Ingenieurporträt: Eladio Dieste (1917–2000) und seine Schalentragwerke

Wie eine fliegende Möwe

»Dieste war ein bescheidenes Genie, das mit wenig viel erschuf«, beschrieb uns kürzlich ein ehemaliger db-Redakteur den uruguayischen Bauingenieur, den er fünf Jahre vor dessen Tod in Südamerika besuchen konnte (s. db 2/1995). In der Tat hinterlässt das Werk Eladio Diestes im Rückblick eine Fülle von Bauten aus Ziegeln, die sowohl hinsichtlich Tragwerk als auch Ästhetik faszinieren und erstaunen. Sie wurden teils von ihm alleine, teils zusammen mit Architekten realisiert und sprechen doch immer ein und dieselbe Formenprache.

Text: Falk Jaeger Fotos: Vicente del Amo, Leonardo Finotti, Christoph Gunßer

Schwingende Wände aus warmroten Ziegelsteinen, wogende Decken und kühn ausgreifende Wellendächer aus demselben Material sind sein Markenzeichen. Weit gespannte Hallendächer, hier und da eine Kirche zeigen seine Handschrift. Auch das im Tragwerkswesen geschulte Auge sieht sich irritiert durch die unglaubliche Schlankheit der zerbrechlich wirkenden Schalen ohne erkennbare Widerlager und sucht nach dem Weg der Kräfte, die sich in den Äther zu verflüchtigen scheinen. Wie machte der das, dieser Eladio Dieste?
Felix Candela, Eduardo Torroja, Heinz Isler vielleicht, das sind die »Ingenieurarchitekten«, die einem beim Stichwort Schalentragwerke spontan einfallen. Der 1917 in Artigas, Uruguay, geborene Eladio Dieste hingegen ist nur Fachleuten bekannt, die sich für die Entstehung der Flächentragwerke interessieren. Der Grund ist nicht ganz ersichtlich, denn das Werk des in Montevideo ausgebildeten Bauingenieurs ist weitaus umfangreicher als etwa das von Felix Candela und reich an signifikanten, gar spektakulären Bauten (von denen der eine oder andere dann doch bekannt vorkommt).
Schaffensort Südamerika
1944, bereits ein Jahr nach seinem Bauingenieurstudium in Montevideo, wurde Dieste von der Ingenieurfakultät als Professor für theoretische Mechanik, 1953 von der Bauingenieurfakultät als Professor für Brückenbau und große Konstruktionen berufen. Ab 1945 arbeitete er gleichzeitig für die noch heute international erfolgreiche dänische Baufirma Christiani & Nielsen. 1954 erfolgte zusammen mit Eugenio Montañez die Gründung des Ingenieurbüros Dieste & Montañez. So konnte er über Jahrzehnte erfolgreich agieren und seine Entwürfe mithilfe einer eigenen Baufirma realisieren. Dieste starb im Juli 2000 in seiner Wahlheimat Montevideo. Einer seiner zahlreichen Söhne, Eduardo Dieste, führt seither das Büro zusammen mit dem Ingenieur G. Larambebere weiter.
Diestes Bauten sind primär bautechnisch gedacht, Skelettarchitektur sozusagen, ohne Fleisch und Haut. Vielleicht liegt es daran, dass er in unseren Breiten wenig Beachtung gefunden hat. Seine Tragwerke, seine Dachschalen sind ›
› immer pur und unverputzt, sind Wetterschutz und Dämmung gleichzeitig. In dieser Weise wären sie in unseren Breitengraden bauphysikalisch ungeeignet. Gebaut hat er fast ausschließlich in Uruguay, Argentinien und Brasilien. Frei Otto, der Protagonist der leichten Flächentragwerke, hat sich natürlich für Diestes Konstruktionen interessiert, für dessen Intention, den allgegenwärtigen Stahlbeton durch leichtere Konstruktionen zu ersetzen. Und für dessen Baumethoden, die auf den heimischen Baubetrieb zugeschnitten waren. Denn Ziegel sind in Südamerika allgegenwärtig, man kann damit umgehen. Die von ihm für die Ziegelschalen entwickelten Techniken der Bewehrung waren ebenfalls beherrschbar.
Dem Betonbau näher
Es gibt viele Hinweise, dass Dieste sich anfangs von der Konstruktionsweise des »katalanischen Gewölbes« inspirieren ließ. Dabei handelt es sich um auf leichten Leergerüst-Schalungen flach verlegte Ziegel als verlorene Schalung für eine aufgedoppelte Mörtelschicht – eine gegenüber dem Stahlbetonbau technisch anspruchslosere, aber auch Material sparende Bauweise, die in ländlichen Regionen von einfachen Handwerkern beherrschbar sein sollte. Antoni Gaudí, aber auch Josep Lluís Sert, Torres Clavé und selbst Le Corbusier haben diese Bauweise eingesetzt. Dieste versuchte diese Konstruktionsweise zu ertüchtigen, indem er sie mithilfe von Bewehrungen für andere Lastfälle brauchbar machte. Um die Stahldrähte kreuzweise in die Fugen legen zu können, sind die flachen, oft hohlen Ziegel nicht im Verband, sondern mit in beiden Richtungen durchlaufenden Fugen verlegt. Er betonte immer, dass die Bewehrungen seine Ziegelgewölbe zu Schalentragwerken machen, die katalanischen Gewölbe jedoch ausschließlich herkömmliche druckbeanspruchte Bogenkonstruktionen seien. Diestes Schalen sind bau- und tragwerkstechnisch dem Betonbau sehr viel näher als dem Mauerwerksbau.
Faszination »Ziegelmembran«
Eines der signifikantesten Bauwerke Diestes ist die 1952-58 entstandene Kirche »Cristo Obrero« in Atlántida. Bei diesem frühen Bau sind sowohl die aufgehenden Wände als auch das Dach von seinen ondulierenden Formen geprägt. Doch zeigt sich hier, dass sich derartige Bauformen nicht ohne formale Komplikationen zu einem Bauwerk kombinieren lassen und dass sie als singuläre Formen, beispielsweise als Dachkonstruktion auf orthogonalem Unterbau, besser beherrschbar wären. Die architektonisch-gestalterische Problematik wird in Atlántida jedoch überstrahlt von der Faszination, die Diestes »Ziegelmembranen« hervorrufen, sowie von der Anmutung des warmroten Ziegelmaterials, das dem Kirchenraum eine intensive spirituelle Atmosphäre verleiht.
Die Wände steigen von einer geradlinigen Spur auf und schwingen nach oben in einer Art Sinuswelle aus – so, als habe man einen Vorhang versteinert und auf den Kopf gestellt. Auf diesen Wänden liegt eine ebenfalls sinuswellenförmige Dachkonstruktion aus doppelt gekrümmten Ziegelschalen. Trotz ähnlicher Formen unterscheiden sich natürlich Wand und Decke konstruktiv voneinander. Die Wände sind mit »Normalziegeln« auf einem Streifenfundament im Verband gemauert und in den Fugen mit dünnen Bewehrungen versehen. Das gewellte Dach besteht aus einer leichten, kreuzweise bewehrten Ziegelschale.
Die Wellenschale mit einem flachsten Stich von 7 cm bis zum höchsten von 1,47 m und einer Spannweite von 16 m bis 18,80 m entspricht einer Kettenlinie. Die Schale ist so flach, dass das Zugband im Wellental verschwindet. ›
› Statisch gesehen entwickelt sich eine hybride Tragwirkung irgendwo zwischen Bogen und Balken. Die im Grundriss gewellte Auflagerlinie wirkt in jedem Joch wie ein Ringanker, der die Schubkräfte an die Zugbänder in den Wellentälern weiterleitet.
Tonnen und Bögen, dynamisch und elegant
Konstruktiv »sauberer« und architektonisch klarer sind die Dächer und Hallen, die Dieste in der Folgezeit entworfen hat und die zum Teil erstaunliche Leistungen aufweisen. Grundsätzlich handelt es sich um zwei unterschiedliche Tragwerkprinzipien, entweder um Bogen- oder um Tonnenschalen. Letztere sind einfach gekrümmt, spannen in Längsrichtung und bilden ein balkenähnliches Tragsystem. Mehr als 5 ha hat er z. B. mit addierten Tonnenschalen von jeweils 23 m Spannweite für die Wartungshallen der Metro in Rio de Janeiro (1971-79) überdacht.
Mit schräg angeschnittenen, auf einer einzigen Stützenreihe lagernden und beiderseits 13,50 m auskragenden Tonnen ist der Busbahnhof von Salto (1973–74) von ungeheurer Dynamik und betörender Eleganz. Für die Auskragungen hat der Ingenieur eine einfache und praktikable Art der Vorspannung entwickelt. Oben auf die Schalen werden Bewehrungsschleifen aufgebracht und zunächst nur an den Dachenden eingemörtelt. In der Dachmitte zieht man dann die Drähte in Querrichtung zusammen und setzt so die Schleifen unter Zugspannung. Erst dann werden sie vollständig eingemörtelt.
Buchstäblich auf die Spitze getrieben hat Dieste das Prinzip freilich 1976 bei einem simplen Tankstellendach in Salto. »Möwe« wird das Bauwerk aufgrund seiner Form auch genannt, weil sein Querschnitt wie eine Möwe im Flug aussieht. Zwei parallele Tonnen werden von einer einzigen Stütze in die Höhe balanciert und kragen beiderseits um jeweils 8,76 m aus. Das emblematische Kleinod ist mittlerweile transloziert worden und Teil einer Dieste-Gedenkstätte, ebenfalls in Salto.
Bogenschalen, die anspruchsvolleren Dachtragwerke, spannen in Querrichtung und tragen in Längsrichtung als Bogen, wobei sich Dieste meist der Kettenlinie als effektivster, im Wesentlichen durch Druckkräfte belasteter Bogenform bediente. Die Bogenschalen sind also doppelt gekrümmt, zuweilen im Querschnitt aber auch s-förmig verzogen, wodurch sich bei Addition die Möglichkeit der shedartigen Belichtung der überdachten Hallen ergibt wie etwa bei den offenen Großmarkthallen im brasilianischen Porto Allegre, die 1969 am Beginn einer ganzen Reihe dieses eindrucksvollen Bautyps in Brasilien standen.
Zu den architektonisch bemerkenswertesten Arbeiten zählt sein Umgang mit den beiden aus dem 19. Jahrhundert stammenden Lagerhallen im Hafen von Montevideo. Dieste hatte sich nicht an die Vorgaben eines Wettbewerbs 1977 gehalten, die den Abriss vorsahen, sondern die Sanierung der Umfassungsmauern und die Deckung mit seinem leichten Schalentragwerk vorgeschlagen. Sein Entwurf überzeugte durch die geringen Baukosten und den Erhalt der historischen Gemäuer, die inzwischen unter Denkmalschutz stehen.
Ein 1987 in Montevideo gebautes Einkaufszentrum zeigte hingegen, dass Diestes bautechnische Raffinessen nicht automatisch zu wegweisenden architektonischen Lösungen führten. Das Auffangen von Horizontalkräften in den Außenwänden durch Ausbauchungen ist ästhetisch eher missglückt und die durch die vielfältige Nutzung notwendigen Bauteile und Ausbauten verunklaren das an sich eindrückliche Bauwerk.
Letztlich überzeugen v. a. die Bauwerke des Ingenieurs, die seine genialen Konstrukte in reiner Form zeigen, als frei gestellte Hallendächer zumeist, schwebende Artefakte von betörender Grandezza und hinreißender Eleganz. •

Ingenieurportrait (S. 50)
Falk Jaeger
1950 in Ottweiler geboren. Studium der Architektur und Kunstgeschichte in Braunschweig, Stuttgart und Tübingen; Promotion. Dozent für Architekturtheorie an der TU Dresden; freier Architekturkritiker in Berlin, zahlreiche Veröffentlichungen, Bücher, Fernseh- und Radiosendungen.