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Die öffentliche Stadt auf dem Weg ins Private

Text: Stefan Hochstadt

Zwei große Trends beherrschen seit einiger Zeit die städtische Entwicklung. Einerseits entleeren sich die großen Städte der entwickelten Welt in ihren Kernen zusehends, andererseits leben immer mehr Menschen in Städten. In Deutschland offenbart sich dieser Widerspruch darin, dass zwar vier von fünf Menschen in Städten leben, genauso viele aber das frei stehende Einfamilienhaus als ideale Wohnform sehen. Nicht erst neuerdings zieht es die Menschen vor die Tore der Stadt.
Im Wettbewerb um neue kaufkraftstarke Gruppen versuchen die Städte, sich auf dem engen Markt der »Global Cities« zu positionieren, nicht zuletzt auf Kosten jener Gruppen, die in Folge der veränderten politischen und ökonomischen Bedingungen zu Verlierern werden, d.h. einen zunehmend geringeren Anteil des gesellschaftlichen Wohlstands in ökonomischer wie in sozialer und kultureller Hinsicht für sich zu reklamieren in der Lage sind. Gerade unter den Vorzeichen globalisierter Stadtpolitik und insgesamt schrumpfender Bevölkerungszahlen, unterstützt vom demografischen Wandel, wächst soziale Ungleichheit und wird in fortschreitender räumlicher und sozialer Segregation sichtbar – Angehörige verschiedener gesellschaftlichen Gruppen leben vermehrt in mit ihrem Sozialstatus korrespondierenden Quartieren.
Die Konsequenz dieses doppelten Prozesses ist der Verlust städtischer Dichte und Verschiedenartigkeit. Doch geht, wenn sich Quartiere »homogenisieren«, also aufgrund von räumlichen oder sozialen Wanderungsprozessen an städtischer Heterogenität verlieren, auch die urbane Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen verloren. Das Bestreben, in homogenen Nachbarschaften zu leben, wurzelt im Wunsch nach Sicherheit, der in »überforderten Nachbarschaften« – Quartieren, in denen zum Beispiel Integrationsanforderungen oder Konfliktbewältigungen nicht mehr leistbar sind¹ – wohl nicht realisiert werden kann; es steckt darin aber auch die Abkehr vom Öffentlichen und die Hinwendung zum Privaten.
Die voranschreitende Sub- und Dysurbanisierung, d.h. die Emanzipierung der Vor-Orte vom Haupt-Ort, definiert Öffentlichkeit und Privatheit neu. Die alten Gegensätze von Stadt und Land, von Zentrum und Rand werden zunehmend verwischt, was ein neues Verhältnis von Stadt und Wohnung, von öffentlich und privat provoziert. So manifestiert sich der Bedeutungszuwachs des Privaten, das ständig bedroht bleibt, weil das städtische Gleichgewicht in Folge der beschriebenen Veränderungen immer prekärer wird. Davon profitieren private Sicherheitsdienste und rechte Parteien. Die Behauptung, das Private sei gefährdet, deutet somit auf das Gegenteil, nämlich die fortschreitende Zerstörung des Öffentlichen.
Die Dialektik von Privatem und Öffentlichem geht noch weiter: Was wir draußen nicht mehr bekommen, brauchen wir drinnen. Der ständig wachsende Wohnflächenbedarf des Einzelnen ist mehr als nur Ausdruck gestiegenen Wohlstandes. Er ist vor allem Ausdruck der gestiegenen Bedeutung des Privaten und der Kommerzialisierung des Lebens. Begünstigt wird dies durch die neuen Kommunikationstechniken, die vom Zwang befreien, an einem konkreten, physischen Ort zusammenkommen zu müssen. Das Telefon hat nachweislich zur Suburbanisierung beigetragen, das Internet wird diesen Prozess weiter vorantreiben. Wir müssen den Schutz unserer Privatheit heute nicht mehr aufgeben, wenn wir in den öffentlichen Raum treten. Der ungeschützte Möglichkeitsraum ungeplanter Urbanität wird uns zunehmend unangenehm. Die Stadt ist keine Verheißung mehr, sie ist eine Bedrohung. Deshalb schließt man sie aus. Stadt raus aus der Wohnung. Stadt raus aus der Stadt.
Zwar war die Aufforderung, die »Stadt als Wohnung« zu begreifen, schon ursprünglich nicht einlösbar. Vielleicht ist ihre Nichteinlösbarkeit sogar das, was die Stadt ausmacht, nämlich die fortwährende sinnenreiche Konfrontation mit Neuem oder jedenfalls Unerwartetem. Doch kann sie in die Einsicht übertragen werden, dass selbst in einer segregierten und privatisierten Stadt das Arbeitsteilige, das Raumteilende, das Gemeinwesen konstitutiv ist, selbst wenn sich jene, die es sich leisten können, in homogene Vorortsiedlungen flüchten. Lebensraum lässt sich nicht auf solche Refugien beschränken, bleibt Stadt doch wichtiger Teil der je eigenen Partizipations-, Emanzipations- und Aneignungsgeschichte. Die privatisierte Stadt ist ein Widerspruch in sich. S.H.