Ferienhaus in Flums

Gipfelsturm

Ferienhäuser in der Alpenregion müssen keineswegs in rustikalem Schnitzstil daherkommen, um in die Landschaft zu passen. Im Gegenteil: Das kleine Ferienhaus ist als Einraum konzipiert – und lotet das Thema Öffnungen im begeisterten Spiel mit der Umgebung aus. Holiday chalets in the Alpine region do not have to appear in a rustical wood carving style in order to fit into landscape. On the contrary: this small holiday house is conceived as a single space and explores the theme of openings in an enthusiastic play with its surroundings.

Text: Ursula Baus Fotos: Hannes Henz, Wilfried Dechau

Kein Schweizer ohne Chalet! Zum kleinen Alpenstaat gehört dieser Haustypus genauso wie der Käse oder die Schokolade – ja, wie eben in einer Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich zu sehen ist, dient das Chalet auch als Tarnung der Bunkerzugänge, die ab 1941 zum Schutz der Schweizer gebaut wurden. Die Vorzüge des Chalets liegen auf der Hand: Im Sommer eine grüne Weide, im Winter eine weiße Piste – was will das vom Berufsalltag gestresste Herz in den Ferien mehr? Unterm Lift, mit dem man von Tannenheim am Flumserberg zum Gipfel gondelt, bauten die Züricher Architekten Mathias Müller und David Niggli ein schmales, hohes Häuschen; Wanderer laufen im Sommer und Skifahrer fahren im Winter mitten durchs Grundstück. EM2N erteilten dem üblichen, umzäunten Chalet, mit dem in der Schweiz der Häuserbrei die Berge hinaufschwappt, eine klare Absage und besannen sich auf Grundsätzliches zum Thema. Schließlich könne Wohnen im Ferienhaus nicht ein geschrumpftes Einfamilienhauserlebnis sein. Raus aus den Zimmern, hinein in den Einraum – dort zu »hausen«, ist wahrlich etwas anderes, auch wenn die Ausdehnung der Zonen in die Höhe immerhin eine räumliche Differenzierung erlaubt. So deutlich turmähnlich das Chalet auf der Alpwiese steht, so selbstverständlich passt es in die Landschaft: dunkle Holzverschalung, Scheunen- und Speichercharakter klingen an, wobei dennoch alle »modernen« Vorgaben des Bauens genau beachtet sind. Das Gesetz schreibt schweizweit auch in den Flumserbergen für jedes Haus eine Garage vor – im untersten Geschoss ist sie auch in diesem Ferienhaus vorgesehen. Aber weil die Architekten sie für wenig sinnvoll halten, ist die Garage zugleich als Spielraum konzipiert. Das Wandornament kam mit Hilfe von Drainagematten zustande – braune Farbe um den Kern herum assoziiert die schweizerische Schokoladenkompetenz, das Violett der Milkakuh taucht jedoch nicht auf.
Eine Etage darüber liegt der vier Meter hohe Schlafraum für maximal acht Personen; auf simpelste Weise sind alle Leitungen und Installationen »über Putz«, das heißt hier: über der Holzverkleidung verlegt; der puristische, innen mit Schalungsplatten bekleidete Holzbau zwang zu sorgfältigem Handwerk. Waschbecken wurden an die Wand geschraubt, die Badewanne steht mittendrin. Im Geschossboden liegen dünne Heizmatten. Die kleinen Lukenfensterchen dieser Schlafetage besitzen einfachste Klappläden und sind in unterschiedlicher Höhe verteilt, man könnte also auch noch kleine Zwischenebenen als Schlummerkojen mit passendem Ausguck einziehen.
Über dem Schlafgeschoss geht es die verzinkte Wendeltreppe weiter hinauf in die Wohn-, Koch-, Sitz-, Lese- und Schauetage mit frei stehender Küchenzeile und eingehängtem Kamin. Doch fulminant empfängt den Urlauber hier ein spektakuläres Panorama: Große Fenster lassen die Blicke über die Alpengipfel schweifen, es ist einfach eine großartige Kulisse in fast zweitausend Metern Höhe, winters wie sommers.
Die vertikale Aufteilung des Turmhäuschens und wie die Öffnungen ihr entsprechen, lässt sich erst hier oben, dafür aber umso besser nachvollziehen: unten zu, darüber ein bisschen geöffnet, oben so offen es geht. Die Öffnungen sind quantitativ mit im Ganzen mindestens zehn Prozent der Fassade quasi vorgeschrieben; doch im Entwurf ist die vertikale Raumerfahrung analog zur Höhenschichtung des Gebirgstales vom Talboden über die Bannwälder bis zu den Maiensässen differenziert.
Und schließlich die Ein- und Ausblicke: Wer mit dem Gondellift zur Piste fährt, kann den Chaletbewohnern durchaus in die Stube schauen. Na und? Als Einsiedelei ist das Chalet nicht gebaut, zu dicht steht es in der engen Chalet-Nachbarschaft. Die Konzeption der Öffnungen reagiert auf die herrliche Lage des Häuschens und fängt diesen Luxus als Qualität für den Innenraum ein. Gemütliche Enge mag man woanders suchen. ub
Bauherr: Daniel Niggli Architekten: EM2N, Mathias Müller, Daniel Niggli Projektarchitekt: Christoph Rothenhöfer