpartien von Edelkarossen, die hier entwickelt wurden – eine Trophäensammlung, die vom Erfolg des Familienunternehmens Rehau AG + Co kündet, das seinen Stammsitz seit langem am Stadtrand von Rehau hat. Anfang der neunziger Jahre erwarb die Firma die brachgefallene, doch weiterhin das Stadtbild beherrschende Fabrik hinter der Bahn mit ihren sehr heterogenen Bauteilen.
Flexibel arbeiten Im ältesten und wertvollsten Gebäude mit seinen gusseisernen Stützen und Korbbogenfenstern unter einem mächtigen hölzernen Dachstuhl, 1902 erbaut, sowie in den angrenzenden niedrigeren Trakten aus der Nachkriegszeit siedelte das Unternehmen sein Geschäftsfeld für Autoteile an. Die 150 Mitarbeiter aus den Abteilungen Entwicklung und Verkauf sollten in den Fa- briketagen ein flexibles und kommunikatives Raumangebot finden. Anknüpfend an das von den jungen Architekten entwickelte Konzept eines »on demand office« (odo) entstand eine Kombination aus territorialen und nichtterritorialen Arbeitsplätzen und offenen Freiräumen.
Neuer Glanz und alte Aura Das Rückgrat der 3200 Quadratmeter Nutzfläche bildet eine, die verschiedenen Bauteile integrierende neue Raumstruktur mit Nebenräumen, die unter anderem viel Stauraum für Musterteile bietet. Ihre weißen, im glänzenden Finish an Porzellan erinnernden Quaderformen wurden klar vom rauen industriellen Bestand abgesetzt. Da der bis zu zwanzig Meter tiefe Raum von den Rändern zur Mitte hin immer öffentlicher und damit offener wird, blieb der weitläufige Loftcharakter insbesondere im älteren Gebäudeteil auch nach dem Umbau erhalten. Hier gehen mit Glaswänden abgeteilte Räume – darunter so genannte Cockpits zur konzentrierten Einzelarbeit – oder durch bewegliche Schränke gegliederte Areale an den Verkehrsflächen in gemeinschaftliche Arbeitsplattformen über. Die filigrane Stützenstruktur und der offene, großteils neu errichtete Dachstuhl verleihen dem bei aller Innovation doch recht profanen Büroraumvokabular die Aura der Ideenschmiede. Aufgrund der Maxime des »clean desk«, die zwecks erhöhter Flexibilität alles, was nach Arbeit aussieht, bald in Schränken und Schubladen verstaut sehen will, fehlt ein wenig das aus manchen Architekturbüros noch vertraute, kreative Chaos…
Eine gerade einläufige Stahltreppe mündet im Dachraum unter einem breiten Oberlicht, das sich über die ganze Länge des Gebäudes erstreckt und die hellen Einbauten auf den alles verbindenden Eichendielen in Atelierlicht taucht. Auch eine Pflanzenwand, Teil der zentralen Einbau-Schiene, durchdringt die Decke und verbindet die Ebenen.
Alle Räume sind klimatisiert, (im Dachraum sichtbar, ansonsten nimmt eine weiße Einbau-Schiene alle Installationen auf), doch lassen sich die in die vorhandenen Öffnungen eingefügten Fenster trotzdem sämtlich öffnen. Den akustischen Tücken des Großraums wirken weiche filzartige Oberflächen am Mobiliar entgegen, die auch einzelne farbliche Akzente setzen.
Coole Lounge für Insider Mag die »bedarfsgerechte« Bürostruktur von rehauwork dem Arbeitgeber gegenüber konventionellen Einzelbürolösungen einigen Platz sparen, so bekommen ihn die Angestellten in Lounge und Cafeteria teilweise wieder zurück: Hier am Entrée öffnet sich zwischen den schwer lastenden Betonstützen und -unterzügen der Nachkriegsfabrik ein cooler Treff – leider nur für die Belegschaft und ihre Kundschaft, denn vieles, was hier entwickelt wird, fällt unter das Betriebsgeheimnis. Die Firma bleibt so im zweiten und dritten Obergeschoss abgehoben, eine Welt für sich, die nicht in die nahe Stadt hinausstrahlt – von der abendlichen Beleuchtung einmal abgesehen. Äußerlich aber wurde die Fabrik nicht wesentlich verändert.
Zum längeren, légeren Aufenthalt bieten sich Ledersessel und die kubischen Sitzbänke der Lounge an, während die Bänke und Tische der Kantine doch arg spartanisch, die röhrenförmigen Beleuchtungskörper wenig raumbildend anmuten. Die Mitarbeiter sind überwiegend jung und offen für diesen Stil. Manchen Young Urban Professional mag das trendige Ambiente zum Bleiben in der Oberpfälzer Provinz bewegen.
Was die Büro-Konzeption betrifft, so scheint sie sich in der Firma durchzusetzen: Zwei weitere Geschäftsfelder werden gerade nach diesem Prinzip neu organisiert. Der auf grelle Kontraste setzende, doch insgesamt respektvolle Umgang mit alter Bausubstanz mag nicht ganz der Laptop-und-Lederhosen-Vision des fernen Landesvaters entsprechen. Er repräsentiert aber eine offenbar auch ökonomisch gelungene Synthese von Industrietradition mit einer menschenfreundlichen, in Grenzen selbstbestimmbaren
Arbeitsumwelt. C. G.
Bauherr: Rehau AG + Co, Rehau Architekten: weber + würschinger, Berlin Projektpartner: Haye Bakker Tragwerksplanung: Schneider und Partner Ingenieur Consult GmbH, Kronach Haustechnik : Rehau AG + Co, Rehau Bauphysik : Sorge Ingenieurbüro, Nürnberg Akustik: Ingenieurbüro Leistner, Bayreuth Holzschutzgutachten: LGA Nürnberg, Nürnberg Brandschutzgutachten: LGA Nürnberg, Nürnberg Lichtplanung: weber + würschinger mit Lichtberater Jürgen Faatz, Eckenthal Bruttogeschossfläche: 3200 m² Umbauter Raum: 10 500 m³ Bauzeit: September 2003 bis Juli 2004