alles Krise

~Karin Tschavgova

Die Baukrise als Folge der globalen Finanzkrise ist eine Sache, die schon früher eingetretene moralische Krise einer Architektur, die ohne Skrupel die Machtbedürfnisse des globalen Turbokapitalismus bedient hat, eine andere. Diese und damit die gesellschaftliche Rolle von Architektur und Architekten zu hinterfragen und die Frage nach der Notwendigkeit einer Neupositionierung zu diskutieren, nahm sich das Grazer Haus der Architektur mit dem Symposium »Joint Action in Architecture – Getting political again?« vor.
Mit Michael Sorkin und Zvi Hecker wurden zwei Architekten eingeladen, die zur aktuellen Lage öffentlich Stellung bezogen hatten – der erste in einem Appell an Barack Obama für ein innovatives Investitionsprogramm und der zweite in seinem Artikel »Die Ära der Exzesse ist vorbei« im Berliner Tagesspiegel. Erweitert wurde das in mehrere Themenkreise mit Diskussionsrunden gegliederte zweitägige Symposium durch einen Finanzmarkt-Experten, der mit Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, diskutierte, und durch Architekturlehrende und -theoretiker wie Werner Sewing, Brian Cody, Roger Riewe, Markus Miessen, Francesca Ferguson und Petra Ceferin (Ljubljana).
Sorkins Thesen zur neuen Eutopischen Stadt ähnelten sehr der guten alten Gartenstadt-Idee und enthielten in der Definition vom Glück, das Ziel jeder Architektur sein sollte, eine gehörige Portion Naivität. Sewings nüchterne Analyse der derzeitigen Lage, in der dem Architekten noch weniger Spielraum bleibe als bisher, gab dagegen kaum Anlass zur Hoffnung. Riewes pragmatisch abgeklärte Feststellung, wonach wer zahlt, auch entscheidet, mündete immerhin in die tröstliche Behauptung, der Architekt könne auch unter widrigen Umständen als Freischwimmer eine Richtung vorgeben und müsse nicht nur dahindümpeln oder gar absaufen.
Immer wieder war die Rede von Widerständigkeit, vom Insistieren von Fall zu Fall, von der Re-Sozialisation von Architektur als dienende und zugleich kritische Position (P. C.) und von der Aneignung von Randzonen und Nischen als politische Manifestation (F. F.). Ein scharf umrissenes Bild des moralischen Anspruchs an den Architekten in Zeiten wirtschaftlicher, sozialer und energiepolitischer Umbrüche konnte nicht entstehen. Ebensowenig einheitlich waren die Ansichten darüber, wie Architektur an Relevanz gewinnen könnte. Immerhin schienen Diskutanten und Auditorium mehrheitlich einig mit Zvi Heckers Postulat, Architektur sei nicht etwas, das sich um sich selbst dreht und dass die Zeit für Star-Architektur und Shooting-Stars vorbei sein sollte. Auf den charmanten Einwand von Michael Sorkin, warum Architektur kein Objekt wie ein Parfumflakon sein dürfe, wurde leider nicht näher eingegangen. Hätte man dann vielleicht konstatieren müssen, dass es immer außergewöhnliche Bauwerke jenseits aller Normen waren, die in die Kulturgeschichte eingegangen sind?