Lehrstück für Planer, Politiker, Behörden und Investoren

Drei Mal schneller als geplant ist auf dem ehemaligen ABB-Areal in Zürich Nord ein neues Wohn- und Arbeitsviertel entstanden: der Stadtteil Neu-Oerlikon — eine Entwicklung mit Vor- und Nachteilen.

Text: Reto Westermann

Zäune, Tore, Mauern – mehr als ein Jahrhundert lang war das Areal nördlich des Bahnhofs Zürich-Oerlikon terra incognita. Wer durch die Bahnunterführung kam, stand vor dem Pförtnerhäuschen und dem großen Schiebetor des Industriekonzerns ABB.
Der Grundstein zur Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), einer der Vorgängerinnen der ABB, wurde 1863 mitten auf der grünen Wiese gelegt. Den Durchbruch schaffte das Unternehmen, als es 1884 in die damals neue Elektrotechnik einstieg und eine führende Rolle im Bau von Elektroanlagen, Transformatoren und später auch von Lokomotiven erlangte. Die Belegschaft verzehnfachte sich in kurzer Zeit, die Fabrikhallen beanspruchten eine immer größere Fläche. Später ging die MFO in der BBC und noch später im Großkonzern ABB auf. Doch schon damals hatte der Niedergang der Schwerindustrie begonnen. Die ABB räumte viele der Hallen und zog sich in Neubauten am Nordostrand des Geländes zurück. Damit war der Weg frei für eine Neunutzung des brachliegenden Areals, dessen Fläche in etwa der der Zürcher Altstadt entspricht.
Die Unterführung beim Bahnhof ist heute – gut zehn Jahre nach dem Rückzug der Industrie – immer noch dieselbe, doch das Pförtnerhäuschen ist verschwunden und das Schiebetor wartet nutzlos auf einen Einsatz, der nie mehr kommen wird. Da, wo einst ein Arbeiter Materialien von einer Halle zur anderen verschoben hat, flanieren jetzt Geschäftsleute und Schulkinder, streben Busse der Endstation zu – aus dem Industrieareal ist der Stadtteil Neu-Oerlikon geworden.
3000 Menschen wohnen hier, 7000 haben hier ihren Arbeitsplatz. Sechs Parks und ein Platz lockern die Flächen zwischen den großen Bauvolumen mit bis zu sieben Geschossen auf. Die Neubebauung ist das Resultat eines 1992 durchgeführten Wettbewerbs und den daraus hervorgegangenen Sonderbauvorschriften. Behörden und Investoren begegneten sich damals mit Misstrauen. Deshalb wurde Parzelle für Parzelle alles exakt festgeschrieben. Die Stadt rang den Grundbesitzern Boden für Parks und Plätze ab und gewährte ihnen im Gegenzug eine hohe Nutzungsdichte. Mindestens 25 Jahre sollte es nach den damaligen Plänen dauern, bis alle Parzellen bebaut sein würden. Doch es kam anders: Nach knapp zehn Jahren ist Neu-Oerlikon fast fertig. Die Wohn- und Bürobauten, ein Hotel, ein Schulhaus sowie alle Parks und Plätze sind erstellt, der öffentliche Verkehr rollt durchs Areal. Die Baisse an den Aktienmärkten und die Gründung von Immobilienfonds begünstigten die schnelle Entwicklung: Lebensversicherer und Banken suchten nach Investments und fanden in Neu-Oerlikon baureife Parzellen.
So kam Zürich schneller als gedacht zu einem neuen Stadtteil. Investoren und Politiker loben das Neubaugebiet. Medien und Bevölkerung hingegen sparen nicht mit Kritik: Von Retortenstadt, Anonymität und falschen Dimensionen ist die Rede, man sucht vergeblich nach den gewohnten Quartierstrukturen, nach kleineren Läden, Restaurants oder einem Zeitungskiosk. Dabei wird schnell vergessen, dass ein neuer Stadtteil mit all seinen Strukturen nicht einfach über Nacht entsteht – das ist in Zürich nicht anders als in Barcelona, Frankfurt oder London. Neu-Oerlikon ist deshalb nicht nur ein neuer Stadtteil, sondern auch ein Lehrstück für Bewohner, Planer, Politiker, Behörden und Investoren:
  • Die Bewohner mussten und müssen lernen, dass das Leben im Stadtteil nicht einfach mitgeliefert wird, sondern Eigeninitiative gefragt ist. Das ist aufwändig bietet aber auch eine Chance: In Neu-Oerlikon gibt es keine Alteingesessenen, die auf bestehende Regeln und Traditionen pochen.
  • Planer, Politiker und Behörden mussten lernen, dass der richtige Mix aus Wohnungen, Büros und Geschäftsräumen nicht einfach auf dem Reißbrett geplant werden kann. Vielmehr braucht es Gebäude, die flexibel auf die sich wandelnden Bedürfnisse reagieren können.
  • Investoren und Planer mussten lernen, dass zu viele Wohnungen gleicher Preisklasse zu einer Monokultur führen. Im Quartier werden hauptsächlich Wohnungen mit einem Mietzins von 2500 bis 3000 Franken pro Monat angeboten. Die meisten Bewohner sind deshalb kinderlose Doppelverdiener mit guten Jobs, langen Arbeitszeiten und wenig Präsenz im Quartier. Nur an den Rändern des neuen Stadtteils haben Genossenschaften günstige Familienwohnungen erstellen können. Hier pulsiert das Leben und sind viele Eigeninitiativen zur Aufwertung des Quartiers entstanden.
  • Planer, Politiker und Investoren mussten aber auch lernen, dass alte Fabrikbauten Teil der Identität sind. Wenn möglich sollten deshalb die letzten Zeitzeugen nicht Neubauten weichen, sondern nur einer neuen Nutzung zugeführt werden.
Lernen müssen Planer, Investoren und Geschäftsmieter zudem noch, dass Bürobauten mit eigener Kantine zwar angenehm für die Angestellten sind, aber schlecht fürs Leben im Quartier: Über Mittag bleiben die Mitarbeiter eher in den abgeschirmten Gebäuden. Dabei laden die Parks im Sommer zu einer Mittagspause ein. Das wiederum wäre die Chance für Bäckereien oder Take-Aways, Filialen zu eröffnen. Doch da es an Publikum mangelt, tun sie sich schwer damit. Die potenziellen Kunden – die gut 7000 Menschen, die hier arbeiten – sind nämlich fast ausschließlich auf dem Weg von und zum Bahnhof präsent.
Es braucht also noch eine zweite kleine Bereinigung: So wie die Zäune, Tore und Pförtnerhäuschen des einstigen Industriegiganten ABB verschwunden sind, müssen sich auch die neuen Bürobauten der Banken, Versicherungen und Beratungsfirmen integrieren. Sie dürfen nicht verschlossene Inseln im neuen Stadtteil bilden, sondern sollten vielmehr ihren Teil zum täglichen Leben des Viertels beitragen. Dann ist ein weiterer Schritt in der Identitätsfindung des neuen Stadtteils getan. •