Studentenwerk als Stapelwerk

Text: Ulrike Kunkel, Christine Fritzenwallner

HCU-Neubau als interdisziplinäres Baustellenseminar
Unter dem Namen »EXIL« – experimentelles, interdisziplinäres Labor – haben Architektur- und Bauingenieurstudenten der Hamburger Universität gemeinsam ein Universitätsgebäude geplant und errichtet, das flexibel für Ausstellungen oder Veranstaltungen genutzt werden kann. Seine Besonderheit ist das Dachtragwerk: ein hölzerner, gevouteter Trägerrost.
Nach Gründung der HafenCity Universität Hamburg (HCU) am 1. Januar 2006 durch Zusammenführung von fünf Fachbereichen aus drei Hamburger Hochschulen wurde im Mai 2008 bereits ein erster Universitätsneubau eröffnet. Allerdings nicht auf dem zukünftigen Gelände der HCU in der HafenCity, sondern noch auf dem Campus City Nord, am derzeitigen Standort der Fachbereiche Architektur und Bauingenieurwesen. Auch handelt es sich nicht um einen »herkömmlichen« Neubau. Vielmehr haben vierzig Studenten in einem interdisziplinären Projekt einen »Experimentalbau« geplant und anschließend selbst umgesetzt. Damit der Bau auf dem üppig bewachsenen Campus zwischen den locker auf der Wiese verteilten, 1963–69 errichteten Universitätsgebäuden nicht untergeht, wurde ein Teil des Gebüschs zwischen Uniparkplatz und Bauplatz gerodet. So taucht der transluzente, schuhschachtelartige, 11 x 11 m große Pavillon nun, wenn man sich dem Gelände von der Hebebrandstraße aus nähert, hinter lichten Gehölzen auf.
Der Entwurf ging aus einem studentischen Wettbewerb mit 13 eingereichten Arbeiten im Rahmen eines Experimental-bauseminars hervor. Bereits im Siegerentwurf haben die beiden Studenten Christian Meyer-Wolters und Sascha Hinck einen Holzstapelrost als Dachkonstruktion vorgesehen, den die Wettbewerbsjury in ihrer Begründung als »innovativ und gut überlegt« beschrieb. Für die weitere Planung bildeten sich Gruppen, die sich um die Werkplanung, Konstruktion und statische Berechnung, um Material- und Sponsorenrecherche, PR und schließlich um die Bauleitung kümmerten. Geleitet wurde »EXIL« von Michael Staffa, Bauingenieur und Professor am Fachgebiet Tragwerksentwurf der HCU, und ›
› Kai Niereichholz, Architekt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Lehrstuhl. Über 4500 Arbeitsstunden stecken laut Hochschule in dem rund 140 000 Euro teuren Gebäude, darin enthalten sind 30 000 Euro Eigenmittel der HCU und 50 000 Euro Sachmittel in Form zur Verfügung gestellter Bauprodukte von Sponsoren.
Gevouteter Holzstapelrost
Die gewählte Dachkonstruktion geht auf eine Erfindung von Julius Natterer (siehe z. B. Ingenieurporträt db 4/2005) zurück. Mit abwechselnd in beide Richtungen gestapelten Holzbrettern und dazwischen angebrachten Füllhölzern plante er bereits Ende der achtziger Jahre eine neue Variante eines Trägerrostes. Was hier nochmals verändert wurde, ist die – allerdings rein aus gestalterischem Willen – im Grundriss diagonale Ausrichtung, eine Minimierung der Füllhölzer und der sogenannte gevoutete Einbau der einzelnen Lamellen des Trägerrostes. Unter Vouten versteht man dabei die Zunahme der Träger-höhe zur Feldmitte hin: Der Stapelrost besteht aus je sechs Gurten, wobei nur die obersten drei von Auflager zu Auflager verlaufen, die unteren drei hingegen in Richtung ihrer höchsten Beanspruchung dreifach abgestuft sind. Somit wächst die Höhe des Rostes Richtung Hauptbeanspruchung und bildet entsprechend seine Momentenlinie ab. Hierdurch ergibt sich eine durchaus reizvolle Raumwirkung, erinnert das Tragwerk optisch doch ein wenig an die Grobstruktur eines geschliffenen Diamanten. Die Holzlamellenscharen sind an den Knotenpunkten über Bolzen und vor allem in Auflagernähe zusätzlich über Futterhölzer verbunden und bilden so einen statisch wirksamen Gesamtträger.
In Hallenmitte wurde das Tragwerk mit 10 cm Überhöhung eingebaut – das ist großzügig, aber wegen der unsicheren Berechnung der Verformung von den Planern lieber etwas zu hoch gewählt. Für die Verbindungen bedeutete dies allerdings, dass die Bohrungen so vorzusehen waren, dass sie auch schon vorgekrümmt übereinandergelegt diagonale Bohrungen er-gaben.
Die Lastabtragung erfolgt über ebenfalls diagonal zur Fassade angeordnete Stützen. Dazwischen befinden sich nur an den notwendigen Stellen aussteifende Windverbände. An deren Verteilung haben die Studenten lange getüftelt: Zum einen hätten zuviele Andreaskreuze an den Eckstützen abhebende Kräfte in den Stützenfüßen verursacht, zum anderen wollte man die Aussteifungen auch gestalterisch optimieren.
So kam es, dass der Prüfingenieur die statische Berechnung der exzentrisch angeordneten Windverbände zunächst nicht abnehmen wollte. Ein experimenteller Nachweis – die Windlasten von 1,2 Tonnen wurden über einen Seilzug an einer der Fassadenaußenseiten simuliert – bewies schließlich die Tragfähigkeit. Auch war gefordert, den Trägerrost probeweise zu belasten, um die Schneelasten zu simulieren, wozu man eigens ein »Test Fest« veranstaltete: Die Studenten simulierten durch ihr Gewicht die Dachlasten – 61 Personen mit im Mittel 74 Kilo, also eine Gesamtlast von 4,5 Tonnen. Die Verformung betrug dabei lediglich ein paar Millimeter.
Lehrreicher Hochstapler
Man wünscht sich mehr derartige Baustellenseminare mit interdisziplinärer Ausrichtung, die die Studenten auf ihre spätere Arbeit vorbereiten. Schließlich kommen sie vom Entwurf bis zur Umsetzung eines Bauwerks auch mit anderen Fachplanern und der Finanzierung und Präsentation [1] in Berührung.
Schade nur, dass die Zukunft des Baus ungewiss ist, denn nach dem Umzug der HCU an ihren neuen Standort in der Hafen-City in einigen Jahren ist der Fortbestand aller Universitätsgebäude in der City Nord und somit auch der des Pavillons unklar. Ohnehin ist aber die Baugenehmigung des »EXIL« zum einen zunächst nur auf fünf Jahre ausgelegt, zum anderen wäre seine Demontage äußerst aufwendig: Theoretisch lassen sich zwar sämtliche Teile demontieren, aber die Bolzenverbindungen sind – gerade durch die ursprüngliche Vorkrümmung der Lamellen und die Überhöhung des Trägerrostes – nach Schätzungen der Planer inzwischen sicher schwer lösbar.
Wenn der Neubau bis dahin allerdings für Präsentationen und Feste weiterhin so rege genutzt wird wie in den ersten Monaten nach seiner Fertigstellung, hat er sich allemal bewährt. •
  • Teilnehmer des Projektes Experimentalbaupavillon 2008: Wettbewerb: Sascha Hinck, Christian Meyer-Wolters, Florent Jalon, Frederik Rausch, Lüder Meyer, Remigius Mudlaff, Dajana Gliemann, Corinna Knebel, Caroline Carlsson, Eleonora Schröder, Meike Allewelt, Doil Hwang, Hyon-Gu Kang, Mingzhe Lu, Mirko Buff, Jan Monica, Thomas Hoss, Irina Panathiesen, Sophie Zlotowski, Agathe Wallach, Emanuel Geertz, Philip Grell Planung: Sascha Hinck, Christian Meyer-Wolters, Kerstin Pulss, Nicolas Salzwedel, Florent Jalon, Frederik Rausch Tragwerk: Steffen Pein, Dennis Politz, Nicolai Zarenko, Henrik Marwede Sponsoring: Corinna Knebel, Marta Stefanowicz, Sandra Jocic , Alexander Schmidt, Jochen Frisch Bauleitung: Robin Gellrich, Fritz Geldschläger, Anne Ehlers, Marcus Zebuhr, Marie Himmel, Saskia Frey, Jeff Wriede, Henrik Marwede PR: Maike Kohnert, Danielle Reinhardt, Tomislav Kutlosa, Kurt Lerche, Azadeh Fathali, Anuschka Heilig, Anina Frisch, Johannes v. Bargen Möbel: Andrea Fuchs, Johannes Gerstenberg, Moritz Hinck, Fabian Sigler, Linda Zohren, Catharina Gauda, Benjamin Korte, Hannes Schmidt, Mark Streich, Julia Taubert, Julia Tiedemann Projektleitung: Prof. Dr.-Ing. Michael Staffa, Dipl.-Ing. Kai Niedereichholz Eröffnung: Mai 2008