Gerichteter Blick

Unternehmenssitz mit Eventlocation »club traube« in Stuttgart

Der Stuttgarter Online-Weinhändler viDeli wollte aus der virtuellen Unsichtbarkeit auftauchen. Gemeinsam mit dem befreundeten Architekten Marco Hippmann wurde ein Grundstück gesucht und im Gewerbegebiet im Stuttgarter Osten auch gefunden. Entstanden ist eine schlichte Beton-Kiste, die einen funktionalen Lagerraum, Büros und den reduzierten, aber atmosphärischen Verkostungsraum »club traube« beherbergt. Durch wohl gesetzte Öffnungen werden Ein-, aber v. a. reizvolle Ausblicke gewährt – mitten im Gewerbegebiet an einer viel befahrenen Straße kein ganz einfaches Unterfangen.

Architekten: Hippmann Architekten
Tragwerksplanung: DSH Ingenieure, Diepolder Seger Himmel

Kritik: Ulrike Kunkel
Fotos: Brigida Gonzáles

Auf dem alten Schlachthofareal, direkt an der Verkehrsachse Wangener Straße in Stuttgart-Ost zwischen Büro- und Gewerbebauten der letzten Jahrzehnte steht das neue Domizil des Online-Weinhändlers viDeli, der an diesem Standort seine drei, bislang auf das Stadtgebiet verteilten Firmen (einen Weingroßhandel, eine Beraterfirma im Weinbereich sowie den Online-Weinhandel) zusammenführt. Eine sicher nicht auf Anhieb ansprechende Gegend, aber spannend und passend, wie sich die Bauherren Sabine Harms und Oliver Schmid mit dem Architekten und Stadtplaner Marco Hippmann einig waren. Schnell war klar, dass das Erscheinungsbild des Gebäudes in diesem heterogenen Umfeld nicht marktschreierisch, sondern unauffällig und zurückhaltend sein sollte. »Ich wollte den Ort, so unspektakulär er auch ist, nicht ignorieren«, sagt Hippmann. Und so ist die Gestaltung und die Materialwahl ein gut Stück aus der Umgebung heraus entwickelt: Beton für die Hülle, Asphalt für den Vorplatz, ein einfacher straßenbegleitender Grünstreifen anstatt einer aufwendigen Außenraumgestaltung und Leitplanken als Zäune. Entstanden ist eine langgezogene Kiste aus Beton-Fertigteilen in Sandwichbauweise auf einem Grundriss von 50 x 18 m – nichts ist angefügt und fast nichts aufgebracht, lediglich der kleine, edle Messingschriftzug »club traube« gibt einen dezenten Hinweis auf die Bestimmung des Gebäudes.

Wobei, wie Marco Hippmann erzählt, neben Beton durchaus auch andere Materialien für die Gebäudehülle überlegt wurden: Holz, wegen des Bezugs zum Wein und zu den Weinfässern, aber auch Metall, da das Budget begrenzt war und strikt eingehalten werden sollte. »Metall haben wir jedoch wegen des aufwendigen und dann doch wieder kostenintensiven Brandschutzes schnell verworfen, Holz lange präferiert. Da es uns aber wichtig war, auf eine Kühlung zu verzichten, hat der Stahl-Betonbau seine klaren Vorteile. Er erwärmt sich langsam, was für die schonende Lagerung des Weins wichtig ist, denn Temperaturschwankungen sind nicht per se problematisch, sie sollten aber auf keinen Fall plötzlich erfolgen.« So haben die Architekten ein »träges Gebäude« in einfachster Konstruktion geplant: 8 cm Beton-Außenschale, 12 cm Styrodur-Dämmung, 20 cm Innenschale und ein Dach aus Trapezblechen, das begrünt wurde. Elektronisch gesteuerte Lüftungsklappen sorgen gemeinsam mit den Dachfenstern selbst bei sommerlichen Spitzentemperaturen (fast immer) für die erforderliche Nachtauskühlung. Falls einmal nicht, stehen mobile Klimageräte bereit, um die Qualität der Weine nicht zu gefährden.

Öffnungen – präzise gesetzt

Passend zum Äußeren ist auch das Innere zurückhaltend gestaltet und in jeder Hinsicht sparsam möbliert und ausgestattet. Versprüht das Gebäude nach Außen aber allenfalls einen spröden Charme, so sind die Büros, der kleine Besprechungsraum, die Erschließungsbereiche und v. a. der große »Weinraum« für Verkostungen, Präsentationen und Events trotz aller Schlichtheit wohnlich zu nennen. Dafür sorgen die Proportionen, die Stringenz der Gestaltung mit nur wenigen Materialien und Farben und v. a. die wohl gesetzten Fensteröffnungen, die stets den Bezug zu den umliegenden Räumen und zum Außenraum herstellen und dabei geschickt den Blick eben nicht auf den Asphalt der Straße und die vorbeifahrenden Autos, sondern auf den Wiesenblumenstreifen davor lenken. Wirken die unterschiedlich großen, quadratischen Öffnungen von außen noch wie zufällig auf der Fassade verteilt, wird ihre durchaus sehr präzise Platzierung im Innern schnell klar. Jede Öffnung hat ihren Sinn und ist das Ergebnis einer eingehenden Planung und Analyse von Blickachsen und -beziehungen. So ist eine z. B. gen Himmel ausgerichtet und blendet die Gewerbebauten davor aus, eine andere ist wiederum so platziert, dass sie exakt die kleine Sitzgruppe belichtet und auch belüftet. Die Fenster zwischen den einzelnen Räumen erklären sich einerseits aus den Betriebsabläufen heraus und gewähren andererseits Einblicke in die unterschiedlichen Nutzungsbereiche des Gebäudes.

Dezent, aber wohnlich – der Weinraum

Nach Passieren des Eingangs steht man fast unmittelbar im Weinraum »club traube«, dem thematischen Zentrum des Hauses, und es gelingt schlagartig, das eben noch sehr präsente Gewerbebiet komplett auszublenden. In dem angenehm geschnittenen Raum, der durch den mittig platzierten, hohen Eichenholztisch und das vorherrschende Hellgrau (RAL 7032) geprägt wird, fühlt man sich auf Anhieb willkommen. Nur wenige Farbtupfer in Form von Bezugsstoffen der Sessel zweier Sitzgruppen an den Schmalseiten und großformatiger, an einer Wand konzentrierter Grafiken, setzen weitere Akzente. Nach und nach soll die Wand mit der momentan erst angedeuteten Petersburger Hängung mit Bildern, Fotos und Fundstücken, die die Bauherren von ihren Besuchen bei den Winzern mitbringen, gefüllt werden, sodass eine »Erzählwand« entsteht, die viel über das Unternehmen, seine Inhaber, ihre Partner sowie die Produkte mitteilt.

Im wahrsten Sinne luxuriös und überaus wirkungsvoll nehmen sich die raumhohen, wandbegleitenden und farblich perfekt abgestimmten Vorhänge aus, mit denen sich der Raum auf vielfältige Weise variieren lässt. Akustik-Baffeln unter der Decke sorgen zusätzlich für eine sanfte Atmosphäre. Leuchten über der langen Tafel, aber v. a. eine einfache Deckenbeleuchtung, die zusammen mit dem Elektriker entwickelt und umgesetzt wurde, tauchen den Weinraum in ein angenehmes Licht. Aus der angeschlossenen, offenen Küchennische schiebt sich der 1,60 x 1,60 m große »Travertinblock« ins Bild. Er dient bei Verkostungen und Events als Anrichte und ist in Wirklichkeit natürlich aus 2 cm dicken Platten gefügt – was seiner Wirkung keinen Abbruch tut. Doch dieser Raum, der jetzt so selbstverständlich wirkt, hat eine lange Entstehungsgeschichte. »Das Herzstück des Projekts, an dem gewissermaßen der Onlinehandel offline gehen sollte, erwies sich als echte Herausforderung. Wie lässt sich das darstellen? Fragten wir uns immer wieder«, erzählt Marco Hippmann. Und um die Frage nicht ausschließlich aus Architektensicht zu behandeln, nahmen sie das Stuttgarter Design Studio Projekttriangle hinzu. Alle Themen wurden gemeinsam behandelt, alle Entscheidungen gemeinsam getroffen und dass die Zusammenarbeit sehr gut funktioniert hat, bräuchte Hippmann eigentlich nicht extra zu betonen, denn das Ergebnis spricht für sich.

Grundriss EG: Hippmann Architekten, Stuttgart
Grundriss OG: Hippmann Architekten, Stuttgart
Lageplan: Hippmann Architekten, Stuttgart
Schnitt: Hippmann Architekten, Stuttgart

  • Standort: Pfarrer-Georgii-Straße 10, 70188 Stuttgart

Bauherr: Grundstücksgemeinschaft Sabine Harms u. Oliver Schmid, Stuttgart
Architektur und Außenanlagen: Hippmann Architekten, Stuttgart
Innenarchitektur: Hippmann Architekten mit Projektriangle Design Studio, Stuttgart
Signaletik: Projektriangle Design Studio
Tragwerksplanung: DSH Ingenieure, Diepolder Seger Himmel, Kempten
HLS-Planung: ebök Planung und Entwicklung, Tübingen
Akustikplanung: Bauphysik Killinger, Stuttgart
Kunst am Bau: Martin Grothmaak, Stuttgart
BGF: 1 110 m²
BRI: 7 801 m³
Baukosten: 1,7 Mio. Euro (gesamt), Gebäude: 1,7 Mio. Euro (KG 300/400)
Bauzeit: Juni 2017 bis April 2018

  • Beteiligte Firmen:

Bauunternehmen: Franz Traub, Aalen, www.franz-traub.de
Akustik-Baffel: GFAG Gesellschaft für Akustik und Gestaltung, Bietigheim-Bissingen, www.gfag.de
Sanitärkeramik (Beton, imprägniert): _WertWerke_ Entwurf und Design, Berlin, www.wertwerke.de
Mischbatterie: Vola, Horsens, www.vola.com
Deckenleuchten: LTS Licht & Leuchten, Tettnang, www.lts-light.com
Federzugleuchte: Midgard Licht, Hamburg, www.midgard.com
Vorhang: Création Baumann, Langenthal, www.creationbaumann.com
Lichtschalter/Elektroinstallation: Albrecht JUNG, Schalksmühle, www.jung.de
Tischgestelle (Eiermann): Richard Lampert, Stuttgart, www.richard-lampert.de
Kunststoff- u. Bürodrehstühle: Vitra International, Birsfelden, www.vitra.com
Holz-Stuhl: Formoebel, freiburg, www.formoebel.de
Barhocker: (Tom) Magis, Torre di Mosto, www.magisdesign.com
Schränke: werner works, Espelkamp, www.werner-works.de
Polsterbezüge: Kvadrat, Ebeltoft, www.kvadrat.de


Bei aller Begeisterung für das so stringent gestaltete Gebäude – der davor platzierte Schiedsrichterhochsitz reizte Ulrike Kunkel und Marco Hippmann als Hintergrund für das Autorenfoto noch etwas mehr. Auf ihm lässt sich ein wohltuender Perspektivwechsel vollziehen.

Ulrike Kunkel
Studierte Germanistik, Architektur, Städtebau, Stadt- und Regionalplanung, Kunstgeschichte an der TU Berlin und am IUAV, Venedig. 1998 Diplom. 1999-2004 Kuratorin am Vitra Design Museum; 2002-04 Assistentin an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel, freie Autorin für Architektur- und Designthemen. Seit 2005 Redakteurin der db, seit 2009 Chefredakteurin.

Hippmann Architekten

Marco Hippmann

1990-98 Studium der Architektur und Stadtplanung in Stuttgart, Berlin und London. 1998-2002 Mitarbeit u. a. bei Behnisch & Partner und Dasch Zürn.
Seit 2001 eigenes Büro. 2008-13 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart.

Projekttriangle Design Studio

Danijela Djokic

Studium der visuellen Gestaltung an der FH Schwäbisch Gmünd. Mitarbeit u. a. bei Grey Werbeagentur, Düsseldorf. Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen, 2006-12 Professur an der FH Potsdam, Lehrgebiet Informationsarchitektur und Visualisierung..

Jürgen Späth

Studium der visuellen Gestaltung an der FH Schwäbisch Gmünd. Mitarbeit u. a. bei Richard Meier. Lehraufträge an internationalen Hochschulen, Professur
für Interaktionsdesign an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK.

Martin Grothmaak

Studium der visuellen Gestaltung und der Fotografie. Mitarbeit bei Metadesign, London. Lehraufträge u. a. an der University of California, Santa Barbara, der ZHdK und der Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe.