Pro und Contra zur Verwendung von WDVS

Problemkind und Wunderkind

»Architekten und WDVS – eine Hassliebe?« fragten wir im Herbst bei einem gemeinsam mit Saint-Gobain Weber veranstalteten Webkongress. Unabhängig von der WDVS-Problematik bei gestalterisch schützenswerten Fassaden zeigt diese Zusammenfassung der Pro- und Contrastimmen sowie der Erwartungen und Wünsche auf Architekten- und Herstellerseite, dass eine Annäherung zwischen striktem Dagegen- und Dafür-Sein durchaus möglich wäre.

Text: Rosa Grewe
Bilder: Hans-Christian Schink u. a.

Das Wärmedämmverbundsystem ist kein Architekten-Liebling. Mit verschärften EnEV-Vorschriften wuchs in den letzten Jahren die Zahl der mit WDVS sanierten Altbauten, und mit ihr die Zahl der Kritiker. WDVS wurde zu einer Frage der Stadtgestalt und der Baukultur. Um den Dialog voranzubringen, veranstalteten die db und Saint-Gobain Weber vom 7. bis 11. November 2011 einen Webkongress zum Thema »Architekten und WDVS – eine Hassliebe?«. Referenten waren Susanne Rexroth von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, der Architekt Jan Musikowski, Projektleiter bei AFF Architekten in Berlin, Alfred Schelenz, Geschäftsführer und Architekt bei Gatermann + Schossig in Köln und Viktor Grinewitschus, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Innovationszentrums für Technik und Innovationen, Duisburg. Es zeigte sich, die Bestandssanierung mit WDVS ist technisch akzeptable bzw. klimatisch sinnvoll, gestalterisch aber fraglich.
Proportion und Stadtgestalt
WDVS eignet sich v. a. für die Sanierung von Gebäuden mit schlichten Fassaden und klaren Kubaturen. Gleichzeitig sieht Susanne Rexrodt genau für diese Bauten aus den meist 50er und 60er Jahren das höchste Energieeinsparpotenzial. WDVS scheint daher prädestiniert für die Deckung des Sanierungsbedarfs in Deutschland und ist für viele Bauherren attraktiv, günstig im Preis, sauber und schnell in der Verarbeitung und scheinbar ohne Planungsaufwand. Doch trivial ist der Umgang mit dem Material nicht, wie der Architekt Jan Musikowski erklärt: »Ein Problem sind die Altbauten, denen nach einer Sanierung mit WDVS, nachdem man dem Gebäude den Dämm-Overall übergestülpt hat, oft die richtige Maßstäblichkeit fehlt: Die Fenster sitzen danach zu tief in der Fassade, sie wirken zu klein; die ganze Leichtigkeit eines Gebäudes geht verloren.«
Was einem Einzelgebäude bei schlechter, nicht individuell abgestimmter Planung die gute Proportion kostet, schafft bei größeren Gebäudekomplexen, etwa von Wohnungsbaugesellschaften, Gleichförmigkeit und Identitätsverlust im Stadtteil. Musikowski plante bereits mehrere Gebäudesanierungen und weiß: »Durch den Preiskampf der Hersteller und Investoren wird die Bandbreite der Gestaltung und der eingesetzten Produkte so gering, dass bei großen Gebäudeensemblen schnell Monotonie im Stadtbild entsteht.« Ein schlechtes Image des Materials ist die Konsequenz, eine Abwertung des Produkts, des Gebäudes und des Stadtteils folgen. Auf lange Sicht ist das für alle Beteiligten wirtschaftlich schlecht.
Beim Neubau für die Gesamtschule Anna Seghers in Berlin, ebenfalls von AFF, gab der strenge Kostenrahmen ein WDVS vor. »Wir wollten aber keine monotone Putzoptik erzeugen und gestalteten die Oberflächen mit einem Punktraster. Es ist ein erster Schritt weg vom Bild der klassischen Putzfassade hin zu einer neuen Interpretation der Oberfläche. Letztendlich wurden wir von der originalen Struktur des Dämmmaterials inspiriert, bei der die Dübel als Punkte die Oberfläche strukturieren. Aus Wetterschutzgründen konnten wir aber nicht auf den Putz verzichten und das Material für sich stehen lassen. Uns ging es aber auch um die Wirkung der Fassade: Das Auge des Betrachters braucht Strukturen, die sich beim näheren Blick auf die Fassade detaillieren – ähnlich wie es alte Stadtfassaden tun, die eine Nah- und eine Fernwirkung haben.«
Emotion und Assoziation
Für Architekten gehört Ehrlichkeit des Materials zu dessen Wertigkeit. Musikowski erklärt: »Die WDVS-Putzoptik bei z. B. rekonstruierten Altbaufassaden ist für den Betrachter eine große Enttäuschung, wenn er beim Berühren merkt, dass sein Auge getäuscht wurde und dies keine massive, verputzte Wand ist. Die Imitation enttäuscht, da sie nicht hält, was sie zu sein scheint.« WDVS muss sich nach den Forderungen des Planers als WDVS zu erkennen geben, mit einer eigenen Haptik und Optik. Das ist auch eine Herausforderung für die Hersteller, denn wenn die positive Assoziation zum Material nicht dominiert, endet die Materialehrlichkeit schnell im Absatzrückgang. Zudem beeinflussen vergangene Probleme die Architektenmeinung über WDVS, wie Christian Poprawa, Marketingleiter bei Saint-Gobain Weber, sagt: »Es gibt z. B. das Vorurteil der algenbesetzten Fassade; dabei haben wir längst ökologisch vertretbare Lösungen, wie hydrophobe Oberfächen, die dieses Problem vermeiden.« Für neue Assoziationen und ein verbessertes Image braucht es gute, gebaute Beispiele.
Mehr Kreativität, Kooperation und Kompetenz
Hier sieht Poprawa die Architekten in der Pflicht: »Die Industrie hat in diesem Bereich in den vergangenen Jahren zahlreiche Innovationen geliefert, etwa ein extrem schlankes Vakuum-WDVS. Es wird experimentiert mit den unterschiedlichsten Dämmstoffen, mit Fliesen und WDVS oder mit der Integration von Solartechnik in WDVS. Hier sind verstärkt die Architekten gefragt, diese Innovationen aufzugreifen und WDVS bewusst als Gestaltungselement einsetzen.« Dagegen fordert Musikowski als Architekt von den Herstellern, die Planer stärker und früher schon in die Produktentwicklung einzubinden zugunsten eines guten Produktdesigns. Das rentiere sich auch für die Hersteller: »Es gibt so viele Hersteller von WDVS auf dem Markt, dass besonders gestaltete Produkte eine Nische erfolgreich füllen und ein Alleinstellungsmerkmal bilden könnten. Man kann das mit Apple vergleichen, die sich über Design nicht über Preis verkaufen.«
Eigentlich sind beide Positionen nicht widersprüchlich, Planer und Hersteller fordern gegenseitig mehr Kreativität, Kooperation und mehr Wissen um die technischen und gestalterischen Ansprüche einer Sanierung. Über Planungsfehler sagt Christian Poprawa u. a.: »Ein Fehler, mit dessen Folgen wir häufig konfrontiert werden, ist, dass nicht systemgetreu gearbeitet wird. Denn die technischen Werte eines WDVS gelten nur, wenn die angegebenen, aufeinander abgestimmten Systemkomponenten verwendet werden.«
Aber auch gestalterisch gibt es Verbesserungsbedarf; Architekten wünschen sich eine größere Bandbreite von Oberflächen, wie Musikowski erklärt: »WDVS hat die Eigenschaft, dass es leicht verschiedene Farben und Oberflächenstrukturen annehmen kann. Das sollten die Hersteller stärker nutzen. Spontan fallen mir da Textilbeläge ein, schuppenartige Metallschichten und dreidimensional geformte Oberflächen.«
Doch so einfach ist die Umsetzung dieser Forderung nicht, denn für die Hersteller lohnt sich die Entwicklungsarbeit von neuen Produkten oft nicht. Poprawa begründet: »Ein innovatives System mit Alleinstellung am Markt wird in Ausschreibungen aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit mit anderen Systemen häufig wieder ausgeschlossen.« Mehr Kreativität scheitert also nicht nur an mangelnder Kooperation, Kompetenz und an den Kosten, sondern auch an gesetzlichen Vorgaben.
Der Ökowert
In der Webkonferenz ging es auch um einen weiteren Kritikpunkt an WDVS. Die Referentin Susanne Rexroth verglich den energetischen Nutzen des Materials mit anderen ökologischen Aspekten wie dessen Entsorgung. Das Abfallvolumen von WDVS werde voraussichtlich bis ca. 2050 extrem ansteigen, gleichzeitig sieht sie das Ziel der größtmöglichen Dämmwirkung bald erreicht: »Mit der EnEV 2012 sind wir am Ende der Fahnenstange der Energieeinsparungen angekommen, ökologisch und konstruktiv.« Statt immer dickeren Dämmschichten empfiehlt sie für die Gebäudesanierung eine jeweils individuell geplante Kombination aus verschiedenen technischen Maßnahmen. Der Referent Viktor Grinewitschus vom inHaus-Zentrum wies zwar mit eigenen Studien nach, dass der Energiegewinn den Energieaufwand zur Produktion und Entsorgung des Materials ausgleicht, aber dennoch erkennen auch die Hersteller neue Ziele jenseits der reinen Energiebilanz. Christian Poprawa sagt dazu: »Die besten WDVS erreichen heute im Kern Werte von etwa 0,007 W/mK. Da diese Werte kaum zu unterbieten sind, werden sich Innovationen zukünftig in anderen Bereichen abspielen, z. B. der ökologisch unbedenklichen Zusammensetzung und Recyclingfähigkeit. Gestalterisch gibt es bereits zahlreiche Möglichkeiten, die sicher in Zukunft noch erweitert werden.« Eine gute Nachricht für alle Kritiker, denn das gemeinsame Ziel für die Zukunft lautet mehr Vielfalt und mehr Nachhaltigkeit. •

Die Autorin: Rosa Grewe

2005 Architekturdiplom an der TU Darmstadt, zuvor Auslandsaufenthalte in den USA und in Mexiko. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, u. a. 2004/05 bei Albert Speer & Partner, Frankfurt. 2006/07 Volontariat bei der DBZ. 2008 Diplom der Freien Journalistenschule in Berlin. Seitdem Publikationen für verschiedene Verlage.