Maggie's Centres: Beratungszentren für Krebspatienten

Mit dem Krebs leben

Studien legen nahe, dass jene Krebspatienten mit ihrer Situation am besten fertig werden, die sie entweder ignorieren oder sich besonders aktiv damit beschäftigen. Damit sich eine solche Auseinandersetzung als fruchtbar erweist, hat die Stiftung »Maggie Keswick Jencks Cancer Caring Centres Trust« vor 15 Jahren das erste von mittlerweile zehn Beratungszentren eröffnet. Der Schwerpunkt liegt auf gezielter Information und Selbstbestimmung – und auf einer wohltuenden, architektonisch sorgfältig gestalteten Umgebung.

Text: Dagmar Ruhnau Fotos: Philippe Ruault, Allan Forbes, Werner Huthmacher

Ausschlaggebend für die Gründung der Maggie’s Centres waren die Erlebnisse von Maggie Keswick Jencks, Landschaftsarchitektin und Frau des Architekturkritikers und Landschaftsarchitekten Charles Jencks, während ihrer eigenen Krebserkrankung. Statt einer antiseptischen Krankenhausumgebung hätte sie sich einen geschützten Raum gewünscht, um all das verarbeiten zu können, was mit der Diagnose auf einen Patienten zukommt: eine Flut von Informationen, die ausgewertet und beurteilt werden müssen, die Entscheidung über eine Therapie, Fragen nach Kosten und finanzieller Unterstützung. Maggie Keswick starb 1995, doch in den letzten beiden Jahren vor ihrem Tod entwickelte sie mit ihrem Mann und ihrer Krankenschwester das Konzept, nach dem die Zentren bis heute gebaut werden. Im Dezember 2011 wurde der zehnte Bau übergeben.
Maggie’s Centres bieten genau das, was Krankenhäuser nicht leisten können: persönliche Antworten auf Fragen zu finden, Abstand, die Möglichkeit, immer und immer wieder nachzufragen, Schritt für Schritt den besten Umgang mit der Krankheit zu lernen. In den Zentren, die meist an eine Klinik angegliedert sind, finden Patienten und Angehörige Informationen, Gesprächsmöglichkeiten mit medizinischen und psychologischen Fachleuten sowie Kurse z. B. zu Stressmanagement oder Ernährung. Aber es ist auch möglich, hier nach einem Besuch im Krankenhaus etwa einfach eine halbe Stunde Ruhe zu finden. Nicht nur akut Erkrankte können das regelmäßig evaluierte Angebot kostenfrei in Anspruch nehmen, sondern auch Patienten nach der Therapie, Pflegende oder Trauernde. Finanziert werden die Zentren, deren laufende Kosten mit jährlich je gut 1 Mio. Pfund veranschlagt werden, durch Spenden; von der Familie Jencks selbst über große Institutionen bis hin zu Fundraising-Events, bei denen Privatpersonen zuletzt 700 000 Pfund gesammelt haben.
Schützender Hybrid
Doch Information, Beratung und Kurse sind nicht alles. Ganz besonders die emotionale Situation der Betroffenen muss einen adäquaten Raum bekommen, sie sollen Anerkennung ihres Leidens erfahren. Dem trägt die Aufgabenbeschreibung Rechnung, die die Gestaltung dem jeweiligen Architekten überlässt, doch den Inhalt präzise vorgibt: Größe ca. 280 m², wohnungsähnlicher Maßstab, die Stimmung freundlich und ruhig, viel Licht, Blick nach draußen und direkte Verbindung von innen und außen. Bereits vom Eingangsbereich aus soll sich das Gebäude erfassen lassen, v. a. Wohnzimmer und Küche sichtbar sein. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen – auch für sie drückt die Umgebung Wertschätzung aus. Um jeglichen institutionellen Charakter zu vermeiden, gibt es keine Rezeption, doch ein stets besetztes Büro stellt sicher, dass neue Besucher ›
› schnell willkommen geheißen werden können. Das Herzstück stellt die Küche mit einem Tisch für 12 Personen dar. Hier finden sich die Besucher in informellen Gesprächen oder können einen Tee für sich selbst kochen; Seminare und Kochkurse sind ebenfalls möglich. Es gibt Gruppenräume für 12-14 Personen, die durch Schiebetüren schallgeschützt abtrennbar sind, ebenso kleine Räume für private Beratungsgespräche und einige Computerarbeitsplätze, eine Bibliothek sowie einen kleinen Ruheraum. Auch für die Toiletten gibt es Vorgaben: Sie sollen groß genug sein, dass ein Stuhl und ein Bücherregal hineinpassen – und so privat, dass man sich in Ruhe ausweinen kann.
Bunte Anfänge
Diese vielschichtigen Anforderungen auf verhältnismäßig kleinem Raum führen zu einer (gewollten) Überlagerung der Funktionen und Bedeutungen. Entsprechend vielfältig sind die Entwürfe der Architekten, sämtlich Freunde des Ehepaars Jencks. Darunter finden sich einige große Namen: Frank Gehry, Zaha Hadid, Richard Rogers, Kisho Kurokawa. Das ist natürlich hilfreich beim Spendensammeln. Jencks selbst kommentiert es so: »Wenn ein Architekturhistoriker älter geworden ist, sind manche seiner Bekannten mittlerweile berühmt. Wäre es nicht so, wäre er kein besonders guter Kritiker.«
Das erste Maggie’s Centre (s. Abb. 3/4) wurde 1996 in Edinburgh auf dem Gelände des Western General Hospital von Richard Murphy Architects geplant. Es ist ein Umbau, erkennbar aus den 90er Jahren und extrem wohnhausartig. Die dicken Steinmauern wurden geöffnet und mit Glasbausteinen sowie raumhohen Verglasungen ausgefacht, neue Stahlbauteile und Oberflächen in kräftigen Farben gestrichen. Der zweigeschossige Eingangsbereich ist von einem Oberlicht gekrönt und erlaubt den Blick in alle Richtungen: in die Küche, zu den Beratungsräumen im EG und DG und in einen der zwei Anbauten von 2001, eine Stahl-Holz-Konstruktion, in der sich das farbenfrohe »Wohnzimmer« befindet. Durch seine orthogonale Positionierung definiert der Anbau eine Art Hof, der trotz beschränkter Platzverhältnisse einen privaten Raum bietet.
Abweichung oder Weiterentwicklung?
Der Garten der Maggie’s Centres stellt eine wichtige Fortsetzung des Innenraums dar. Aus der Küche soll man einfach nach draußen kommen können, um dort Energie zu tanken, die Sinne anregen zu lassen, zu plaudern oder bei Interesse auch zu gärtnern. In der Regel sind an der Gestaltung Landschaftsarchitekten beteiligt. Charles Jencks selbst übernahm sie beim von PagePark gebauten Maggie’s Centre in Inverness (2005), auf Bitte der Architekten. Tochter Lily Jencks, ebenfalls Landschaftsarchitektin, gestaltete das Gelände und den inneren Garten des achten Zentrums, von Rem Koolhaas/OMA, das vergangenen Oktober am Beatson Hospital im Glasgower Stadtteil Gartnavel eröffnet wurde. Bewusst war ein nach Süden geneigtes, dicht mit Bäumen bestandenes Gelände gewählt worden, zwischen denen das eingeschossige Gebäude fast verschwindet und die einen Puffer Richtung Krankenhaus bilden. Der Bau ist als Rundgang organisiert, der dem Geländeverlauf folgt. Mehrere Kerne und massive Wände reihen sich lose rund um einen inneren Garten, verbunden durch große, raumhohe Glasflächen. In vielerlei Hinsicht brechen OMA mit der üblichen Gestaltung: Abgesehen von Holzeinbauten und Birkenbrettern in der Betondecke herrschen Glas, Beton und Edelstahl vor – die wohl durchaus akustische Probleme bereiten. Selbst die Wohnküche steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern wird sanft zur Seite geschoben und so zum Auftakt des Rundgangs – sofern man sich nach links wendet. Und gerade diese Verkehrsfläche, die in den anderen Zentren mit den übrigen Nutzungen verschmilzt, dominiert hier das Gebäude.
Die Lebensfreude nicht verlieren
Der Erfolg der Maggie’s Centres überraschte selbst die Stiftungsgründer. Dauerte es nach dem Erstling 1996 noch sechs Jahre, bis das zweite Zentrum gebaut wurde, folgten die nächsten 2003, 2005, 2006, 2008, 2010 – und 2011 sogar drei. Die Statistik besagt, dass jeder dritte Brite im Lauf seines Lebens an Krebs erkrankt. Da Krebs auch eine Alterserkrankung ist, wird sich dieser Anteil mit steigender Lebenserwartung voraussichtlich auf 50 % erhöhen, in manchen Teilen Schottlands ist das bereits der Fall. Angesichts dieses Bedarfs wurde 2007 die Kampagne »Joy of Living« ausgerufen, mit der 15 Mio. Pfund für fünf neue Zentren gesammelt wurden. Zusätzlich gibt es seit 2008 ein Online-Zentrum für jene, die zu weit weg wohnen oder zu krank sind. Weitere Zentren sind im Bau oder in Planung, darunter sogar eins in Barcelona und eins in Hongkong (Frank Gehry), wo Maggie Keswick Jencks aufwuchs. •
Eine ausführliche Dokumentation zeigt die einzelnen Zentren und erläutert die verschiedenen Aspekte der Architektur der Maggie’s Centres: Charles Jencks, Edwin Heathcote: Architecture of Hope, 2010; www.maggiescentres.org