Energie-Contracting

Ausgelagert und gespart

Contracting – ein erklärungsbedürftiger Begriff und gleichzeitig ein wertvolles Instrument, um Energie in Gebäuden zu sparen. Vielen Architekten, Energieberatern und Bauherren ist jedoch zu wenig bekannt, welche Chancen das Energie-Contracting bietet.

Text: Anne Schenker

Was genau ist Contracting? Contracting ist eine vertraglich vereinbarte Energiedienstleistung zwischen einem Gebäudeeigentümer (Auftraggeber) und einem Contractor (Auftragnehmer). Der Contractor, ein auf Energiedienstleistungen spezialisiertes privates Unternehmen, entwickelt ein individuell auf ein Gebäude zugeschnittenes Konzept, um dessen Energieeffizienz zu verbessern. Er plant, finanziert und realisiert notwendige Maßnahmen zur Energieeinsparung oder zur Optimierung der Energieversorgung des Gebäudes. Außerdem kümmert er sich um Betrieb, Instandhaltung und Wartung der neu installierten heizungs- bzw. gebäudetechnischen Anlagen. Die nötigen Investitionen refinanziert er innerhalb der Vertragslaufzeit – je nach Contracting-Modell – entweder durch einen Teil der eingesparten Energiekosten oder über das Entgelt für die gelieferte Nutzenergie.
Energieliefer-Contracting
Am Markt haben sich besonders zwei Modelle etabliert: Energieliefer- und Energiespar-Contracting. Weiter verbreitet ist das Energieliefer-Contracting. Dabei investiert der Auftragnehmer in eine moderne effiziente Energieversorgungsanlage, beispielsweise in einen neuen Heizkessel oder ein Blockheizkraftwerk. Er liefert dem Auftraggeber über einen festgelegten Vertragszeitraum von meist 10 bis 20 Jahren die damit erzeugte Nutzenergie wie Strom, Wärme und/oder Kälte. Seine Vergütung erfolgt über das Entgelt für die gelieferte Nutzenergie. Energieliefer-Contracting eignet sich im Normalfall für Gebäude ab etwa 1 000 m2 oder bei jährlichen Energiekosten ab etwa 10 000 Euro, da die Projekte für die externen Spezialisten erst dann wirtschaftlich realisierbar sind. Infrage kommen sowohl Neu- als auch Bestandsbauten, egal ob öffentlich oder privat. Mittlerweile gibt es aber auch Lösungen für kleinere Anwendungen: Das sogenannte Mini-Contracting bietet auch für Einfamilienhausbesitzer eine neue Heizung und den Komplettservice mit Wartung und Instandhaltung der Anlage.
Vermieter und Contractoren müssen seit Juli 2013 die geltende Verordnung zur Wärmelieferung beachten. Sie regelt die Umstellung auf Contracting für bestehende Mietverhältnisse in Deutschland. So können die vergleichbaren Kosten der Wärmelieferung dann auf die Mieter umgelegt werden, wenn sie nicht höher sind als die bisherigen Betriebskosten für Heizung und Warmwasser. Zudem muss die Umstellung vom Vermieter spätestens drei Monate vor Beginn gegenüber den Mietern angekündigt und die voraussichtliche Effizienzverbesserung angegeben werden.
Energiespar-Contracting
Komplexer und noch nicht so weit verbreitet ist hingegen das Energiespar-Contracting. Hierbei betrachtet der Auftragnehmer die Gebäudetechnik ganzheitlich. Er plant, realisiert und finanziert technische, bauliche und organisatorische Maßnahmen, die zur Einsparung beim Energieverbrauch führen. Die daraus resultierende Kosteneinsparung garantiert der Contractor vertraglich. Für seine Dienstleistungen und die getätigte Investition erhält er einen Teil der Einsparung. Da allerdings schon die Transaktionskosten eines Energiespar-Contractings (z. B. für Angebotsbearbeitung und Projektmanagement) vergleichsweise hoch sind, sollten die jährlichen Energiekosten eine gewisse Mindesthöhe haben – nach aktuellen Markterfahrungen um 100 000 Euro –, um bei einer Ausschreibung interessante Angebote von Contractoren zu erhalten. Folglich eignet sich das Energiespar-Contracting v. a. für Nichtwohngebäude im Bestand wie öffentliche und private Verwaltungsgebäude, Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser. Sind die Energiekosten geringer, können auch mehrere Gebäude, z. B. innerhalb einer Kommune oder eines privaten Portfolios, zu einem Gebäudepool zusammengefasst werden. Die Einspargarantie wird dann für den gesamten Pool vertraglich vereinbart.
Energiespar-Contracting-Verträge laufen meist 7 bis 12 Jahre. Deshalb gilt sowohl für das Energiespar- als auch für das Energieliefer-Contracting, dass nur Liegenschaften mit einer gewissen Struktursicherheit ausgewählt werden sollten, bei denen die Weiternutzung während der kompletten Vertragslaufzeit absehbar ist.
Es lohnt sich
Energie-Contracting bringt viele Vorteile – nicht nur finanziell. Gebäudeeigentümer, die Energieeffizienzmaßnahmen anstatt in Eigenregie mithilfe von Contractoren umsetzen, müssen sich nicht selbst um die Umsetzung der Maßnahmen kümmern, sondern geben diese in die Hände eines erfahrenen Dritten, der über entsprechendes Know-how und Erfahrung verfügt. Da dieser in der Regel die notwendigen Investitionen für die Effizienzmaßnahmen übernimmt, ist Contracting aber auch ein attraktives Finanzierungsmodell. Der Haushalt des Auftraggebers wird nicht belastet bzw. die Ausgaben werden langfristig besser planbar. Außerdem trägt der Auftragnehmer die wirtschaftlichen und technischen Risiken. Durch die Steigerung der Energieeffizienz leistet Contracting gleichzeitig einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz. Nicht zuletzt – und das ist besonders für die öffentliche Hand ein wichtiger Aspekt – übernimmt der Anwender eines Contracting-Modells eine Vorbildfunktion in Sachen Klimaschutz und Energieeffizienz.
Beispiele
Das Auswärtige Amt ist das erste Bundesministerium, das auf Energiespar-Contracting setzte. Mit einer Investition von knapp 3 Mio. Euro spart das Ministerium rund 31 % Energiekosten. Erreicht wird dies vom Contractor Caverion u. a. durch eine neue Kälteanlage, innovative LED-Beleuchtung und eine solare Luftvorwärmung für die Klimatechnik. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) steht dem Ministerium beratend zur Seite.
Im Geologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München konnten mithilfe von Energiespar-Contracting – Berater war hier CDM Smith Consult aus Bochum– die Energiekosten sogar um fast 40 % reduziert werden. Der Contractor Cofely Deutschland installierte dafür u. a. ein neues Blockheizkraftwerk sowie ein intelligentes, digitales Leitsystem für die Gebäudeautomation.
Und die niedersächsische Kleinstadt Sehnde spart mit mehr als 60 Maßnahmen in elf kommunalen Gebäuden rund 30 % ihrer Energiekosten. Der Contractor WISAG Energiemanagement ersetzte dort u. a. alte Heizkessel, dämmte in fünf Gebäuden die obersten Geschossdecken und nahm in einer Schule ein neues Blockheizkraftwerk in Betrieb. Hier begleitete die Berliner Energieagentur das Vorhaben.
Contracting entwickelt sich weiter
Bisher wurde bei dem Verfahren v. a. die Gebäudetechnik betrachtet und optimiert. Denn diese bietet oft Potenziale für Energiesparmaßnahmen, die sich schon nach kurzer Zeit rechnen. Gerade vor dem Hintergrund der Energiewende werden zukünftig jedoch Modelle gefragt sein, die umfangreichere Sanierungen ermöglichen, indem z. B. beim Energiespar-Contracting auch Wärmeschutzmaßnahmen an der Gebäudehülle einbezogen werden können. Dies bindet dann auch Architekten in den Prozess ein. Außerdem sind Kooperationen zwischen Gebäudetechnik- und Bauunternehmen notwendig, um die Sanierung »aus einer Hand« anzubieten. Bei der Finanzierung solcher Maßnahmen muss der Anwender bedenken, dass bauliche Maßnahmen eine längere Amortisationszeit haben. Daher kann sie der Auftragnehmer in der Regel nicht innerhalb der üblichen Vertragslaufzeit aus den Energiekosteneinsparungen refinanzieren, sondern benötigt einen Baukostenzuschuss oder eine längere Vertragslaufzeit.
Um die energie- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung zu erreichen, wird es aber auch zunehmend wichtig, dass sich das Energieliefer-Contracting weiterentwickelt, indem Energielieferung mit Effizienzmaßnahmen auch im und am Gebäude und mit Energiespar- oder Energiemengengarantien kombiniert wird.
Architekten, Planer und Energieberater sollten die Möglichkeit eines Energie-Contracting stets schon zu Beginn eines Bauprojekts mit bedenken. Wer sich mit Contracting auskennt, kann sich auf dem Energiedienstleistungsmarkt als Experte positionieren und neue Aufgabengebiete – z. B. die Entwicklung und fachliche Begleitung von Contracting-Ausschreibungen – erschließen. •
Weitere Informationen:
Das Kompetenzzentrum Contracting für Gebäude, das 2010 durch die dena mit Unterstützung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) gegründet wurde, begleitet Anwender von Contracting mit einer kostenfreien telefonischen Initialberatung, Leitfäden zur Umsetzung von Contracting-Projekten, Berechnungshilfen für den Kosten- und Angebotsvergleich bei Contracting in Mietwohngebäuden und vielem mehr, s.: www.kompetenzzentrum-contracting.de.
Seit 2002 demonstrieren mehr als 30 Energie-Contracting-Verfahren bei Bundesliegenschaften, dass durchschnittlich 39 % Energiekosten und 37 % CO2-Emissionen eingespart werden können – was den Haushalt der Bundesregierung um mehr als 1 Mio. Euro pro Jahr entlastet.
Die Spannbreite von auf Contracting spezialisierten Unternehmen ist groß: Dienstleister für das Energieliefer-Contracting sind derzeit z. B. viele Stadtwerke, beim Energiespar-Contracting stammen die Unternehmen häufig aus der Gebäudetechnikbranche. Organisiert sind die meisten Contractoren im VfW (Verband für Wärmelieferung) oder dem AGFW, dem Energieeffizienzverband für Wärme, Kälte und KWK.

Energie (S. 68)
Anne Schenker
Dipl.-Ing. für Versorgungstechnik, mehrjährige Tätigkeit in einem Contracting- und Ingenieur-Unternehmen für energieeffiziente Gebäudetechnik. Seit 2008 Mitarbeit bei der Deutschen Energie-Agentur (dena), Aufbau des Kompetenzzentrums Contracting für Gebäude, seit 2013 Leitung des Kompetenzzentrums.