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Post-Oil City (Stuttgart)

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Post-Oil City (Stuttgart)

Post-Oil City (Stuttgart)
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»Die Geschichte der Zukunft der Stadt« lautet einer der Untertitel der Ausstellung, und genau das zeigt sie: Projekte und Visionen aus den vergangenen 50 Jahren, von Broadacre City von Frank Lloyd Wright bis zu den neuesten Streichen aktueller ökologischer Stadtplanung, Masdar City (VAE) und Xiamen (CN). Hübsch die Zusammenstellung der verschiedenen Ideen, die entwickelt wurden, um ohne die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen leben zu können; nicht neu die Entdeckung, dass sich die Ideen wiederholen: die luftige Kleinteiligkeit von Broadacre City wird übertragen auf das heutige entvölkerte Philadelphia, die Idee der polyzentrischen Stadt findet sich immer wieder. Erschütternd, aber leider auch nicht neu ist der lapidare Satz, dass alle Forschungen etwa zum postfossilen Individualverkehr auf einen Schlag eingestellt wurden, als sich der Ölpreis wieder auf behaglich niedrigem Niveau einpendelte und man weitermachen konnte wie zuvor.
Geht es nicht ohne Zwang? Es scheint so. Die Stadt Curitiba ist ein Beispiel, wie das funktionieren kann: Sie gilt als grünste Brasiliens, weil Verkehr, Bebauung und Entsorgung seit über 40 Jahren streng nach ökologischen Gesichtspunkten entwickelt werden: Funktionen werden gebündelt, der Verkehr mit einem ausdifferenzierten Bussystem abgewickelt – dazu gehört auch die stringente Führung der Wege von Passagieren, Bussen und Autos. Es hat lange funktioniert und wird gut genutzt – mittlerweile aber hat die Stadt eine der höchsten Autoquoten des Landes, weil sich die Bewohner angesichts des guten Umwelt- images wieder ohne jeden Skrupel ins Auto setzen. Außerdem wächst sie stark über ihre Grenzen hinaus, wo die Planungen durch fehlende Zuständigkeit nicht weitergeführt werden können – und die Bürger haben aufgrund mangelnder Partizipationsmöglich- keiten kein Zugehörigkeits- und Verantwortungsgefühl entwickelt.
Die aktuellsten Visionen, z.B. Masdar City, (s. Abb.) setzen auf Hochtechnologie – auffälligstes Element sind die Riesenschirme über der offenen Plaza, die tagsüber Sonnenenergie speichern, sich abends von selbst schließen und mit der gewonnenen Energie den Platz beleuchten. Hierzu bemerkt einer der Beteiligten, nur eine hochtechnisierte Umwelt könne die gesetzten ökologischen Ziele ermöglichen, die selbstverständlich den Lebensstil der Menschen radikal ändern werde. Der Gedanke, dass nur ein erzwungener Richtungswechsel die Erde retten kann, drängt sich auch bei der Beobachtung der Besucher auf, denen nichts wichtiger zu sein scheint, als sich selbst so gut wie möglich vor den Bildern, Texten, Grafiken, Bildschirmen zu platzieren – von Vernunft oder Rücksicht keine Spur. Es wird ihnen allerdings auch nicht leicht gemacht: Die Räume sind zu eng, die von der Decke hängenden Ausstellungstafeln zu riesig und zu instabil – ständig stößt jemand dagegen und unterbricht den Lesefluss der davor Stehenden. Immerhin muss man nicht allzu viel lesen. Die Projekte werden kurz und kompakt mit dem Wesentlichen beschrieben, die Abbildungen sind eindeutig. Die Grafiken, die eine Zeitleiste abbilden und mit Kurven darstellen, wie der Verbrauch von Rohstoffen in Beziehung zu unserem Lebensstandard steht – etwa der Ölpreis und die Zahl der Autos in Deutschland oder das Wachstum von Berlin und sein Wasser- und Stromverbrauch –, sind selbsterklärend. Ganz im Gegensatz zum riesigen Modell des Taiwan Strait, der Wasserstraße zwischen China und Taiwan, deren angrenzende Städte CO2-neutral entwickelt werden sollen: Hier kann der Besucher durch Drücken von Knöpfen Dioden zum Leuchten bringen, die zeigen, wo welche Maßnahmen zur Energieeinsparung, zum Recycling usw. greifen. Parallel dazu werden sie auf Monitoren genauer erklärt. Leider leuchtet nichts oder alles durcheinander, weil es vier solcher Terminals gibt, an denen fröhlich alle Knöpfe gleichzeitig gedrückt werden. Die Erklärung auf den Monitoren ist englisch und läuft viel zu schnell durch – was für eine Verschwendung von Raum, Zeit und Material.
Analog dazu wirken die konkreten Projekte im kleinen Rahmen überzeugender – der Hochgarten High Line in New York (s. db 9/2008, S. 30), die Ausstattung einer Stadt mit Elektroautos nach dem Prinzip des Carsharing und differenziert verteilte Lademöglichkeiten, die Entwicklung des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu einem neuen Stadtquartier oder einer äthiopischen Stadt jeweils unter Einbeziehung ihrer Bewohner – weil näher am Alltag. Und das ist auch wichtig bei dieser Ausstellung, denn sie wendet sich nicht in erster Linie ans Fachpublikum. Wer in die Tiefe gehen will, findet in der aktuellen Ausgabe von Arch+, aus deren Redaktion zwei Mitglieder die Ausstellung kuratiert haben, das gesamte Ausstellungsmaterial wieder, plus spannende Aufsätze unter anderem zur Frage, ob es ökologischen Aktivisten tatsächlich um die Umwelt geht oder nicht vielleicht doch eher um ihr Ego.
Die Ausstellung zieht im April in die ifa-Galerie Berlin weiter. Zu wünschen sind ihr dann mehr Platz, mehr Vorträge zum Thema, nicht nur wie in Stuttgart zu den neusten Projekten, zu Terminen, die ein normaler Mensch wahrnehmen kann – und ein sinnvoll nutzbares Modell des Taiwan Strait.
Bis 20. März. ifa-Galerie Stuttgart,Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart Di-So 12-18, Do bis 20 Uhr. Katalog: ARCH+ 196/197 Post Oil City, 19 Euro. www.ifa.de
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