Nachbarschaftsschule Gurtweil, 1972 – 73

… in die Jahre gekommen

Als Provisorium genehmigt, hat die Grund- und Hauptschule ein »bewegtes Leben« hinter sich. Nach Jahren intensiver Nutzung zeigt sich das Gebäude heute überraschend »jung«; der Besucher spürt, dass es von den Kindern und Jugendlichen angenommen ist. Das liegt sicher nicht nur an dem baulichen, sondern auch an dem pädagogischen Konzept der Schulleitung, die es verstand, Bauwerk und Grundstück in den Unterricht praxisnah einzu- beziehen. Sanctioned as a temporary building, the primary plus secondary school has had a lively past. After years of intensive use the building appears surprisingly fresh. This lies not only with the building itself but also with the teaching concept of the school’s head, who has achieved a practical integration of both building and grounds in the curriculum.

Gurtweil, ein Dorf an den Hängen des auslaufenden Schwarzwaldes zwischen Waldshut und Tiengen am Oberrhein, die Nachbarschaftsschule wirkt selbst in der winterlich-kahlen Vegetation wie mit der Landschaft verwachsen; man hat Mühe, den Standort auszumachen. Beim Anblick des Gebäudes sind die siebziger Jahre mit ihrer Euphorie in Sachen Brettschichtholz wieder gegenwärtig. Architekt Lothar Weinig, lange Jahre Gemeinderatsmitglied, erinnert sich an die Zeit der Gemeinde- und der Schulreform, die Forderung nach Zentralisierung im Schulwesen und an den Kampf der Gurtweiler für ein neues Schulgebäude, das auch Schüler der umliegenden Gemeinden aufnehmen sollte. Trotz finanzieller Nöte rangen sich Politik und Verwaltung zu einer Interimslösung durch. Statt 16 geforderter Klassenräume nur zehn, aber immerhin eine neue Schule! Das Konstanzer Architekturbüro Herbert Schaudt hatte 1968 den Wettbewerb mit einer Pavillon- lösung sechseckiger, wie Bienenwaben aneinander gefügter Räume gewonnen. Der Entwurf sah hölzerne, verleimte Trägerroste als Bodenplatte und Dachkonstruktion mit Holzstützen vor, denn die Schule sollte demontabel bleiben – eine Interimslösung eben. Deshalb wurde auf eine Unterkellerung verzichtet. Die Holzkonstruktion kam der waldreichen Gemeinde aus Kostengründen sehr entgegen.

Die Pavillons waren entsprechend der Hanglage in zwei Ebenen hufeisenförmig um einen windgeschützten Innenhof gruppiert. Die Klassenräume lagen im Obergeschoss, während der Haupteingang, Hausmeister, Sekretariat, Lehrerschaft und Nebenräume im Untergeschoss eingeplant wurden. Dass die Schule von Anfang an zu klein war, war allen Beteiligten klar, mussten doch bereits damals drei Klassen ausgegliedert werden. Aber auf beiden Ebenen waren Erweiterungsmöglichkeiten vorgesehen, hierfür sowie für veränderliche Grundrisse war die Holzkonstruktion sehr geeignet.
1973 wurde die Schule eingeweiht. Aus den anfangs 270 Schülern wurden im Lauf der folgenden Jahre rund 500, die in anderen Gemeinderäumen unterrichtet werden mussten, so dass sich die Stadt Waldshut-Tiengen der Forderung nach einem Anbau nicht länger widersetzen konnte. Der zweite Bauabschnitt, in dem endlich die fälligen Technikräume, Schulleitung, Lehrerzimmer, Musikraum, Bibliothek und Elternberatung in adäquaten Größen untergebracht werden konnten, wurde durch einen transparenten Tunnelgang an das bestehende Gebäude angedockt. Das war 1982 und wurde mit dem BDA-Preis 1983 gewürdigt. Der neue, große Eingangsbereich kann zur Aula umfunktioniert werden. Eigens hierfür entworfene, flexible Bühnenelemente lassen sich nach Bedarf versetzen. »Dieser Bereich wird ständig genutzt«, erläutert Schulleiter Roland Heß, »nicht nur für schulische Aufführungen, auch die Gemeinde beansprucht den Vielzweckraum gern für unterschiedliche Veranstaltungen«. Der Innenhof, im Entwurf als Freiluftklassenzimmer vorgesehen, wird zusätzlich für Theateraufführungen, Schulfeste sowie Grillabende der Lehrerschaft genutzt.
Die sechseckigen Raumformen haben sich bewährt, so die Meinung des Schulleiters, da sie sehr flexibel sind und Klassen von 20 Schülern sich durch Umstellen der Tische schnell auf 30 erweitern lassen. Einen weiteren Vorteil sieht er darin, dass durch diese Grundrissform auch die Schüler der hinteren Reihen nicht allzu weit von Lehrer und Tafel entfernt sind.
Die Schule, deren Gebäudetrakte auf Punktfundamenten über dem Gelände »schweben«, wurde von den Kindern und Jugendlichen schnell angenommen. Der kleine, unter dem Gebäude hergeleitete Bach wird in den Biologie- und Technikunterricht für Untersuchungen und Experimente ebenso einbezogen wie das Wasserbiotop, in das er mündet. »Das ist augenblicklich verschlammt und müsste dringend ausgebaggert werden«, meint der Schulleiter. Aber die Kinder stört das wenig. Sie nutzen den Teich sowie das zugehörige Freigelände mit Sport- und Spielplatz auch nachmittags zum Spielen. – Eine Grund- und Hauptschule also, die keine Wünsche offen lässt, außer vielleicht nach mehr Raum?
Der Schock kam 1994 bei einer routinemäßigen Raumluftuntersuchung des städtischen Gesundheitsamtes. Nicht nur der Außenbereich, sondern auch sämtliche Holzbauteile der im Inneren sichtbar belassenen Stützen und Trägerroste waren mit dunkelbraunem Holzschutzmittel getränkt, wie es in den Chemie gläubigen sechziger und siebziger Jahren, teilweise sogar noch in den Achtzigern üblich war. Das Ergebnis war dementsprechend: hohe Emissionswerte an PCP (Pentachlorphenole) im ersten und von Lindan im zweiten Bauabschnitt. Die Herstellung wurde 1989 verboten. PCP wirkt als Zellgift, soll hormonell beeinträchtigen und wird, ähnlich wie Lindan, als Krebs auslösend eingestuft. Ein eindeutiger Grenzwert existiert nicht, es liegen jedoch Richtwerte vor. Das ehemalige Bundesgesundheitsamt hat den sofortigen Sanierungsbedarf bei 3000 ng/m3 festgelegt, 300 ng/m3 gelten als tolerierbarer Wert bei Schulen.
An Abriss und Neubau war aus Kostengründen nicht zu denken, so wurden mehrere Sanierungsmöglichkeiten erwogen: die Versiegelung aller sichtbaren Holzoberflächen mit einem dampfdichten Mittel, das Abhobeln der äußeren Holzoberflächen sowie eine Methode, mit der man in der Schweiz bereits gute Erfahrungen gemacht hatte, dem Sandstrahlen der Hölzer mit anschließendem Ablaugen. Eine Versiegelung wurde aus optischen Gründen abgelehnt und die Entscheidung fiel auf die Mikrosandstrahlmethode mit anschließender Laugenbehandlung. Nach einer Probesanierung in zwei Räumen konnten anschließend tolerierbare 400 ng/m3 PCP-Gehalt der Raumluft bzw. eine vergleichbare Lindan-Konzentration nachgewiesen werden. Das Ablaugen führte außerdem dazu, dass der Rest-PCP-Gehalt in stabile Salzform umgewandelt wurde.
Für die Sanierung mussten die Schüler auf Räume innerhalb der Gemeinde verteilt, das Gebäude vollkommen entkernt und nach Christo-Manier in Folie verpackt werden. Durch das Sandstrahlen haben die Innenräume optisch eine neue Qualität bekommen. Die jetzt naturbelassene helle Holzkonstruktion war das Zeichen für einen Neuanfang, den die Schulleitung für Umbaumaßnahmen nutzte. Endlich konnten die Räume durch Versetzen von Trennwänden den Erfordernissen moderner Unterrichtsgestaltung angepasst werden; ein großer Computerraum entstand, dafür mussten Lehrerzimmer und Lagerraum abspecken, Werkraum, Hausarbeitsraum und Musikzimmer wurden vergrößert, der Eingang für das Kollegium versetzt. Gleichzeitig ließ man die unpraktischen Lamellenelemente entfernen und durch verglaste Fenster ersetzen; zusätzliche Fluchtfenster sowie breite Fensterbänke wurden eingebaut, die in den Klassenräumen notwendige Ablageflächen ergänzen.
Welche Schwächen sind geblieben: Der fehlende Keller ist das größte Problem. Es mangelt an Lagerraum, da dieser dem Computerraum weichen musste, der im Obergeschoss gelegene Physiksaal müsste als größter Gefahrenpunkt (Experimente!) eigentlich ins Erdgeschoss, der Musiksaal gehörte eigentlich in einen Keller, seit Rockmusik die Flötenkonzerte ersetzt und es dann durch das ganze Schulgebäude dröhnt. Und die Akustik überhaupt? Bei den ersten Kunststoffböden sei sie unerträglich gewesen, mit den später verlegten textilen Kugelgarnböden hat sich das wesentlich gebessert. Insgesamt jedoch sind Schüler, Eltern und Lehrerschaft mit dem Schulgebäude mehr als zufrieden und, auch die Konstruktion hat sich bewährt, so dass trotz kritischer Betrachtung keine Bauschäden ausfindig zu machen sind. W.R.