Klasse in der Masse

Liebe db,

als ich das erste Mal die Ränder von Barcelona kreuzte, entsetzte mich die geballte Hässlichkeit vor mir. 12-geschossige Plattenbauten aus brüchigem Beton und roten Ziegeln säumten den Weg, vergraute Klimaanlagen verstellten die Balkone, ausgedörrtes Braun und Brachland dazwischen. Das entsprach so gar nicht meinem Bild von Barcelona, das im Innern so viel spannende Architektur zu bieten hat. Noch heute, rund zehn Jahre später, in Barcelona ebenso wie am Saum von Valencia oder Madrid, denke ich unweigerlich an Problemstadtteile – hier aber ist es die bürgerliche Vorstadt, die sich ins Land frisst.
Wohnen in der Masse scheint den Spaniern nichts auszumachen. Die Vorstadt bietet größere Wohnungen, besser ausgestattet und günstiger als vergleichbare Wohnungen in Altstädten. Mit dem letzten Bauboom stiegen die Immobilienpreise schnell, von 1995 bis 2007 verdreifachte sich der Preis je Quadratmeter. Eine Eigentumswohnung am Stadtrand, wo der Kaufpreis im guten Verhältnis zum Arbeitsweg steht, war mithilfe der staatlichen Wohnbauförderung dennoch finanzierbar. Jahrelang unterstützte die Regierung dabei besonders Familien mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Sie profitierten von Krediten mit niedrigen Tilgungsraten, geringem Zinssatz und festgelegtem Kaufpreis. Für den Verkäufer, meist private Immobilieninvestoren, gab es Subventionen beim Bau. Eigenkapital brauchte der Käufer kaum, ein fester Job schien seine Kreditwürdigkeit im wirtschaftsboomenden Spanien auf Jahre hinaus zu garantieren. Wer keinen Job hatte, konnte sich auf eine Sozialmietwohnung bewerben. Bis zum Beginn der Krise waren aber nur rund 20 % des Bestands Mietwohnungen und nur wenige davon Sozialwohnungen mit staatlich festgelegtem Mietpreis. Vom geförderten Wohnungsbau profitierten also v. a. Käufer. Seit Beginn der Krise fallen die Immobilienpreise, die Wohnungen sind heute um ca 20 % weniger wert als noch zu den besten Zeiten des Immobilienbooms. Der Bau geförderter Wohnungen ging v. a. 2011 extrem zurück, und auch Baukredite sind so einfach nicht mehr zu bekommen. Private Investoren sind nicht mehr so stark auf dem Markt vertreten – die Mehrheit aller Neubauten wird heute von Banken und Sparkassen errichtet, die sehr vorsichtig agieren.
Da die bis 2008 schnell hochgezogenen Stadteile zunehmend Kritik hervorriefen, verpflichteten besonders staatliche Investoren immer mehr namhafte Architekten. Z. B. in Sanchinarro, eine Planstadt für 40 000 Einwohner im Norden Madrids, die ohne den bügelförmigen Mirador von MVRDV und Blanca Lleó [1] sicher kaum bekannt wäre. Der Mirador ist ein ehrgeiziges Projekt, das dem Massenwohnungsbau in Spanien zu mehr Anspruch verholfen hat. Mittlerweile aber wirkt er im Zentrum des unvollendeten, infrastrukturarmen Stadtteils eher größenwahnsinnig. Ein paar Blocks weiter planten MVRDV und Blanca Lleó eine zweite geförderte Wohnanlage, Celosia, die auf Nachbarschaft und weniger auf Zeichenhaftigkeit setzt. Die Idee des Betonbaus ist die Aufteilung [2] in kleine Nachbarschaften, die sich jeweils eine rund 200 m² große Terrasse teilen. Die gemeinsame Aneignung des Außenraums durch die Bewohner ist die Stärke der wunderbaren Idee – und die Schwäche der Umsetzung: Die mit großflächiger Begrünung visualisierten Terrassen bleiben leere Betonplattformen, durch die immerhin der Wind erfrischend weht. Einen kleineren Maßstab wählten die Architekten Alsonso y Fisac bei einem geförderten Bau im madrilenischen Fuenlabrada. 114 Wohneinheiten gruppieren sich klassisch um einen Hof. Wie MVRDV hoffen auch Alonso y Fisac auf die persönliche Gestaltung der (privaten) Terrassen. Auf Grün setzten auch Somos Architectos bei ihrem sozialen Wohnungsbau [3] in Vallecas, dem Pendant zu Sanchinarro im Süden Madrids: Die Fassade besteht aus grünem Polycarbonat, durchbrochen von unregelmäßig angeordneten Fenstern. Bunte und materialbetonte Fassaden sind derzeit der Trend, mit dem Architekten versuchen, die Gewaltigkeit eines Baus herunterzubrechen. Und es hilft Investoren, ihre Wohnungen auch in der Krise noch zu verkaufen. Viele Eigentumswohnungen stehen dennoch, trotz Förderung, leer.
Gleichzeitig sind öffentlich geförderte Mietwohnungen Mangelware. Wie eine Untersuchung der UN schon 2006 ergab, geht der geförderte Wohnungsbau außerdem zu einem großen Teil an den Bedürfnissen vorbei. Daher sollte ab 2009 ein staatliches Wohnbauprogramm Investoren, die Sozialwohnungen mit Mietpreisbindung anbieten, stärker fördern. Doch da kaum noch gebaut wird, ist die Situation heute fast unverändert. Das Mietwohnungsangebot deckt bei Weitem nicht den Bedarf, und Mieter zahlen in den Städten weiterhin Höchstpreise – zu hoch für junge Menschen, die hier von Arbeitslosigkeit und Mittellosigkeit besonders betroffen sind. Der Umzug vom Kinderzimmer in die eigene Wohnung findet meist erst mit Mitte Dreißig statt. Ein Lichtblick sind daher die 98 geförderten Mietwohnungen im Torre Urrutia [4] am nordwestlichen Rand Barcelonas von Arriola und Fiol. Die Apartments sind 44 m² groß und wirken sehr bescheiden; doch für junge Spanier ist diese ungeteilte Wohnfläche im Stadtgebiet wahrer Luxus: ein Wohnschlafraum, Pantryküche, kleines Duschbad. Und trotz sieben Wohnungen pro Etage wirkt der Bau von außen nicht wie ein typischer Massenwohnungsbau, auch dank Staffelung der Höhen und Wechseln im Fassadenmaterial.
Ob die Krise tatsächlich langfristig ein Umdenken im Massenwohnungsbau mit sich bringt? Aktuell verfestigt sie die Ödnis der Vorstadt, es fehlt Geld für den Bau der Infrastruktur. Und die Investoren akzeptieren lieber Leerstand, als die Wohnungen unter Preis zu verkaufen oder gar zu vermieten.
Saludos cordiales, ~Rosa Grewe
Rosa Grewe liebt Flamenco, das Mittelmeer – und spanische Architektur. Für ein Jahr streift sie quer über die iberische Halbinsel und entdeckt Stadt, Land und Stadtrand, Küste und Landschaft, Unterschiede und Bekanntes. Sie studierte Architektur in Darmstadt und ist seit 2006 Architekturjournalistin.