Das Zentralgebäude des BMW-Werks in Leipzig

Die Ästhetik der Produktion

BMW Allee 1, die einzige Hausnummer, die diese Straße hat. Eine Adresse an Leipzigs Peripherie, zwischen Wiesen und Feldern, gut acht Kilometer nördlich des Stadtzentrums, nahe dem Flughafen und der neuen Messe gelegen. Bald nachdem die Standortentscheidung für das neue Werk vor vier Jahren getroffen wurde, war abzusehen, dass auf dem 200 Hektar großen Areal nicht nur 5000 Arbeitsplätze, sondern auch anspruchsvolle Architektur entstehen würde. BMW Allee 1, the only number in this street. An address on the periphery Leipzig, between meadows and fields, a good eight kilometres north of the city centre, in the vicinity of the airport and the new trade fair area. Following the decision for the siting of the new works four years ago, it was foreseeable that on the 200 hectare site not only 5000 jobs would be created but also high quality architecture.

Text: Annette Menting

Fotos: Hélène Binet, Roland Halbe, Emil Chmil, Martin Klindtworth
Das BMW-Werksareal liegt etwa acht Kilometer außerhalb des Zentrums zwischen den Vorstadtgemeinden Seehausen und Plaußig. Die Wiesen und Felder auf dem Gelände wurden bis April 2002 noch landwirtschaftlich genutzt. Bei der Standortwahl hatte die BMW Group aus 250 europäischen Bewerberstädten Leipzig gewählt, nicht zuletzt aufgrund des günstigen Terrains mit guter infrastruk- tureller Anbindung an Straße und Schiene. Mit der »BMW-Allee« wurde eigens eine Anbindung an die Autobahn Dresden – Magdeburg und an das Stadtzentrum geschaffen. Zugleich markiert diese Allee die Grenze des rund 200 Hektar großen Areals, das viermal die Fläche der Innenstadt einnimmt. Innerhalb von drei Jahren entstand das Werksareal am Stadtrand, vergleichbar dem Gelände von Porsche oder dem der Neuen Messe, die Mitte der neunziger Jahre aus dem Zentrum ausgelagert wurde. An der Peripherie expandiert die Stadt im großen Maßstab und manifestiert den Wirtschaftsstandort »Sachsendreieck«, während im Kontrast dazu die Innenstadtbereiche durch Perforation und Schrumpfung bestimmt sind.
Mit dem Zentralgebäude des jüngst fertig gestellten BMW-Werks in Leipzig ergab sich für Zaha Hadid erstmals die Möglichkeit, ihre Architektursprache an einem Industriebau zu erproben. Ein dunkelblauer Flügelbau scheint zum Abheben vom Erdboden bereit; ein Eindruck, der durch die dynamischen Diagonalen des Körpers noch verstärkt wird. »Die ganze vitale Welt ist auf dem Sprung, in den Raum abzufliegen und einen besonderen Platz einzunehmen«, heißt es im Suprematistischen Manifest von 1924 zu technischen Organismen.
Bei der Gestaltung des Werksgeländes erfolgte eine zweiteilige Verfahrensweise. Die Technologiehallen für Karosseriebau, Lackiererei und Montage sowie das Versorgungszentrum und die Lager wurden von einer werksinternen Projektgruppe konzipiert und für produktionstechnische Abläufe und Entwicklungen optimiert. Erweiterungsflächen sind vorgesehen, so dass bei entsprechendem Ausbau die Kapazität von momentan rund 2500 auf 5500 Mitarbeiter gesteigert werden kann. Das Zentralgebäude, dem seit Werkseröffnung im Mai die ganze Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gilt, bildet nur einen kleinen Teil der baulichen Struktur, etwa ein Zehntel. Für diesen repräsentativeren Bauabschnitt lobte der Bauherr einen internationalen Wettbewerb aus, um einen Entwurf für das als »Herzstück« oder »zentrales Nervensystem« titulierte Gebäude zu erhalten, das als Eingangs-, Verwaltungs- und Kommunikationsraum dient. Zaha Hadids Beitrag wurde prämiert. Ein zweiter und dritter Preis wurde an Lab architecture studio und Peter Kulka vergeben – ein Entwurfsspektrum von rationaler Disziplin, die sich in die vorgegebenen Ordnungsstruktur einfügt, bis zu expressiver Dynamik, die einen Kontrast zu den anderen Werksgebäuden bildet. Wie deutlich die Welt des Automobils von Image und emotionalen Werten abhängt, macht auch der Slogan des Unternehmens, »Freude am Fahren«, deutlich. Die Produkte werden als dynamisch, kultiviert und herausfordernd charakterisiert. Auch in der Arbeitswelt und Architektur soll sich dies durch eine kommunikationsfördernde Struktur widerspiegeln, was sowohl für die innere Organisation des Zentralgebäudes als auch für seine äußere Zeichenhaftigkeit gilt. Diese Zeichenhaftigkeit formulierte Zaha Hadid abstrakter als Karl Schwanzer bei der BMW-Konzernzentrale in München, dem »Vierzylinder« aus den siebziger Jahren. Die Aerodynamik des Flügelbaus könnte allenfalls als sublime Anspielung auf die ersten Erzeugnisse der Bayerischen Motorenwerke gedeutet werden, die Flugzeugtriebwerke, die im BMW-Symbol als stilisierter weißer Propeller vor blauem Himmel übersetzt werden. Der Beziehung von Architektur und Automobil wird seit dem legendären Foto von Le Corbusiers Weißenhofhaus mit dem Mercedes besondere Bedeutung beigemessen. Stand das Auto seinerzeit vorbildhaft für Typenentwicklung und Serienherstellung, ließen sich bei Hadid Dynamik und Individualisierung der Form nennen, die aufgrund computergestützter Prozesse sowohl bei der Produktion von Automobilen als auch von Architektur möglich sind.
Das Zentralgebäude prägt den öffentlich-repräsentativen Bereich des Werks an der Nordseite, während die übrigen Seiten eher unauffällig ausgeführt und abgeschottet sind, mit Teststrecke, Schienenweg und Lieferzone. Hadid gestaltete Landschaft, Vorplatz und Gebäude mit großer Geste, so als würde ein Gravitationsfeld vom Zentralgebäude ausgehen, das nach außen in den Landschaftsraum und nach innen in die Werkshallen hineinwirken soll. So erscheinen beispielsweise die rund 4500 Parkplätze auf dem Vorplatz nicht als unumgängliches Übel, sondern wurden zum charakteristischen Bestandteil der bewegten Landschaftsarchitektur.
Bewegungsströme von Menschen und Produkten machen das Zentralgebäude zum Kumulationsort. Die BMW-Projektgruppe hatte eine sichtbare Vernetzung der U-förmig angelegten Hallen mittels Förderbändern vorgegeben, auf denen sich halbfertige Karossen bewegen. Dies kam Hadids Vorstellungen entgegen: Sie konnte Bewegung in Architektur umsetzen, indem sie die orthogonalen Wege aus den Hallen in eine fließende, kurvenlineare Struktur umwandelte und mit einer baulichen Hülle nachzeichnete. Parallel dazu konnten auf verschiedenen Ebenen Wege- und Arbeitsräume für die hier arbeitenden Menschen konzipiert werden, für die Fertigungsarbeiter, die das Zentralgebäude passieren, um zu ihrer Werkshalle zu gelangen sowie für die im Gebäude tätigen Verwalter und Entwickler, aber auch für Besucher. So entstand ein Passagenraum, der das Foyer und die Kantine sowie Ausstellungsflächen und Arbeitsplätze aufnimmt. Linearstrukturen steigen gegenläufig an und gliedern den Baukörper, ein Riegel schwebt als Brücke über dem Eingang und fällt nach hinten hin ab, während innerhalb des anderen Riegels die Kaskaden vom Foyer aus allmählich ansteigen. Bemerkenswert ist die Forderung des Unternehmens, keine Trennung zwischen »white and blue collar«-Bereichen vorzunehmen, sondern ein unhierarchisches Netzwerk zu bilden, was architektonisch in dem ungeteilten Einraum mit Bürokaskaden manifestiert wurde. Die Bedeutung des Teamworks zeigt sich exemplarisch auch im Energiekonzept mit natürlicher Belüftung, dass heißt, in Werks-hallen und Zentralgebäude herrschen die gleichen klimatischen Bedingungen und gegebenenfalls wird an besonders heißen Sommertagen gleichermaßen geschwitzt.
Angesichts der sehr kurzen Planungs- und Ausführungszeit waren gewisse Kompromisse bei der Ausführung im Vergleich zum Wettbewerbsentwurf wohl unvermeidlich, wobei der Wegfall des hadidschen Möblierungskonzeptes für das Zentralgebäude und die fehlende Gestaltung der Hallenfassaden die markantesten Aspekte sind. Unabhängig davon hat die Zusammenarbeit von Bauherr und Architektin zu einem innovativen Ergebnis geführt, das als moderne Arbeitsstätte hohe Akzeptanz erfährt und inspirierend wirkt. Zaha Hadid hat einen Bauherrn gefunden, der ein avanciert-herausforderndes Programm formulierte. Umgekehrt hat BMW-Werksleiter Peter Claussen eine Architektin gefunden, die die geforderte Funktionalität zum Thema macht und mit einer überzeugenden Zeichenhaftigkeit verbindet – ein Beweis, dass sich die hadidsche Architektursprache nicht allein in Museen und Ausstellungsräumen entfalten kann, sondern in diesem Fall auch in einem Zweckbau. A. M.
Bauherr: BMW AG, München Architekten: Zaha Hadid mit Patrik Schumacher, London Projektarchitekten: Jim Heverin und Lars Teichmann Mitarbeiter: Eva Pfannes, Kenneth Bostock, Stephane Hof, Djordje Stojanovic, Leyre Villoria, Liam Young , Christiane Fashek, Manuela Gatto, Tina Gregoric, Cesare Griffa, Yasha Jacob Grobman, Filippo Innocenti, Zetta Kotsioni, Debora Laub, Sarah Manning, Maurizio Meossi, Robert Sedlak, Niki Neerpasch, Eric Tong, Jan Huebener, Matthias Frei, Cornelius Schlotthauer, Fabian Hecker, Wolfgang Sunder, Anette Bresinsky, Anneka Wegener, Achim Gergen, Robert Neumayr, Christina Beaumont, Caroline Anderson Tragwerksplanung: AGP Arge Gesamtplanung IFB, Stuttgart und Anthony Hunt Ass., London Landschaftsplanung: Gross.Max, Bridget Baines und Eelco Hooftman mit Daniel Reiser, Edingburgh Lichtplanung: Equation Lighting, London Projektsteuerung: ARGE Assmann-Obermeyer, München Gesamtplanung Werksareal: Peter Claussen, Projektleiter BMW Werk Leipzig, BMW AG Bauzeit: Werkshallen 2002 – 2004, Zentralgebäude 2003 – 2005 Bausumme: 1,3 Mrd Euro, davon 363 Mio Euro aus Förderprogrammen Fertigstellung: Mai 2005