Fragen an einen lichtplaner

BITTE KEINE SCHWARZWÄLDER KIRSCHTORTEN!

Nachtgesichter: Wie viel Beleuchtung benötigt gute Architektur und wie viel verträgt sie? Welchen gestalterischen Stellenwert hat Lichtplanung in der Architektur? Diese und weitere Fragen haben wir dem Münchner Lichtplaner Gerd Pfarré gestellt.

Mit Gerd Pfarré sprach Elisabeth Plessen am 3. Mai in München.

Interview: Elisabeth Plessen
Herr Pfarré, wie ist der Beruf des Lichtplaners zu verstehen? Wer arbeitet mit Licht? Die Zahl derer, die mit Licht gestalterisch arbeiten, ist relativ hoch. Der Beruf als solcher ist übrigens nicht geschützt – noch nicht. Was wir machen, ist Lichtplanung und Lichtdesign für Architektur. Ich arbeite frei und unabhängig für Architektur, Landschaft, Freiraum und Stadt. Wir sind so gesehen Teammitglied bei den Architekten, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten, Stadtplanern und Verkehrsplanern. Andere Kollegen, beispielsweise in den USA, haben sich innerhalb des Architekturlichts spezialisiert auf Projekte wie Masterpläne, Privathäuser oder Hotels. Überhaupt sind die Amerikaner auf dem Gebiet der Lichtplanung schon sehr viel länger tätig. Pionier war hier Richard Kelly, der angefangen hat, mit Architekten Beleuchtungspläne für Gebäude zu entwickeln. Daraus hat sich dann eine Gruppe gebildet, die 1969 in New York den ersten Berufsverband, die International Association of Lighting Designers, IALD, gründete. Sie waren die Ersten, die sich, von Herstellern und Industrie unabhängig, zusammengetan und Planungsleistungen organisiert haben. Seit 1998 bin ich dort als Professional Member registriert. Der Austausch mit über 700 Kollegen weltweit ist spannend und macht viel Spaß.
Wann kommen Sie als Teammitglied im Planungsprozess dazu? Oder wann würden sie gerne dazu kommen? Die Zahl der Planer, die wissen, dass es sinnvoll ist, bei einem Projekt frühzeitig einen Lichtplaner einzuschalten, nimmt stetig zu. Dadurch wird auch der Zeitpunkt, an dem wir eingebunden werden, immer früher. Das geht mittlerweile so weit, dass wir augenblicklich im Rahmen eines Auslobungswettbewerbs am Entwurf für ein großes Untergrundbauwerk arbeiten, bei dem die Arbeitsgemeinschaft des Architekten mit einem Lichtplaner ausdrücklich gefordert wurde. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar und zeigt sehr gut, welche Be- deutung das Thema Licht – zu Recht, wie ich finde – bekommen hat.
Was also muss Architektur und was kann Lichtplanung leisten? Man kann schlechte Architektur auch mit einer guten Beleuchtung nicht retten, zumal schlechte Architektur den ganzen Tag über sichtbar ist. Was wir nicht können und nicht wollen, ist, diejenigen zu sein, die eine mittelmäßige oder schlechte Architektur am Abend »anhübschen« im Sinne einer Inszenierung. Das betrifft vor allem Bestandsbauten. Worin läge der Sinn dieser Inszenierung? Unsere Aufgabe sehen wir in erster Linie darin, das sichtbar zu machen, was im Sinne der Nutzung sichtbar gemacht werden muss und natürlich im Sinne der Menschen, die das Gebäude nutzen. Denn Licht hat primär eine dienende Funktion. Auch hier ist weniger mehr. Wir planen Atmosphären, Stimmungen, Bewegungsabläufe, unterstützen Adress- bildung, Image, Präsentation, Orientierung und Sicherheit.
Ist dann die Vermittlung von Sicherheit und Orientierung der Primäraspekt der Lichtplanung? Primäraspekt ist immer die Wahrnehmung bezogen auf den Ort. Aus ihr leitet sich auch die Sicherheit ab. Ich kann ein Gebäude mit Licht unwirtlich, sogar abstoßend beleuchten, so dass nichts so funktioniert, wie es geplant war – wie es vielleicht sogar am Tag funktioniert. Wenn das Licht nicht stimmt, kann sich alles ins Gegenteil verkehren. Es gibt viele Beispiele, bei denen Gebäude meiner Ansicht nach deformiert werden, bei denen das Abend- und Nachtgesicht ein völlig anderes ist als das Taggesicht. So entstehen z. B. Nachtfassaden die aussehen als hätte das Haus eine Taschenlampe vor dem Gesicht, mit all den dramatischen Schlagschatten. Hierbei entstehen Fratzen, die nur auf Effekthascherei aus sind. Der Bedarf an Selbstdarstellung durch die Nutzer und Eigentümer nimmt zu. Hier sehe ich eine große Gefahr, nicht nur für das Objekt, für die Architektur und das ad-absurdum-Führen des architektonischen Entwurfs, sondern auch für den Ort, den urbanen Raum, für die Aufenthaltsqualität im Außenraum generell, die unabhängig ist vom Architekten und Bauherrn, der dieses Gebäude errichtet. Das ist eine galoppierende Entwicklung.
Gibt es hierzu ein prominentes Beispiel? Was mir dazu einfällt, vielleicht nicht so prominent, ist ein Geschäft in der Prinzregentenstraße in München, das am Abend aussieht wie eine Schwarzwälder Kirschtorte. Hier wird einfach übertrieben mit Glitzerkettchen und Strahlern – aber ein prominentes Beispiel könnte ich jetzt nicht aus dem Ärmel schütteln. Ich sehe so viel davon, dass ich mir die schlechten Beispiele nicht merke. Vielleicht noch ein bekanntes Feinkosthaus hier in München. In der Nacht ist das viergeschossige Haus nur noch zwei Stockwerke hoch. Unten wird unglaublich »Hui« gemacht und angestrahlt, und über dem Sims herrscht völlige Dunkelheit. Man kann nicht einfach zwei Stockwerke ignorieren, wenn man ein abendliches Erscheinungsbild gestaltet.
Oft wird auch der Fehler gemacht, dass nur eine Fassade angestrahlt wird und die zur Nebenstraße komplett im Dunkeln bleibt. Als Lichtplaner müssen wir die Architektur respektieren. Architektur ist dreidimensional, auch nachts. Licht ist als vierte Dimension zu verstehen, sie macht das Ganze sichtbar.
Wo liegen die Grenzen bei der Beleuchtung eines Gebäudes? Gibt es gesetzliche Vorgaben?
Es gibt keine Regelung, sondern nur die Möglichkeit, dies über einen Lichtmasterplan, der von allen Beteiligten, den Kommunen, den für die Straßenbeleuchtung Verantwortlichen der Stadt und den Anliegern gemeinsam getragen wird, festzulegen. Dieser bezieht sich neben ›
› der Lichtgestaltung auf die Bestimmung der Beleuchtungsstärke, die Auswahl der Lichtelemente, die Lichtfarben. Wobei wir Lichtplaner mit vielen Weißtönen zu tun haben, die wir als Farben sehen, es muss nicht immer gleich bunt werden. Ein Masterplan bezieht sich vorrangig auf die zu erreichende Beleuchtungsqualität, nicht auf die Quantität. Aber natürlich ist auch jede Beleuchtung nur so gut wie die Flächen und Volumen, die das Licht reflektieren. Der richtige Umgang mit Reflexionen ist ein wesentliches Gütemerkmal in der Lichtplanung.
Selbst innerhalb eines Lichtmasterplans ist vieles möglich. Es mag berechtigt sein, dass manche öffentlichen Gebäude im nächtlichen Stadtbild hervortreten. Aber wie sieht das mit Privathäusern, Büros und Ladenlokalen aus? Wie viel Inszenierung, wie viel Hervortreten, ist erlaubt? Wichtiger Bestandteil eines solchen Plans sind definierte Wahrnehmungshierarchien im urbanen Kontext. Die sind besonders wichtig für diejenigen, die gerne lauter trommeln würden, zum Beispiel mit Lichtwerbung im Einzelhandel. Viele Kommunen sind sich dieses Problems mittlerweile bewusst. Ich kann nicht mehr einfach ein beliebig großes Leuchtschild an mein Gebäude anbringen, das ist genehmigungspflichtig. Eigentlich der richtige Ansatz, aber meine Fassade kann ich immer noch beleuchten wie ich möchte. Die öffentliche Beleuchtung kommt noch dazu, beides ist nicht aufeinanderabgestimmt, weder gestalterisch, noch quantitativ oder bezogen auf die Lichtsteuerung. Ich plädiere nicht dafür, alles »durchzuregeln«, aber es sollte ein ausbalanciertes Lichtkonzept zugrunde gelegt werden, auch aus Gründen des Energieverbrauchs. Denn wir Lichtplaner stehen in dem Ruf, viel Energie zu verplanen. Das ist nicht richtig. Unser eigentliches Anliegen ist es, eine höhere Gestaltungsqualität mit geringeren Energie-werten zu realisieren. In den Städten dieser Welt wird bei Weitem zuviel Energie für Beleuchtung verbraucht. Die dadurch entstehende Lichtverschmutzung ist fatal.
Mit welchen Lichtquellen und Leuchtmitteln arbeiten Sie, um den Energieverbrauch zu kontrollieren und zu minimieren? Das richtet sich nach dem jeweiligen Projekt und Einsatzgebiet. Natürlich würde man nicht mehr ein ganzes Haus mit Glühbirnen beleuchten. Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die sagen, eine Glühlampe darf man aus Energiegründen nicht mehr verwenden. Sie gibt wunderschönes Licht. Wenn ich einen ganzen Raum aber nur mit Glühlampen beleuchte, produziere ich eine Menge Wärme, habe eine relativ geringe Lebensdauer und einen hohen Stromverbrauch. Wenn ich aber mit wirtschaftlichen Leuchtmitteln eine Grundhelligkeit erzeuge, vor der eine Glühlampe wirken und ihre Qualität entfalten kann, sieht es anders aus.
Wir haben in Bremerhaven einen 40 m hohen Leuchtturm mit insgesamt 1200 Watt beleuchtet – das ist so viel, wie ein Fön verbraucht. Dafür haben wir eine Auszeichnung bekommen. Beim Leuchtturm mit seiner Vielschichtigkeit haben wir nicht auf jeder Ebene und bei jedem Detail einen Strahler gesetzt, dies wäre auch viel zu »zuckerbäckerig« geworden. Wir strahlen ihn unter anderem von 25 Meter entfernten Masten mit einer ganz präzise definierten Linse an. Insgesamt kommen sechs unterschiedliche, sehr wirtschatliche Lichtsysteme zum Einsatz. So kommen wir auf die geringe Leistung, lassen das Gebäude in Ruhe und verletzen die historischen Fassaden nicht durch aufgeschraubte Leuchten, die auch am Tag sichtbar wären. Denn auch die Frage, wie die Leuchten bei Tag am Gebäude wirken, ist ein wichtiges Kriterium. Mit guten Lichtwerkzeugen ist das möglich.
In London arbeiten wir augenblicklich an einem großen Projekt, dem Crystal Palace Park. Dafür planen wir mit fünf Jahren Vorlauf eine Parkbeleuchtung, schwerpunktmäßig mit LEDs. Aufgrund unserer guten Kontakte zu Herstellern wissen wir, dass diese an neuen Konzepten arbeiten, an einer Steigerung der LED-Leistungsfähigkeit in Verbindung mit hocheffizienten optischen Systemen. Wir sind als Lichtplaner in der Lage, diese Entwicklungen mitzugestalten und zu beeinflussen. Für die Beleuchtung des Außenraumes werden sich in den Städten Energieeinsparungen erreichen lassen, die für die Kommunen heute noch unvorstellbar sind. Aber all dies darf nur in Verbindung mit einer hohen Gestaltungsqualität und durchdachten Konzepten vonstatten gehen. Man kann die Themen Außen-, Innen- und Architekturbeleuchtung nicht – wie es zu lange getan wurde – nur auf rein quantitative Kriterien reduzieren. Dann leiden Architektur, Mensch und Energiehaushalt.
Welche Zukunft sehen Sie in diesem Zusammenhang für die Lichtfasertechnik? Lichtfasern sind ein wunderbares, wartungsarmes Gestaltungsmittel. Mit ihnen lassen sich Lichtpunkte oder -linien erzeugen, jedoch glaube ich, dass Fasersysteme langfristig in der Lichtplanung nur unter dekorativen Gesichtspunkten Einsatz finden werden. Sie eignen sich sehr gut für die Vitrinenbeleuchtung und, da sie keine Wärme produzieren, für die Beleuchtung hitzeempfindlicher Objekte.
Es gibt mittlerweile sogar Systeme mit größeren Querschnitten, die Lichtröhren. Leider sind sie noch sehr teuer, aber für Tunnelbeleuchtungen und andere schwer zu wartende Bereiche sehe ich interessante Einsatzbereiche, wenn sie weiterentwickelt und günstiger werden.
Wie muss ein Gebäude beschaffen sein – unabhängig von einer formalen Architektursprache? Welche Anforderungen haben Sie, wenn Sie ihm ein Dämmerungs- und Nachtgesicht geben? Wir haben keine Vorstellungen oder Ansprüche, wenn ein Objekt an uns herangetragen wird. Wir begegnen der Vielzahl unterschiedlicher Projekte mit großer Offenheit, darin liegt auch der große Reiz unserer Arbeit. Ich würde nie sagen, diese Architektur kann man nicht beleuchten. Gutes Licht entwickelt immer eine Magie. Wenn eine Architektur gruselig ist, dann würde ich sie auch gruselig beleuchten. Ich kann und will aus einem gruseligen Gebäude kein schönes machen. Es gibt ja abenteuerliche Vorstellungen davon, was Licht können soll und zu leisten hat. Viele davon teile ich nicht. Ich kann herausarbeiten, unterstützen und verstärken, was vorhanden oder Entwurfsziel des Architekten ist.
Wenn ein Architekt Sie früh hinzuzieht, gibt es dann Regeln, die Sie ihm an die Hand geben? Es gibt viele sehr schöne Stahl-Glas-Konstruktionen, bei deren Betrachtung deutlich wird, dass ihr Nachtgesicht nur aus der Nutzung entsteht, fast wie in einer Guckkastenbühne. Genau, wenn man aber bei einem solchen Gebäude frühzeitig anfängt, mit einem Lichtplaner zu arbeiten, kann man verhindern, dass es abends – spätestens, wenn die letzte Reinigungskraft gegangen ist –, dasteht wie ein toter Fisch, im schlimmsten Fall vor einer unwirtlichen Straßenbeleuchtung. Das ist dann nicht nur unattraktiv, sondern wirkt auch bedrohlich, weil Glas, wenn innen keine Lichtquelle ist, die gesamten Spiegelungen des Außenraums aufnimmt und damit völlig tot wirkt.
Andere Fassaden, beispielsweise Putzflächen, nehmen, wenn sie nicht beleuchtet sind, zumindest das Umgebungslicht an und reflektieren es. Wir kennen das vielfach aus den Städten. Glasfassaden wirken am Abend oft kalt und abweisend. Es gibt allerdings vielfältige lichtgestalterischere Möglichkeiten, die oft sogar relativ einfach umzusetzen sind. Deshalb ist gerade hier die frühe Zusammenarbeit mit einem Lichtplaner dringend notwendig. Bei Glasfassaden erhebt sich die Frage, habe ich nachts einen kalten, toten Fisch herumstehen – oder kann der was?
Es gibt ein wunderbares Beispiel von meinem geschätzten Kollegen Andreas Schulz, die Rohmühle im Innovationspark am Rhein in Bonn-Oberkassel. Hier wurde ein historisches Gebäude mit Backsteinfassade durch einen Glaskubus ergänzt. Die historische Fassade wurde sanft und warmtonig beleuchtet und der gesamte Glasanbau lichtplanerisch gestaltet, in diesem Fall auch mit farbigen LEDs. Die Raumkanten wurden betont und die Deckenuntersichten von unten beleuchtet. So stellt sich das komplette Volumen, der gesamte architektonische Entwurf am Abend dar. Jedes Deckenfeld ist als Fläche im Kubus erkennbar, ich sehe die Schichtung der Architektur und verstehe, wie das Gebäude gebaut ist. Das ist der Vorteil einer gut beleuchteten gläsernen Form, dann macht gläserne Architektur auch am Abend wirklich Sinn.
Wenn Sie keine Projekte ablehnen, gibt es trotzdem bevorzugte Arten der Zusammenarbeit? Eindeutig, wir bevorzugen die direkte Beauftragung durch den Bauherrn, denn wir sehen uns nicht gerne als eine Art U-Boot des Architekten. Uns ist es wichtig, dass der Bauherr die Lichtplanung durch uns auch ausdrücklich wünscht. ›
Wieso ziehen Sie die direkte Beauftragung vor? Wir legen großen Wert auf gute und direkte Kommunikation. Der Bauherr kann, wenn er uns nicht direkt beauftragt hat, in eine ungute Situation geraten: dass ihm etwas nicht gefällt, er es sich ganz anders vorgestellt hatte, und wir hatten nicht die Möglichkeit, im Vorfeld herauszufinden, was er sich tatsächlich vorgestellt hat. Das ist anders, wenn er die Lichtplanung als eine eigenständige Planungsleistung wahrnimmt und nicht als Anhängsel des architektonischen Entwurfs. Wir sehen uns als dem Architekten gleichwertige und gleichberechtigte Partner, nicht nur in technischer, sondern auch in gestalterischer Hinsicht. Dazu gehört auch die direkte Kommunikation mit dem Bauherrn.
Wenn Sie, vom Bauherrn beauftragt, später zu einem Projekt hinzugezogen werden und der Architekt andere Vorstellungen als Sie hat, wer hat dann die Lichtgestaltungshoheit? Kann der Architekt mit dem Urheberrecht am Gebäude sagen, dass er Ihre Intervention nicht gestattet, weil sie den Entwurf verändert? Wer hat das letzte Wort? Das kenne ich so nicht. Ich habe diese Prozesse noch nie anders als dynamisch erlebt, als einen gemeinsamen Gestaltungsprozess, in dem man auch gemeinsam zu einem Ergebnis kommt und Spaß an guter und kreativer Zusammenarbeit hat. Ich weiß aber, darauf wollte ich ohnehin zu sprechen kommen, dass es Architekten – und durchaus bekannte – gibt, die das Berufsbild des Lichtplaners schlichtweg für nicht existent halten, die sich für universell geschult und einen Lichtplaner für überflüssig halten. Da die uns auch nicht anrufen, werde ich wohl auch nie in die von Ihnen beschriebene Situation kommen. Ein prominenter Kollege in New York hat einmal gesagt, dass er seine Arbeit als die des »lighting eye of the architect« sieht – das bringt es für mich auf den Punkt! Für viele, sehr gute Architekten ist die Zusammenarbeit mit einem Lichtplaner ganz selbstverständlich.
Wie viel Prozent der Bausumme sollte ein Architekt von vornherein für Lichtplanung kalkulieren. Gibt es dafür einen Wert? Bei kleineren Projekten machen wir Pauschalangebote, bei größeren arbeiten wir oft nach HOAI. Unser Budget ist in der Regel in der Kostengruppe 400 der Elektro-planer enthalten, unsere Schnittstelle ist klar definiert die Leuchte.
Einen prozentualen Wert anzugeben, ist schwierig, weil das sehr vom Gebäudetypus, der jeweiligen Nutzung und den Anforderungen an die Beleuchtung abhängt. Ich kann sagen, dass wir in Quadratmeterpreisen, bezogen auf die Beleuchtung, also nur für die Lichtelemente, in einer Spanne von 20 bis 300 Euro arbeiten. Bei 300 Euro sind dann allerdings umfangreiche Sonderanfertigungen enthalten.
Farbiges Licht an einem Gebäude hat gelegentlich etwas von einem »Abend-Make-up«. Wo hat Farbe nichts zu suchen, wo ist sie erforderlich. Kann man darüber Aussagen treffen? Laute Farben haben in einem historischen Altstadtkern meiner Ansicht nach nichts zu suchen. Der grundsätzliche Umgang mit farbigem Licht sollte immer höchst behutsam erfolgen, auch in Innenräumen, Lobbys und Foyers, Treppenhäusern, die sich nach außen durch Öffnungen abbilden. Auch die Entscheidung, Farbwechsel durchzuführen sollte behutsam bedacht sein, vor allem die Dauer der Sequenzen sollte sehr sorgfältig gewählt werden. Hier gibt es häufig Missverständnisse, weil die Technik mitsamt ihren industriellen Vertretern manchmal vorprescht und Elektroplanern Möglichkeiten aufzeigt, deren Konsequenzen in der Umsetzung einfach nicht bedacht werden.
Auch wenn wir das Thema des Heftes Tag und Nacht genannt haben, ist es doch die Dämmerung, die Blaue Stunde, in denen das beleuchtete Gebäude seine Hauptwahrnehmung erfährt. Was muss eine Beleuchtung können, die auf diese Stunde reagiert? Für den Lichtplaner ist die Blaue Stunde die schönste. Es ist die Übergangszeit, in der sich manches materialisiert oder eben entmaterialisiert, in der sichtbar gemacht wird oder unsichtbar – wo die Magie des elektrischen Lichts einsetzt. Die Zeit, in der Emotionen eine wesentliche Rolle spielen – auch in der Wahrnehmung und Erlebbarkeit von Architektur. Wir planen nicht für diesen Übergang aber wir wissen, dass die schönsten Fotografien von beleuchteter Architektur genau in dieser Stunde gemacht werden. Später, wenn die Lichtverschmutzung zunimmt und den Himmel »zusoßt«, sind solche Aufnahmen nicht mehr möglich. Das hat neben der allgemein verbreiteten, direkten Blendung mit der daraus resultierenden Lichtverschmutzung unserer Städte zu tun, aber Sie finden es auch auf dem Land. Die Umsetzung blendungsbegrenzter Beleuchtung ist eines der großen Ziele in unserem Fachbereich.
Gibt es, wenn Sie die Lichtplanung der letzten Jahre betrachten, dort ähnlich wie in der Architektur Strömungen – einen Zeitgeist? Hier verhält es sich beim Licht anders als in der Architektur. Es gibt eher gutes und schlechtes Licht. Vielleicht einmal eine trendige Beleuchtung, ein Gebäude, das aus eher unverständlichen Gründen die Farbe wechselt. Gebäuden sieht man aufgrund der Materialien und des formalen Entwurfs die Entstehungszeit häufig an, bei Licht ist das selten.
Herr Pfarré, herzlichen Dank.