Moskauer Zeitschichten

Für ihren Film »Away from all suns« hat die Regisseurin Isa Willinger rund 50 konstruktivistische Gebäude in Moskau aufgesucht, um zu erfahren, wie sie heute genutzt werden. Drei davon stellt sie im Gespräch mit Personen vor, die jeweils eine besondere Beziehung zu den Gebäuden haben: einerseits eine Bürgerin, die unermüdlich gegen den Abriss ihres Wohnhauses und der benachbarten Druckerei von El Lissitzky kämpft (und damit auch gegen ungute Verflechtungen von Politik und Bauwirtschaft). Andererseits ein Architekt, der begeistert und liebevoll von dem Studentenwohnhaus spricht, das er dennoch gemäß heutigen Bauvorschriften umbaut (die, wie er sagt, von der Betonlobby beeinflusst sind: Stahl und Holz entsprechen nicht den Brandschutzvorschriften) – woraufhin er sich gegen eine Kollegin verteidigen muss, die es für seine Pflicht hält, ein Baudenkmal so originalgetreu wie möglich an die nächsten Generationen zu übergeben. Und drittens ein Künstler [12], der im heruntergekommenen Narkomfin-Gebäude lebt und arbeitet. Inspiriert von der Umgebung, thematisiert er den Futurismus und die heutige Zukunft, die Revolution von 1917 und die von 1991, aber auch den Komplex Identität. Unterstützt von alten Filmausschnitten, sind in Away from all suns viele Zeitebenen zugleich präsent: die 20er Jahre mit ihren Fortschrittsvorstellungen, die »moderner als heute« waren, die lange Zwischenzeit, in der Desinteresse und Unverständnis den Verfall der Bauten begünstigten, das rasche Verschwinden der Bauten heute durch Abriss und Spekulation.

Der Film wird ab Mitte Oktober in Museen und Galerien gezeigt und ist dann auch als DVD erhältlich. ~dr
www.awayfromallsuns.de