Erweiterungen der Hamburger Gymnasien »Johanneum« und »Klosterschule«

Schumachers Schulen

Beim Umgang mit dem Baubestand in Hamburg kommt man um den Namen Fritz Schumacher kaum herum. Dessen – nach heutigen Maßstäben – konservative Schulbauten für aktuelle pädagogische Anforderungen fit zu machen, wirft angesichts knapper Budgets grundsätzliche Fragen auf. Sie sind mit architektonischen Lösungen allein nicht zu beantworten, wie anhand zweier sehr unterschiedlicher Erweiterungsprojekte deutlich wird.

  • Kritik: Ralf Lange
  • Architekten: Studio Andreas Heller Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Riechers
  • Fotos: Werner Huthmacher
Die Gebäude von Fritz Schumacher sind das architektonische Tafelsilber Hamburgs. Von seinem Amtsantritt 1909 bis zu seiner Pensionierung 1933 wusste der spätere Oberbaudirektor den öffentlichen Hochbau der Hansestadt mit sanfter, aber fester Hand zu dirigieren. Es ist allerdings ein ambivalentes Erbe, das Schumacher – 1869 geboren und 1947 gestorben – hinterlassen hat, denn er vermochte sich auch in der Weimarer Republik kaum von den überkommenen Leitbildern zu emanzipieren, sieht man von einigen Konzessionen an den Zeitgeist wie Flachdächer oder Fensterbänder ab. Dies zeigt sich besonders deutlich im Schulbau, wo er sich als resistent gegenüber den damaligen reformerischen Errungenschaften wie Koedukation, Freiluftschulen oder aufgelockerte Pavillonbauweise erwies, wie sie etwa im »Neuen Frankfurt« von Ernst May längst die Regel waren. Schumachers Schulen blieben dagegen konzeptionell der Kaiserzeit verhaftet.
Mäzen ermöglicht Mischfinanzierung
Ein charakteristischer Bau von Schumacher aus der Zeit vor 1914 ist die Gelehrtenschule des Johanneums: ein humanistisches Traditionsgymnasium, das lange Zeit als Eliteschmiede der hamburgischen Oberschicht galt, was seine Vernachlässigung in der sozialdemokratischen Ära erklären mag. Der Dreiflügelbau mit wuchtigem Mansardwalmdach ist streng axial ausgerichtet. Eine Arkade schirmt den Eingangshof ab und unterstreicht die Exklusivität der Bildungseinrichtung. Das Zentrum markiert ein überdimensionales Treppenhaus, an das die Turnhalle und die Aula anschließen, die übereinander angeordnet sind – ein typischer Kunstgriff Schumachers, um die Gebäude zu massiger Wirkung zu steigern, was sich wegen der beengten Raumverhältnisse allerdings auch schon bald als hinderlich für die körperliche Ertüchtigung erweisen sollte. Zusätzlicher Raum ›
› kam erst ein halbes Jahrhundert später durch provisorisch anmutende Pavillons auf dem rückwärtigen Gelände hinzu. Der Sportunterricht wurde dagegen in die City Nord verlagert, wo eine Konzernverwaltung ihre Betriebssportstätten zur Verfügung stellte.
Bei diesen misslichen Verhältnissen wäre es wohl noch länger geblieben, hätte die Schule nicht einer Mensa bedurft, weil auch die Hamburger Bildungspolitik mittlerweile das Konzept der Ganztagsschule favorisiert. Entsetzt über den plumpen Anbau, der hierfür vorgesehen war, erklärte sich ein ehemaliger Absolvent der Schule bereit, stattdessen erhebliche Mittel für ein selbstständiges Mensagebäude zu stiften. Dieses nahm schließlich die Dimensionen eines »Forum Johanneum« an und umfasst nun außer der geforderten Schülerkantine auch noch eine Sporthalle und Räume für den musischen Unterricht. Immerhin rund ein Drittel der Gesamtkosten konnte durch die Privatspende abgedeckt werden, den Rest trug die Stadt. Der Direktauftrag ging an das Studio Andreas Heller. Zunächst mussten jedoch die Kleingärten geräumt werden, die das Gelände jahrzehntelang eingeschnürt hatten. Auch für den so lange vermissten, vollwertigen Sportplatz und einen begrünten Pausenbereich – statt des steinernen Eingangshofes – fand sich nach der Räumung noch ausreichend Platz.
Man sieht der Erweiterung an, dass die Architekten von den Freiheiten profitiert haben, die diese Mischfinanzierung gegenüber der Schulbehörde eröffnet hat. Mit ihren drei Flügeln, die einen terrassierten Vorplatz umschließen, wirkt der Komplex wie eine Paraphrase auf das Schumacher-Gebäude. Auf einen unmittelbaren Anschluss an den Altbau wurde aus gestalterischen Erwägungen verzichtet und die Erweiterung stattdessen in einen respektvollen Abstand gerückt. Auch das Fassadenmaterial, ein dunkelgrauer Klinker aus Dänemark, hebt sich vom Bestand ab, der mit den von Schumacher favorisierten roten Ziegeln verblendet ist. Dennoch bildet das ungleiche Gebäudepaar ein harmonisches Ensemble, was nicht zuletzt an der konventionellen Architektursprache liegt. Die sorgsam ausponderierte Komposition aus drei unterschiedlich hohen, zur Eingangsseite hin sparsam durchfensterten Klinkerkuben erinnert an die Vorkriegsmoderne. Die große Sporthalle ragt mit ihrer Besuchergalerie über das Erdgeschoss hinaus, um das Volumen zu gliedern und zugleich eine witterungsgeschützte Zone vor dem Eingang zu schaffen. Eine goldene Uhr und ein zartes Betongesims, das auf den ersten Blick wie Naturstein anmutet, verleihen dem Gebäude eine dezente Noblesse, die mit dem neoklassizistischen Duktus ›
› des Altbaus korrespondiert. Weitaus nüchterner wirken demgegenüber die vorrangig funktional konzipierten Innenräume, wenn auch Wert auf gediegene Detailqualität gelegt wurde, wie Fußbodenplatten aus Juramarmor, weiß gestrichenes Eschenholz oder hölzerne Handläufe für die Treppengeländer. Wenn überhaupt deutlich gespart werden musste, dann geschah dies dort, wo es weniger schmerzt: Die Flure sind nur 175 statt der vorgeschriebenen 200 Zentimeter breit, was angesichts der einhüftigen Grundrisse tolerabel erschien. Die Mensa ist mit einer kleinen Bühne ausgestattet und lässt sich auch als Aula nutzen – eine wichtige Ergänzung zum großen Saal des Altbaus, der für Vollversammlungen ausgelegt ist. Den einzigen Schmuck bildet ein bleiverglastes Fenster im Treppenhaus, dessen Stege sich zu Efeublättern fügen: das ambivalente antike Sinnbild der Treue und Freundschaft, aber auch der Nacht und des Todes. Eindeutig ist dagegen der Bildungsoptimismus, der aus dem Aristoteles-Motto spricht, das außen die Stirnwand schmückt: paytes ayurvpoi toy eidenai oregontai fysei – »Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen«.
  • Architekten: Thüs Farnschläder Architekten Tragwerksplanung: Nguyen & Partner
  • Fotos: Andrea Flak
Schumachers Schulen: Klosterschule
Ein typischer Schumacher-Entwurf ist auch die kurz nach dem Ersten Weltkrieg fertiggestellte Klosterschule, ein wuchtiger Klinkerbau mit einer symmetrisch gegliederten Pfeilerfassade. Wie fast alle Schulen aus der Schumacher-Ära ist auch dieses Gebäude zweibündig organisiert, das heißt, die Klassen- und Fachräume reihen sich an Mittelkorridoren, die sich nur an den Enden und im Treppenhaus mit Fenstern öffnen. Auch hier bestand Schumachers Ehrgeiz darin, sämtliche Sonderräume einschließlich der Turnhalle und der Aula in eine geschlossene Kubatur zu integrieren. Die Klosterschule bildete ursprünglich ein symmetrisches Ensemble mit zwei weiteren Bauten von Schumacher: der Technischen Staatslehranstalt von 1914 – der heutigen Hochschule für Angewandte Wissenschaften – und einer Handelsschule von 1922. In den siebziger Jahren wurden jedoch zwei grobschlächtige Hochschulbauten dazwischengeschoben, die dem Komplex die stadträumliche Wirkung nehmen. Das muss man wissen, um den monumentalen Charakter der Klosterschule zu begreifen, der heute völlig unangemessen wirkt.
Die Klosterschule wurde 1992 als erstes Hamburger Gymnasium in eine Ganztagsschule umgewandelt. Sie ist für rund 700 Schüler ausgelegt, die sich aus dem gesamten Stadtgebiet rekrutieren und hier besonders intensiv gefördert werden. Die Bildungspolitik hatte für das ehrgeizige Experiment jedoch zunächst nicht mehr übrig als eine Grundsanierung des Gebäudes. Selbst die Cafeteria ließ fünf Jahre auf sich warten: ein zweigeschossiger Pavillon mit Backsteinfassaden und Sprossenfenstern (Entwurf: Architekten Giffey + Thüs), der unvermittelt am Ende des Pausenhofs stand und nicht einmal über eine eigene Küche verfügte. Der Bau eines neuen Klassentraktes in Verbindung mit einer größeren und vor allem vollständigen Mensa – ein Direktauftrag an die Nachfolger Thüs Farnschläder Architekten – bot deshalb eine willkommene Gelegenheit, den isolierten Bau einzubinden.
Die Erweiterung schiebt sich mit einem Geschoss über den Pavillon und umschließt auch dessen Treppenhaus, das aufgestockt und weiter genutzt wurde. Brüstungsbänder verklammern die beiden heterogenen Baukörper. Ihre Verkleidung besteht aus elektrochemisch behandelten Blechplatten, die in Rot, Violett und Braun changieren – dem Farbspektrum von Schumachers Klinkerfassaden.
Das Ergebnis ist eine kompromisslose Hard-Edge-Architektur, kantig und eigenständig, die keinerlei Konzessionen an das historische Nachbargebäude macht, sieht man vom dem mit rotem Backstein verblendeten Sockelgeschoss ab, das jedoch primär auf den Cafeteria-Pavillon reagiert – sonst hätten die Architekten wohl Klinker gewählt. Wer jetzt die Mensa nutzten möchte, braucht zwar nicht mehr bei Wind und Wetter den Schulhof zu überqueren, muss sich aber weiterhin durch den gesamten Altbau bewegen, der lediglich im ersten Obergeschoss über eine gläserne Brücke mit der Erweiterung verbunden ist. So weisen denn auch beide Entwürfe, die Erweiterung der Klosterschule und das Forum Johanneum, bei unbestreitbar hoher gestalterischer Qualität, funktionale Nachteile auf, die sie nur bedingt exemplarisch für den weiteren Umgang mit den Schumacher-Bauten machen: hier die überlangen Wege, dort der Verzicht auf eine witterungsgeschützte Anbindung. Die Alternative kann deshalb wohl nur darin bestehen, künftig die Altbauten umzustrukturieren und ihre Flächenreserven auszuschöpfen. Hierfür bieten sich neben den Aulen in erster Linie die Turnhallen an, die auf jeden Fall ausgegliedert werden sollten. Und warum nicht auch über unkonventionelle Lösungen nachdenken, zum Beispiel einen Innenausbau nach dem Haus-im-Haus-Prinzip, ›
› um die hohen Säle besser auszunutzen? Dann lägen die Mensen und möglichst auch noch die Garderoben und die Aufenthaltsräume für die Schüler endlich dort, wo sie hingehören, nämlich im Zentrum der Gebäude und nicht in Annexen, die nur über Umwege oder ungeschützte Freiflächen zu erreichen sind. Die Verehrer Fritz Schumachers sollte dies am wenigsten stören, denn auf diese Weise werden aus seinen starren Klinkergehäusen nicht nur lebendige Lernorte, sondern auch lebendige Denkmäler mit Zukunftspotenzial. •
Erweiterung »Johanneum«
  • Bauherr: Forum Johanneum GmbH, Hamburg Architekten: Studio Andreas Heller GmbH, Hamburg, Andreas Heller und Sona Kazemi Mitarbeiter: Laurenz Plaßmann, Peter Karn, Gerald Kappelmann, Cornelia Zenner Bauleitung: Kreitz Kopf + Partner, Hamburg Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Riechers, Hamburg Landschaftsgestaltung: WES & Partner Landschaftsarchitekten, Hamburg, Wolfgang Betz Haustechnik: Heinze Stockfisch Grabis + Partner GmbH, Hamburg Akustik: Taubert und Ruhe GmbH, Halstenbek Nettogrundfläche: 2228 m² Bruttorauminhalt: 10 753 m³ Baukosten: 5,7 Mio. Euro (inklusive Außen- und Sportanlagen) Baubeginn: Januar 2006, Eröffnung: März 2007 Auszeichnung: 2. Preis BDA Hamburg Architektur Preis 2008
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: d & b Bau, Niederlassung Rhein-Ruhr, Mülheim/R., www.db-bau.de Außenschale (zweifach gebrannter Kohlebrandziegel »Kolumba«): Petersen Tegl A/S, Broager (DK), www.db-bau.de Bodenbeläge: Armstrong DLW AG, Bietigheim-Bissingen, www.db-bau.de
  • Erweiterung »Klosterschule«
  • Bauherr: BBS Behörde für Bildung und Sport, Hamburg Architekten: Thüs Farnschläder Architekten, Hamburg Projektleitung: Michael Thüs, Axel Farnschläder Mitarbeiter: Alfred Klein, Christel Reinhard Tragwerksplanung: Nguyen & Partner, Hamburg Haustechnik: IPV-Planung, Reppenstedt IuK-Planung (Information und Kommunikation): Dataport, Hamburg Nutzfläche: 1400 m² Baukosten: 4,7 Mio. Euro Bauzeit: Februar 2006 bis Mai 2007
  • Beteiligte Firmen: Rohbau: Höhns-Bau GmbH & Co. KG, Bothel, www.hoehns-bau.de Bockhorner Verblendklinker: Carl Schwarting GmbH & Co.KG, Varel-Borgstede, www.hoehns-bau.de Edelstahlblech: Inox-Color GmbH & Co.KG, Walldürn, www.hoehns-bau.de Brandschutzbeschichtung: Sika Korrosionsschutz GmbH, Vaihingen/Enz, www.hoehns-bau.de Trockenbau: Danogips GmbH + Co. KG, Neuss, www.hoehns-bau.de Teppichboden:Vorwerk & Co. KG, Wuppertal, www.hoehns-bau.de Akustikdeckenplatten: Saint-Gobain Ecophon GmbH, Lübeck, www.hoehns-bau.de, und Danogips, Neuss, www.hoehns-bau.de Silikat-Wandfarbe: Keimfarben GmbH & CO.KG, Diedorf, www.hoehns-bau.de