db fragt nach

Die Energieeinsparung und die energetische Sanierung sind seit einigen Jahren Dauerthema bei Tagungen für Architekten, »Denkmalschutz versus Klimaschutz« dabei die gern verwendete und zwischenzeitlich ausgediente Parole. Wir versuchten herauszufiltern, was vielleicht noch im Verborgenen liegt, was dringend oder vermehrt diskutiert werden muss, wo die Meinungen auseinanderdriften und wo Übereinstimmung herrscht – und schickten aus diesem Grund fünf in der Sanierung erfahrenen Architekten, den Präsidenten der Bundesarchitektenkammer und der Vereinigung freischaffender Architekten sowie der dena drei Fragen: [1] Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten bei der energetischen Sanierung?

Thomas Dittert, Architekt in Hamburg und Hannover:

[2] Was ist DAS große Thema bei der energetischen Sanierung?
[3] Was muss sich als Erstes ändern?
[1] Es gibt eine Summe vieler Hindernisse, die u. a. die Wirtschaftlichkeit, Investitionsanreize oder die Stadtbildverträglichkeit betreffen: Z. B. werden Investitionskosten nicht durch Verbrauchssenkungen aufgefangen, Investoren profitieren bei Fremdnutzung oft nicht von Einsparungen, manche vermeintlichen Energieeinsparmaßnahmen sind nur bedingt energetisch wirksam und schützenswerte Fassaden verschwinden hinter Dämmungen. Das EnEV-Berechnungsverfahren ist für belastbare Einsparvorhersagen ungeeignet und der Einsatz regenerativer Energien im Sanierungsbereich unterrepräsentiert.
[2] Der Gegensatz zwischen Theorie und Praxis wächst: Die Sanierungsrate ist viel zu gering, die Praxis folgt den steigenden Anforderungen nicht. Die Abweichungen zwischen berechnetem Energiebedarf und tatsächlichem Verbrauch sind erheblich und ein Zusammenspiel von Bautechnik, TGA und Energieversorgung ist vielfach nicht erkennbar. Viel zu selten wird evaluiert oder aus Erfahrungen und Geschaffenem gelernt. Das Verfehlen des Klimaschutzziels 2020 scheint somit garantiert!
[3] Die Energiewende hin zur regenerativen und effizienten Energieversorgung muss wesentlich schneller vollzogen und eine »U-Wert-Olympiade« an Gebäuden vermieden werden. Gleichzeitig ist der Aufbau saisonaler Speicher und die Nutzung von Abwärme (»Gebäude als Kollektoren«) wichtig – darauf sollten dann regenerative, partizipatorische Versorgungssysteme für ganze Quartiere und Stadtteile basieren.
[1] Durch die EnEV und die deutsche Förderlandschaft hat sich in unserem Lande ein wahrer Boom in der energetischen Sanierung entwickelt, der in den letzten Jahren zu teilweise städtebaulich, baukünstlerisch und wohnungspolitisch falschen Entwicklungen geführt hat. Wo man auch hinschaut, werden Häuser zugeklebt. Eine genauere Differenzierung der Maßnahmen fehlt. Oftmals ist eine umfängliche energetische Sanierung weder ökologisch, ökonomisch, städtebaulich, noch wohnungspolitisch sinnvoll. Es fehlt eine gesamtheitliche übergeordnete Betrachtung.
[2] Das bedeutet, dass man z. B. Gründerzeitbauten völlig einpackt, dass Sandsteingewände und Fensterbänke verschwinden und durch banale Alu-Fensterbänke ersetzt werden. Unser historisches Stadtbild wird durch Pappfassaden ersetzt – ein kultureller Verlust. Auf der anderen Seite werden wahllos städtebaulich fragwürdige und grundrisstechnisch schlechte 50er-Jahre-Gebäude hochgerüstet. Bei allen Maßnahmen muss man sich immer die Frage des Primärenergieeinsatzes stellen, dieser muss zum Bewertungsmaßstab werden. Polystyrol besteht zu über 90 % aus Öl. Hatten die energetischen Sanierungen nicht ursprünglich den Sinn, den Primärenergieeinsatz zu reduzieren?
[3] Bei allen Fördergeldbewilligungen muss es zu einer übergeordneten Betrachtungsweise und somit zur Kontrolle der Maßnahmen kommen. Spezifisch für das zu sanierende Objekt muss die Sinnfälligkeit der zu fördernden Einzelmaßnahmen überprüft werden. Hierbei sollte unbedingt davon abgesehen werden, einen vorgegebenen Richtwert zu erreichen. Bei einem Gründerzeitgebäude reicht es z. B. vielleicht schon, wenn man Keller- und Dachdecke dämmt und die Anlagetechnik erneuert. Bei einem 50er- oder 60er-Jahre-Bau kann es oftmals besser sein, ihn zu ersetzen, weil man durch Neubau eine höhere Verdichtung und zeitgemäße Grundrisse erhält.
[1] Die energetische Sanierung und damit der Beitrag zu der von der Bundesregierung erklärten Energiewende muss für alle Beteiligten machbar, bezahlbar und wirtschaftlich sein und auch die regional sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen (Wohnungsnachfrage, alternde Gesellschaft, Standortqualität, Migrationshintergründe) berücksichtigen. Der Aufwand zur Verminderung des Energiebedarfs muss daher in einem sinnvollen Verhältnis zu den Gesamtkosten stehen (…). Gleichzeitig muss mehr über energetische Maßnahmen aufgeklärt und für sie geworben werden. Dazu gehört besonders, sie in Einklang mit baukulturellen Anforderungen zu bringen. Denn wer will schon in einem zwar energetisch mustergültig funktionierenden, aber sonst absolut hässlichen oder an schlechtem Standort stehenden Gebäude wohnen oder arbeiten? (…). Da die Grenzen der Wirtschaftlichkeit im Gebäudebereich bereits mit der EnEV 2009 erreicht sind, fordert die BAK die Bundesregierung auf, auf Verschärfungen und unnötige Bürokratie in der Novelle EnEV 2012/2013 zu verzichten.
[2] (…) Die inzwischen große Vielfalt der Förderprogramme sowie die vielen Fragen hinsichtlich einer gestalterisch und wirtschaftlich nachhaltigen Lösung wirken auf Bauherren verwirrend und bedürfen eingehender Beratung sowie Planung der geeigneten Sanierungsmaßnahmen. Daher ist ein breites Spektrum an integraler Fachkompetenz rund um die energetische Planung sowohl im Neubau als auch im Bestand, aber auch in Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung erforderlich. (…)
[3] Damit die Energiewende gelingt, müssen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung im Gebäudebereich und die Umstellung der Energieerzeugung auf erneuerbare Energien gleichermaßen verfahrenstechnisch und finanziell unterstützt werden. Beide Bereiche sparen annähernd gleich viel Kohlendioxid ein (…). Wird die derzeitige Sanierungsrate nicht auf 2 % verdoppelt, werden die vereinbarten Ziele zur Energiewende nicht erreicht. Bauherren muss daher ein deutlicher Ansporn zu mehr Investitionen in energetische Maßnahmen gegeben werden. Die BAK appelliert deshalb an die Bundesregierung, diese insbesondere durch steuerliche Anreize zu fördern sowie die KfW-Förderprogramme auf mind. 2 Mrd. Euro jährlich aufzustocken und diese ebenso wie die Städtebauförderung zu verstetigen.
[1] Bisher wird die energetische Sanierung – aus Sicht des einzelnen Investors verständlicherweise – fast ausschließlich unter dem Aspekt der kurzfristigen Nebenkostenersparnis gesehen. Das für unsere Gesellschaft langfristig überlebensnotwendige Ziel der CO2-Einsparung steht damit zu wenig im Focus der Entscheidungen. Hierzu müsste auch der energetische Aufwand, den die verwendeten Baustoffe bzw. deren Entsorgung mit sich bringen, sprich die gesamte CO2-Bilanz, Eingang in die Kalkulation finden.
[2] Wenn wir gesamtgesellschaftliche Energieziele verfolgen wollen, müssen wir zu einer angemessenen Lastenverteilung kommen. Hierzu ist die in einem Gebäude gebundene Graue Energie zu berücksichtigen. Diese Größe muss sich auch finanziell innerhalb der Wertschöpfungskette von Immobilien abbilden. Denkbar wäre beispielsweise eine Art Fond, in den einzuzahlen hätte, wer Gebäude vor dem Erreichen einer bestimmten „Abschreibungsfrist“ abbrechen will. Mit den so gewonnenen Geldern könnte man dann Umverteilungen zu denjenigen Immobilienbesitzern organisieren, die die Graue Energie – bzw. das Gebäude – über den Abschreibungszeitpunkt hinaus erhalten.
[3] Als Erstes ändern muss sich die Vorstellung, dass die in einem Gebäude enthaltene, gesamtgesellschaftlich erbrachte Energie ein Gut ist, über das der Besitzer aufgrund von rein privaten Überlegungen verfügen kann! ›
[1] Grundsätzlich ist das Ziel, unseren Energieverbrauch, insbesondere für das Heizen, zu senken, aus meiner Sicht 100 %ig zu unterstützen. Nur fehlen die richtigen Ansätze für das überaus komplexe Thema. Jenseits aller Ideologie müssen wir viel differenziertere Lösungen finden, den Königsweg schlechthin gibt es nicht. Klar muss allen sein, dass wir vor schmerzhaften Einschnitten stehen. Jeder wird hier seinen Beitrag leisten müssen. Ärgerlich wäre, wenn dieses entscheidende Thema Opfer einer Klientelpolitik würde.
[2] Auch wenn es keiner mehr hören mag: Es gilt, die Nachhaltigkeit der Maßnahmen zu beachten. Das bedeutet, dass wir die Gesamtenergiebilanz betrachten müssen. Hier fehlt es uns teilweise noch an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Forschung hierzu muss noch weiter vorangetrieben werden. Und wir müssen uns mit den wahren Energieschleudern beschäftigen. Sinnvolle Anreize sind zu schaffen, um unnötige Verschwendung abzustellen. Hier wäre eine über alle Lobbyinteressen hinweg durchsetzungsfähige Politik gefragt, die diese Ziele klar formuliert und Maßnahmen ins Werk setzt.
[1] Die meisten Häuser können einem ja leidtun. Stellen Sie sich vor, Sie stehen da seit 50 Jahren und versehen unbescholten Ihren Dienst. Plötzlich kommt ein Mensch daher, der unlängst einen Crashkurs in energetischer Sanierung abgeschlossen hat, um Sie in ein modernes Wärmedämmverbundsystem zu packen. Dass Ihnen da die Luft wegbleibt ist verständlich.
[2] Die aktuelle Praxis der Förderung legt leider nahe, energetisch sanieren sei eine simple Geschichte. Je weniger Wärmedurchgang, desto besser. Da bleibt die Faszination guter Architektur vollkommen auf der Strecke. Mit unabsehbaren Folgen für den Wert eines Gebäudes und v. a. für das Wohlbefinden der Menschen, die darin arbeiten oder wohnen müssen.
[3] Bevor wir ein Gebäude in ein WDVS stecken, nur um einer Norm zu genügen, suchen wir uns lieber einen neuen Bauherrn! Denn in einer Sanierung steckt die wundervolle Chance, schlummernde Potenziale zu wecken. Der Wunsch nach einer dauerhaften Wirtschaftlichkeit befeuert die Arbeit an der Vielfalt der möglichen Materialien, Strukturen, Details und erzeugt Authentizität. Unsere Bauherren haben den Mut und den Willen, aus Bausünden der 60er und 70er Jahre faszinierende Bauwerke zu machen!
[1] Die Förderung macht uns derzeit die größten Sorgen. Die Grundlage für eine Sanierungsentscheidung ist eine stetige und verlässliche Ausgestaltung der Förderungen. Dazu bedarf es eines Fördermixes aus Zuschüssen, Krediten und Steuererleichterungen. Denn nur so können Gebäudeeigentümer in Ruhe ihre Sanierung und die Finanzierung planen. Die Diskussion um die Einführung einer steuerlichen Förderung währt schon viel zu lange, und Bund und Länder müssen hier schnell zu einer Einigung gelangen.
[2] Jede potenzielle Sanierung ist mit zahlreichen Fragen verbunden: Welche Technik passt am besten, wo findet man gute Experten, wie viel Förderung gibt es, wann rechnet sich welche Maßnahme. Antworten auf diese Fragen gibt die Energieberatung. Sie ist das zentrale Instrument für eine fundierte und verlässliche Sanierungsentscheidung.
[3] Die Gebäudeeigentümer müssen über die Chancen der energetischen Sanierung besser informiert werden: Der Wert des Gebäudes steigt, Energiekosten werden reduziert, das Wohnen wird behaglicher, und richtig angepackt rechnet sich das alles. Um dies breit zu kommunizieren, brauchen wir den Startschuss für eine Sanierungswelle über eine breit angelegte Informations- und Motivationskampagne.
[1] Wir verstehen Architektur weniger als das Ergebnis einer Forschung, sondern vielmehr als das Produkt einer künstlerischen und technischen Praxis. So ist es für uns selbstverständlich, dass sich auch energetisch nachhaltige Architektur jeder Normierung widersetzen muss, da für jeden Bau eigene Kriterien gesucht und gefunden werden müssen. Aktuell kreist die Diskussion meist um den Verbrauch von Kilowattstunden, dabei wird die wichtigste Ressource vergessen: die Bausubstanz.
[2] Energetische Sanierungsmaßnahmen konzentrieren sich auf den Energieverbrauch im Betrieb eines Gebäudes. Um die EnEV einzuhalten oder zu übertreffen, werden Materialschichten und Maßnahmen aus früherer Zeit abgetragen und durch Werkstoffe des »state of the art« ersetzt. Die Sanierungsmaßnahme selbst, die Ressourcenvernichtung und die beim Bau erzeugten Folgemaßnahmen werden dabei weder evaluiert noch in eine energetische Gesamtbilanz mit einbezogen. Der Erfolg einer Sanierung errechnet sich fälschlicherweise nur aus der Vorher-Nachher-Differenz der eingesparten Kilowattstunden. Die im Material selbst gebundene Graue Energie wird also vernachlässigt.
[3] Die Feststellung, dass die große Zeit des Abreißens und Neubauens vorüber ist, mag uns Architekten bitter schmecken. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Planungskultur wird jedoch von unserer Hoffnung begleitet, dass aktuell eine Generation heranwächst, die sich ihrer selbst nicht über das ständig Neue und den Abbruch des Alten vergewissern muss und die den Wert der in der Architektur eingelagerten Zeit erkennt. Die also Diversität als Befruchtung und nicht als Bedrohung empfindet, eine neue Kultur der Ästhetikerfahrungen sucht und in der Reduzierung eine Bereicherung entdecken kann.