1 Von weitem ähnelt die Fassade einem Korbgeflecht. Noch zeigen die Lichtreflektionen, dass es sich um ein anderes Material handeln muss. Doch wenn das Kupfer, als das es sich von nahem entpuppt, Patina haben wird, wird dieser Effekt verloren sein
2 – 4 Eine Brücke zwischen Alt- und Neubau konnte nicht realisiert werden, das ließ das Budget nicht zu. Das weit auskragende Vordach über den Eingang stellt nun weithin sichtbar die Verbindung her
5 Detailansicht der Fassade aus gespannten Kupferbändern in der Breite von Filmstreifen
6 Das neue Zentralarchiv nimmt die Proportionen des Altbaus auf. Ansicht von Norden
7 Im Innern des Archivs ist Platz für fast 300000 Filmrollen
Filmarchiv Austria, Zentrallager in Laxenburg

Poetische Pragmatik

Mit Gefühl für Ort und Bauaufgabe baute der Wiener Architekt für das Filmarchiv Austria einen überdimensionalen Kühlschrank, der knapp 300000 Filmrollen fasst. Aus der Not, das zweigeschossige Lagergebäude zusätzlich vor Sonneneinstrahlung schützen zu müssen, machte er eine Tugend: Schimmernde Kupferbänder sorgen nicht nur für ausreichende Verschattung, sie sagen über Gehäuse und kostbaren Inhalt auch aus, was der fensterlose Quader allein nicht mitteilen könnte. With a sense of locality and building purpose the Viennese architect built for the Film Archive Austria an oversized refrigerator to contain almost 300000 spools of film. To protect the two-storey storage building additionally from solar radiation the architects made a virtue of necessity: shimmering copper louvres not only create sufficient shade, they give an expression also of the value of contents, which a windowless block alone would not have done.

Text: Eva Guttmann Fotos: Gerald Zugmann

Die Forderung des Haustechnikers nach einer wirkungsvollen Fassadenbeschattung stand am Beginn einer Vielzahl von Überlegungen und Ideen, die schließlich zur vorgehängten Kupferbandfassade für das neue Zentrallager des Filmarchivs Austria in Laxenburg führten. Dass diese Fassade mehr kann, als nur eine dahinter liegende Wand zu beschatten, sieht man ihr an, und auch, dass dieser Mehrwert viel eher aus der Stimmigkeit des Grundgedankens und einer daraus resultierenden funktionalen und inhaltlichen Dichte entsteht als aus einer hochtechnologisierten Materialschlacht. Trotzdem besteht Erklärungsbedarf, denn auf den ersten Blick erschließen sich nicht alle Hintergründe für diese Hülle.
Das Filmarchiv Austria, das 1955 gegründet wurde, besitzt seit Anfang der 1960er Jahre in Laxenburg ein Filmdepot. Aus Sicherheitsgründen wurden die hochentzündlichen Nitrofilme nicht in Wien, sondern südlich der Stadt, auf dem Areal des ehemaligen Forsthauses des Schlosses Laxenburg gelagert. Zur Zeit verwaltet das Filmarchiv Austria über 70000 Filme, darunter sämtliche erhaltene österreichischen Spielfilme sowie diverse Sammlungen historischer, nationaler und internationaler Filmdokumente seit 1896. Dabei werden die Filme zwar kopiert und restauriert, die Originale jedoch lediglich konserviert und vor dem Verfall geschützt. Laufend kommt es zur Eingliederung wichtiger Sammlungen und aller neuen, aus den Mitteln der österreichischen Filmförderung unterstützten Filme.
Seit 1972 gibt es in Laxenburg ein klimageregeltes Depot, dazu kamen immer mehr Behelfslager. Aus Platz- und Konservierungsgründen wurde nun der Neubau eines Zentrallagers notwendig.
Wichtigste Voraussetzung für die Erhaltung des zum Teil hoch brennbaren und hoch empfindlichen Filmmaterials sind eine konstante Temperatur von 6 °C sowie eine Luftfeuchtigkeit von 35 bis 40 Prozent. Alte Negativ- und Farbfilme müssen bei – 8 °C aufbewahrt werden. Haus- und Klimatechnik waren daher neben dem geringen Budget in der Planungsphase entwurfsbestimmend.
Innerhalb des Geldrahmens von 1,1 Mio Euro, einer Bauzeit von zehn Monaten und unter der Auflage, die künftigen Betriebskosten des Gebäudes so gering wie möglich zu halten, planten Michael Embacher und seine Mitarbeiter für fast 300000 Filmrollen eine zweigeschossige »Kiste«, die sowohl die Gebäudeflucht des denkmalgeschützten Bestandes entlang der Zufahrtsstraße, als auch dessen Kubatur aufnimmt. Eine Brücke zwischen den beiden Baukörpern blieb aus Kostengründen unrealisiert, die enge organisatorische und thematische Verbindung ist jedoch gut ablesbar.
Die einfache Form ergibt sich einerseits aus der formalen Anbindung an den Bestand, andererseits legt die Wirtschaftlichkeit eine solche nahe. Die Außenwände des Stahlbeton-Gebäudes sind zunächst dreischichtig aufgebaut: Auf 25 Zentimeter dicken Leca- beton, der wasserdampfdiffusionsoffen ist und daher raumklimatische Vorteile hat, folgen zwanzig Zentimeter Vollwärmeschutz und schließlich eine Putzschicht. Die Haustechnik wurde, als potenzieller Brandherd, auf das Dach beziehungsweise an die Außenseite des Gebäudes verlegt. Die Dachentwässerung erfolgt innen liegend und wird sichtbar in den Lagerräumen geführt, um im Falle von Undichtheiten diese so schnell wie möglich lokalisieren zu können.
Ein Grundgedanke des Klimakonzeptes war die Unterstützung der Kühlanlagen durch bauliche Mittel. Hier spielt nun die Fassade eine tragende Rolle: Die Möglichkeit einer Wasserkühlung wurde wegen der dadurch anfallenden Energiekosten verworfen. Stattdessen fiel der Beschluss, die Fassade zusätzlich zu beschatten – mit einem angestrebten (und schließlich sogar noch übererfüllten) Verschattungsanteil von 60 bis 80 Prozent. Aus den Überlegungen, wie das fensterlose Gebäude komplett zu umhüllen sei, wie eine angemessene Verpackung für den kostbaren Inhalt beschaffen sein müsse, folgte der Gedanke an das Einwickeln. In Analogie zur Breite der gelagerten Filmstreifen wurde die Materialbreite auf 35 Millimeter festgelegt. Anfangs in Erwägung gezogene bunte Verpackungsbänder aus Kunststoff schieden ihrer leichten Brennbarkeit wegen aus. Über den gedanklichen Umweg von gebläuten und verzinkten Stahlbändern, welche an den Schnittkanten rosten, über Aluminium, das mit der Zeit schwarz wird und zu viel Wärme speichert, gelangten die Planer zum Kupfer als »Verpackungsmaterial«. Nun umhüllen zwanzig Kilometer Kupferblechstreifen – diese entsprechen in ihrer Länge 333 Stunden Filmmaterial – das Gebäude auf einer vertikalen Lärchenholzlattung in einem Abstand von zwanzig Zentimetern vor der verputzten Außenwand. Die wirtschaftliche Effizienz dieser Lösung ist beeindruckend: Für 1000 Quadratmeter Lagerfläche betragen die Betriebskosten 110 Euro im Monat.
Der optische Reiz der Fassade entsteht vor allem durch die »ungeordnete« Wickelung der Kupferstreifen – für die allerdings zuvor ein Plan gezeichnet werden musste, denn: »durcheinander wickeln, das können wir nicht«, so die Handwerker. Aus dem Umstand, dass die ans Lärchenholz genagelten Bänder nicht straff gespannt sind sondern unterschiedlich stark durchhängen, ergibt sich zusätzliche Bewegung in der Fassade.
Aus der Ferne wirkt das Lagerhaus wie ein Holzschuppen – durchaus in die landwirtschaftlich geprägte Umgebung passend. Kommt man näher, erinnern die Kupferbänder an Leder, und erst ganz zum Schluss lässt sich das Material erkennen, wobei die Transparenz dieser äußersten Schicht ebenfalls mit größerer Nähe zunimmt. Interessant ist der Effekt der Wickelung: Je nach Blickwinkel erscheint sie unterschiedlich strukturiert und variiert in ihrer Dichte. Ein positiver bauphysikalischer Nebeneffekt liegt in der Tendenz der allermeisten Bänder, (zumindest im Sommer) leicht durchzuhängen, infolgedessen aus der vertikalen Achse nach innen zu kippen und dadurch den Anteil an beschatteter Fläche noch zu erhöhen. Im Winter, wenn sie durch die Kälte um bis zu fünf Zentimeter pro Fassadenlänge kürzer werden, geht dieser Effekt zwar verloren, ist aber durch die niedrigeren Außentemperaturen ohnehin ausgeglichen.
Die Kupferstreifen, deren Klang im Wind an im Hafen liegende Segelschiffe erinnert, werden sichtbar altern. Wie die Filme, die sie umhüllen, werden sie vom Vergehen der Zeit zeugen und als Symbol für den Zeitenlauf dienen. Das Altern und die Beiläufigkeit der Befestigung des Kupfers entheben das Depot auf wohltuende Weise einer denkbaren Bedeutungslast. Dem Inhalt wird zwar entsprochen, das Alter gewürdigt, die Filme mögen hier Hunderte von Jahren ruhen. Das Gebäude ist aber immer noch Lager und nicht Schrein, immer noch Arbeitsstätte und nicht Altar, eine pragmatische Lösung, deren Poetik aus dem fantasievollen Einsatz eines würdigen Materials unter dem Aspekt höchster Funktionalität und einfachster Verarbeitung erwächst. Eva Guttmann
Bauherr: Filmarchiv Austria Architekt: EmbacherWien Mitarbeiter: Christian Schwendt (Projektleitung); Michael Diernhofer, Michaela Dimmel Tragwerksplanung: Gmeiner Haferl Tragwerksplanung KEG, Wien Haustechnik: Käferhaus GmbH, Langenzersdorf Nutzfläche: etwa 1000 m² Lagerkapazität: 298116 Filmrollen Kosten: 1,1 Mio Euro Bauzeit: Februar – Dezember 2003