Nachbericht zum db-Webkongress »Oberflächlich? – Putz in der Architektur«

Der unterschätzte Baustoff

Mitte November 2013 veranstaltete die db in Kooperation mit Saint- Gobain Weber wieder einen 2-tägigen Webkongress. Während sich der Kongress in den letzten Jahren mit dem Thema WDVS befasst hat, ging es diesmal um Putze und Putztechniken sowie den Umgang der Architekten mit dem Werkstoff. Ein Interview mit Eike Roswag und eine Podiumsdiskussion mit Martin Bez, Pinar Gönül, Jürgen Mayer H. und Christian Poprawa (Saint-Gobain Weber) erhellten die Bedeutung von Putz in der – historischen wie zeitgenössischen – Architektur und zeigten neue Wege auf.

  • »Architekten sollten experimentierfreudiger im Umgang mit Putz sein.«
    Christian Poprawa von Saint-Gobain Weber
  • »Mit Putz lassen sich plastische, fugenlose Baukörper und Fassaden ausarbeiten.«
    Jürgen Mayer H.
  • »Historische Putze und Putztechniken werden eine Renaissance erleben.«
    Pinar Gönül von blgp Architekten
  • »Die Chance, die im Putz liegt, mit geringem Budget wertige Oberflächen zu schaffen, wird zu wenig genutzt.«
    Martin Bez vom Büro Bez+Kock
Text: Christoph Gunßer
Fotos: Marcel Schwickerath, Torsten Seidel, Holger Talinski, Stephan Baumann, Hiepler Brunier, Jules Spinatsch

In einer Umfrage im Vorfeld des Kongresses gaben 20 % der Umfrageteilnehmer zwar an, bei mindestens drei von vier Bauprojekten Putz einzusetzen, gleichzeitig stuften 27 % der Befragten Putz aber als »langweilig« ein. Putz gilt als »Normalmaterial«. In der Architektur-Ausbildung spielt er kaum eine Rolle. Doch es gibt Hoffnung: Die Podiumsteilnehmer des Kongresses näherten sich dem Baustoff von ganz unterschiedlichen Seiten und entdeckten durchaus Potenziale.
Renaissance alter Putze
So werden traditionelle Putze wiederentdeckt. Eike Roswag vom Büro Ziegert Roswag Seiler Architekten und Ingenieure aus Berlin stellte mit der Villa »Westendgrün« im Gespräch mit Ulrike Kunkel (db) die sensible Sanierung und den Teilneubau eines schlichten, aber feinen Wohnhauses aus den 30er Jahren in Berlin-Westend vor. Für die bestehenden Außenwände aus massivem Ziegelmauerwerk wählten die Architekten einen Luftkalkputz (3 cm) auf Schilfrohrdämmung, wobei die 12 cm dicken Schilfrohrmatten mangels Zulassung als Putzträger deklariert wurden.
Dieses diffusionsoffene, feuchteaktive System, das sich bei Schlagregen vollsaugt und deutlich dunkler wird, hat große bauphysikalische Vorteile. Auf Kalkputz kommt es z. B. nicht zu Veralgungen. In der Verarbeitung ist der Putz jedoch etwas heikel: Luftkalkputze benötigen ein feuchtes Klima zum (langsamen) Abbinden. Bei Putzarbeiten im Sommer muss die Fassade daher verschattet und mit Wasser benetzt werden. Kalkputze härten erst nach Jahren richtig aus, sind aber sehr dauerhaft: An historischen Schlössern halten sie schließlich schon seit Jahrhunderten.
Im Innern der Villa kam mit einem Lehmputz eine andere traditionelle Putztechnik zur Anwendung, die hierzulande seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt. Architekt Roswag und sein Büro gelten als ausgewiesene Lehmbauexperten, weshalb sie mittlerweile große Aufträge u. a. auch in den arabischen Ländern ausführen. Dank der Forschungen der letzten Jahrzehnte, etwa von Gernot Minke an der Uni Kassel, genießt Deutschland den Ruf, das Lehmbauland zu sein. Der Umbau eines historischen Forts in Abu Dhabi sowie der Bau einer Schule in Pakistan führten in die Techniken und Finessen dieses Baustoffs ein. Um das in einer › › Oasenstadt gelegene Fort vom Ende des 19. Jahrhunderts in ein Museum umzuwandeln, wurde u. a. der in die Jahre gekommene Lehmputz der Außen- und Innenwände größtenteils abgetragen, eingesumpft und erneut von Hand aufgebracht. Einzig der Strohhäcksel als Bewehrung musste importiert werden – ebenso die Handwerker: Da es vor Ort kein traditionelles Wissen mehr gibt, flog man sie aus Indien ein. Die Innenräume wurden in sehr feinem Lehmputz gestaltet, in den Ausstellungsräumen kam als Finish ein hellgrauer Edelputz zum Einsatz. In den sehr feuchtetoleranten Putz wurden Kühlschlangen eingelegt, die für die Temperierung sorgen. Auch die Böden bestehen aus Lehm, der gewachst und poliert wurde und etwa jährlich gewartet und ausgebessert wird. Außen genügte in dem heißen, trockenen Klima bislang eine Reparatur der Lehmoberflächen etwa alle fünf Jahre.
Oberflächen von samtig-weich über fugenlos bis Knäckebrot
Die Diskussion am zweiten Tag zeigte weitere Wege auf, mit alten oder neuen Putztechniken zu arbeiten. Martin Bez vom Stuttgarter Architekturbüro Bez+Kock führte am Neubau des Polizeipostens in Mössingen vor, wie edel ein anthrazitfarbener Kratzputz in Kombination mit weißen Fensterumrahmungen und Eichenholzfenstern wirkt. Der dicke, durchgefärbte Kratzputz mit einem Glimmeranteil gibt der Oberfläche Tiefe und Präsenz. Er wurde direkt auf die hochwärmegedämmte Hülle aus kerngedämmten Schalungssteinen aufgetragen. Die Handwerker mussten sich auf der Baustelle die Technik allerdings erst unter Anleitung des Herstellers erarbeiten.
Um zu große Spannungen im Wandaufbau zu vermeiden, insbesondere bei den derzeit trendigen dunklen Oberflächen, empfehlen die Hersteller Superleichtputze als Zwischenschicht und generell einen Aufbau von hart nach weich. Der Hellbezugswert sollte nach derzeitigem Kenntnisstand nicht unter 20 liegen.
Wie Christian Poprawa von Saint-Gobain Weber anmerkte, altern dunkle, raue, durchgefärbte Putze besser. Algen und Pilze fänden durch das leichte Abbröseln des mineralischen Putzes keinen Halt, und der Taupunkt verschiebe sich durch die Farbpigmente günstig.
Ganz andere architektonische Mittel verwendet Jürgen Mayer H. aus Berlin. Seine Baukörper sind wie Skulpturen plastisch durchgebildet und fugenlos. Daher schätzt er v. a. Filzputze in feinster Körnung. Beim Bürogebäude ADA1 (2007) in Hamburg umspielt ein feinkörniger weißer, organischer Putz sogar die vorstehenden »Augen« – dank gut geplanter Abtropfbleche gibt es bislang kein Problem mit Schlieren und Algenbildung. Neuartige Rezepturen tragen dazu bei, dass organische Putze an Wärmedämmverbundsystemen inzwischen auch ohne umweltschädliche Biozide auskommen.
Den Neubau der Mensa in Karlsruhe, einen kostengünstigen Holzbau, überzog Mayer H. mit einem »Allwetteranzug« aus Polyurethan. Anders als Putz zieht das Material allerdings Staub an und entwickelt starke Kräfte auf das Trägermaterial. ›
Mehr Wissen über Putz
Pinar Gönül von blgp Architeken aus dem schweizerischen Hochdorf und Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt zum Thema Putz und Putztechniken an der ETH-Zürich, innerhalb dessen auch das Buch »Über Putz, Oberflächen entwickeln und realisieren« entstanden ist, begann ihr Seminar mit den Studenten mit praktischer Grundlagenarbeit. »Man muss das Material erleben, um es zu verstehen« – nach diesem Motto erkundete man eine Woche lang die gesamte Palette an Putzen, mischte, strich und spritzte und gewann so einen emotionalen Zugang zum Werkstoff.
Bei ihrem Wohnbauprojekt Bachmättli (sieben Mehrfamilienwohnhäuser mit insgesamt 52 Wohnungen) in Hochdorf verwendete Gönül daraufhin einen grobkörnigen, dunkel pigmentierten, mineralischen Putz auf einer einschaligen Wandkonstruktion. »Eine Oberfläche wie Knäckebrot«, konstatierte die Architektin. Der »Wormser Putz« (Spritzputz) wurde in zwei Lagen maschinell aufgespritzt und mit der Hand nachgearbeitet. Unterschiedlich dunkle Lasuren verleihen den Baukörpern weitere reizvolle Nuancen. In der Herstellung waren die Fassaden indes relativ aufwendig (und daher teuer). Allerdings, so der Tenor in der Runde, startet man beim Putz auf einem vergleichsweise niedrigen Preisniveau, weshalb es sich dennoch um eine kostengünstige Lösung mit hohem gestalterischen Anspruch handelt. Der Unterhalt von mineralischen Putzen sei auch wesentlich günstiger als von organischen, die regelmäßig gestrichen und behandelt werden müssten.
Forschen und probieren musste auch Martin Bez als er die denkmalgeschützte Landesbibliothek in Linz sanierte: An dem Putzbau aus den 30er Jahren, der für die Kulturhauptstadt 2009 saniert und erweitert werden sollte, präparierte er unter diversen, mit dem Untergrund verkieselten Anstrichen einen Glimmerputz heraus. Da dessen Rezeptur im Archiv des Herstellers gefunden wurde, konnte der Putz nachgemischt werden. Obwohl er mit heutigen Maschinen aufgetragen wurde, ließ sich auf diese Weise nach einigen Versuchen ein Ergebnis nahe am Original erreichen.
Die starke Profilierung von Putzfassaden, wie sie historische Fassaden aufweisen, ist mit der modernen Architektur weitgehend verlorengegangen. Die kleinmaßstäbliche Gliederung von Putzflächen wäre jedoch auch heute technisch möglich (und wird auch wieder vereinzelt angewendet, vgl. die Beispiele des letzten Webkongresses in Heft 1-2/13, S. 68 ff.). Auch die plastisch anspruchsvollen Projekte von Jürgen Mayer H. mit ihren schwierigen Materialübergängen ließen sich nach Meinung von Christian Poprawa durchaus mit mineralischen Putzen realisieren. Organische Putze seien zwar leichter zu verarbeiten, am Markt überwiegen heute aber dennoch die mineralischen Putze.
Wohin sich Putz und Putztechniken entwickeln könnten, zeigte ein noch nicht ausgeführtes Projekt von Bez+Kock: In matten Putz eingebettete spiegelnde Glasfliesen sollen ein Jugendhaus zieren. Das ist machbar, urteilt der Hersteller, der gerade ein geklebtes Wärmedämmverbundsystem mit Glasoberfläche entwickelt hat. Ob Nanotechnologien oder Lotuseffekte neue Anwendungen von Putz befördern oder eher chemische Risiken bergen, wurde sehr kritisch gesehen, ob Putze tatsächlich zur Luftreinhaltung beitragen können oder es wie in der Zementbranche auch bald Recycling-Putze geben werde, blieb am Ende offen – geforscht wird zu vielen Themen.
Einstweilen sind, wie die Beiträge zeigten, Neugier und Experimentierfreude der Architekten gefragt, um die große Vielfalt vorhandener Putze und Putztechniken zu erkunden und einzusetzen. •

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