Betreff: Vom Umgang mit dem Zwischenland

Liebe db,

man sollte sich häufiger verfahren. Ohne Ziel und Orientierung erlebt man eine Gegend mit schärferen Sinnen. Man kann auch mit der Metro in die falsche Richtung fahren und es erst merken, wenn sie einen längst aus dem Tunnelschlund ans Tageslicht gespuckt hat. Das wirkt genauso. Wenn ich mich in Spaniens Großstädten verfahre oder verlaufe, gelange ich manchmal in eine Landschaft voll verlorener Details und rauer Brüche. Ein Stück einsame Anarchie, mitten in einer urbanisierten, durchgeplanten Welt. Ich meine nicht die Vorstadt. Ich meine das Land zwischen hoch bebauter Vorstadt und der umgebenden Natur- oder Kulturlandschaft. Dort, wo auf wild wuchernden Brachen Bauschutt, Müll und alte Autos lagern und daneben kleinste Feldparzellen bewirtschaftet werden. Wo vielleicht hundert Salatköpfe wachsen neben kleinen, verfallenen Bauernhäusern. Das Land neben Autobahn und Bahngleisen, das Land der Strommasten und verwilderten Bewässerungsgräben. Eine Schnittmenge von Industrie- und Transitzone, Agrar- und Niemandsland, Stadt und Land – das Zwischenland.
Auch Architekten landen immer häufiger in Spaniens Zwischenland, geografisch, architektonisch und landschaftsgestalterisch. Aber statt es einfach nur aufzuhübschen und ihm eine Urbanisation überzustülpen, suchen die Architekten nach vorhandenen Strukturen und Brüchen. In den letzten Jahren entstanden in Spanien einige Parks, die die unterschiedlichen Landschaftsbilder nicht mehr einander angleichen und harmonisieren, sondern lediglich in Beziehung zueinander setzen, ohne ihre Eigenheiten zu zerstören.
Zwei bedeutende Projekte planten die Architekten Iñaki Alday und Margarita Jover, Barcelona/Zaragoza. Sie nutzten das Element der Fragmente in der weiten Ebene für ihren Landschaftspark neben dem Messegelände in Zaragoza. Der sogenannte Water Park füllt aber nicht nur eine Schnittstelle zwischen Land und Stadt, sondern berücksichtigt die alten Pfade und Einteilungen der Landwirtschaft auf dem Areal, das Ökosystem des Flusses und seine natürlich schwankenden Wasserstände. Es entstand eine industriell anmutende Auenlandschaft. Dieselben Architekten inszenierten nur einige Kilometer weiter nördlich in Pamplona die Kante zwischen Stadt und Land. Sie überplanten eine landwirtschaftlich geprägte Flußhalbinsel in Pamplonas Stadtbereich, in dem sie die vorhandene Grafik der Felderlandschaft durch Wege, Bau- und Pflanzelemente verstärkten und für Spaziergänger zugänglicher machten. Das Stück Land wird dadurch zum Agrarpark an einer rundumlaufenden Stadtkante. Aber ist das eigentlich noch Zwischenland? Immerhin organisiert die Gestaltung, so rücksichtsvoll sie ist, das zufällige, durch Nutzung verursachte Aufeinandertreffen von Landschaftsfragmenten. Sie raubt dem Zwischenland die Beiläufigkeit. Darf man es gestalten, wenn man es erhalten will?
Andererseits ist Zwischenland ohnehin ein durch menschliche Eingriffe veränderter Ort. Vielleicht beschreibt Zwischenland also nur ein Gefühl, wie ein anderes Projekt [1] zeigt: Der Rio Llobregat begrenzt Barcelonas Stadtgebiet im Süden und durchläuft verschiedene suburbane Regionen. Diese Flusslandschaft selbst ist über weite Strecken eingepfercht zwischen Autobahnen, Bahngleisen und Gewerbeflächen, hier und da stehen noch die alten Bauernhäuser der einst durch Landwirtschaft geprägten Region. Die Architekten Enric Batlle und Joan Roig planten nun ein Stück des Flussufers – mit minimalen Eingriffen, hellen Wegen und mit Witz. So wird aus der baum- und manchmal trostlosen Ebene eine surreale, grafische Szenerie. Man hält kurz irritiert inne und lässt den Blick über die Kontraste im Zwischenland schweifen. Trotz Gestaltung bleibt das Gefühl von Verlorenheit im Unwirtlichen.
Für Architekten bietet das Zwischenland große gestalterische Freiheit, weil der vorhandene Raum kaum Vorgaben macht. Dennoch scheinen spanische Architekten einen großen Respekt vor der zergliederten Landschaft zu haben, und der Bodenkontakt scheint im wahren Wortsinn ihr Leitmotiv zu sein. Zum Beispiel bei der Stromschaltzentrale in der Provinz Huelva, geplant von Pura García Márquez, Ignacio und Luis Rubiño. Das Gebäude löst die für Industriebauten typische Massigkeit auf, indem es sich hier und da den Strommasten entgegenstreckt. Nicht zu sehr natürlich, es ist ja nur ein Stromhäuschen – ein charmant-tänzelnder Reckversuch mit Bodenhaftung.
Auch das Büro Willy Müller Architects aus Barcelona beweist Sinn für Angemessenheit mit Witz bei einem Blumengroßhandel in Sant Boi de Llobregat, nahe dem Barceloner Flughafen . Das flächige Gebäude duckt sich neben einem Autobahndamm und sucht mit seinem Dach Kontakt zum Boden. Fast würde man das Gebäude nicht bemerken, wären da nicht die bunten Lamellen, die opaken Glaseinsätze in der Fassade und die Zick-Zack-Linien auf dem Dach, die gute Laune ins Land strahlen.
Ernster, aber genauso erdverbunden wirkt das Laborzentrum [2] der Alcalá Universität in Madrid. Der Architekt Héctor Fernández Elorza, Madrid, setzt das Betongebäude wie einen Stein ins Zwischenland, scheinbar ohne Öffnungen und Ausrichtung, eine eigene, isolierte Parzelle, eine harte Betonwand in unwirtlicher Leere. Erst wenn sich die breiten Tore zur Seite schieben, wenn der Blick von der Straße einmal durch das Gebäude auf das Land dahinter fallen kann, sieht man, dass es den weiten, geraden Horizont rahmt. Vielleicht ist das Zwischenland nicht mehr als Kulisse.
Ganz anders gehen die Architekten von Foreign Office Architecture, London/Barcelona, mit dem Thema Zwischenland um. Für das Technologietransferzentrum in Logroño [3] planten sie ein Glashaus, das sich entlang der Baugrenze mehrfach winkelt und auf Terrassen und Loggien nicht nur einen Ausblick, sondern auch Zugang zur Felder- und Flusslandschaft und zum Gewerbegebiet hat. Das Gebäude ist tief in die Landschaft gesetzt, so dass die obere Gebäudekante auf Straßenniveau liegt und von dort kaum sichtbar ist. Weinreben wachsen die Fassade hoch, spenden von der niedrigeren Feldseite aus Schatten und machen das Gebäude selbst zum Anbaufeld – schließlich steht es im Rioja-Weinland.
Als Transitzone verändert das Zwischenland seine Gestalt. Der Betrachter erkennt je nach Schnelligkeit seiner Fortbewegung nur noch die Silhouetten, die markanten Punkte und große Parzellen. Die Brüche bleiben ihm verborgen. In Granada bauten die Architekten Arias Recalde und Luis Gonzalo eine Müllsammelanlage, die durch ihre Zeichenhaftigkeit und ihre Gestalt auch den flüchtigen Blick fängt. Das dunkle Sichtbetongebäude mit Polycarbonatplatten zieht sich als flacher Baukörper eine Zufahrt entlang, fast zu übersehen wäre es von der Autobahn aus. Ein niedriger Turm bildet als Kopfgebäude einen markanten Punkt, der dem Vorbeieilenden vermutlich als Solitär in Erinnerung bleibt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die ganze Länge der Baukörper, deren Details und Kleinteiligkeit und das im Boden versenkte Zugangsgeschoss.
Auch die Architekten Belén Moneo und Jeff Brock beschäftigten sich mit der Wirkung von Architektur bei der Reise durchs Zwischenland. Sie reihen gewellte Paneele aus Cortenstahl [4] aneinander, so dass die Einzelteile eine Dachlandschaft bilden, die im Stehen wie flüchtig aneinandergesetzt wirken und beim schnellen Vorbeifahren zu einem Bauteil verschmelzen. Darunter, lose verteilt, stehen Tankzapfsäulen. Das Zwischenland – hier nur ein flüchtiger Zufallsmoment.
Eine Frage der Wahrnehmung ist auch der Flughafen in Leida. Dessen Dach haben die Architekten b720 mit Farb- und Feldparzellen belegt, die die Agrarlandschaft der Region widerspiegeln. Die Silhouette des Gebäudes zeichnet den flachen Horizont nach, der Turm bildet eine weithin sichtbare Landmarke. Dabei zeigt nicht die Landschaft, sondern das Flughafendach selbst die Kontraste und den Wandel der Region: Die traditionelle Landwirtschaft ist optisch fortgeführt, die Nutzung des Gebäudes kommt aber den neuen Wirtschaftssektoren zugute, der Dienstleistung und dem Tourismus. Kann ein Dach Zwischenland sein?
Bis ich endgültig weiß, was Zwischenland unzweifelhaft charakterisiert, sollte ich mich häufiger verfahren.
Saludos cordiales, ~Rosa Grewe
Rosa Grewe liebt Flamenco, das Mittelmeer – und spanische Architektur. Für ein Jahr streift sie quer über die iberische Halbinsel und entdeckt Stadt, Land und Stadtrand, Küste und Landschaft, Unterschiede und Bekanntes. Sie studierte Architektur in Darmstadt und ist seit 2006 Architekturjournalistin.