[1] Die Olympischen Spiele in St. Louis 1904 fanden z. T. auf der grünen Wiese statt, dauerten insgesamt länger als vier Monate und gingen deshalb in den Festivitäten der gleichzeitig stattfindenden Weltausstellung unter
[2] Große Teile im Norden des Olympiaparks sind bereits renaturiert. Velodrom und Basketball-Arena ragen über die Wipfel hinaus
[3] Abbruchkandidaten: Teile des Olympiastadions, die Tribünen des Schwimmstadions (links) und der gesamte Wasserball-Bereich (rechts) werden nach den Spielen abgebaut und wiederverwendet
Nachhaltige olympische Bauten – wie weit ist London auf diesem Weg vorangekommen?

Märchen oder Realität?

Olympische Bauten bergen das Potenzial, den jeweiligen Austragungsorten ein völlig neues Gepräge zu geben und sogar eine neue Stadtsilhouette zu formen. Im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten stehen heute aber nicht mehr nur die Einmaligkeit und die Innovationen des Mega-Events im Vordergrund, sondern die olympischen Ikonen schmücken sich mehr und mehr mit »grünen« und nachhaltigen Eigenschaften. Insbesondere mit den Spielen von London wollte man unter dem Motto »Die nachhaltigsten Spiele der Geschichte« neue Standards für Großveranstaltungen und deren Baumaßnahmen schaffen. Doch ist dies tatsächlich gelungen? Eine Reihe von Fragen bleibt offen.

Text: Natalie Eßig

Eigentlich darf man die olympischen Spiele und den Begriff Nachhaltigkeit gar nicht in einem Atemzug nennen. Denn die Auswirkungen solcher Mega-Events sind immens. Nicht nur der »ökologische Rucksack« der Großveranstaltung wirkt sich stark auf die Olympiaorte aus, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Einflüsse auf das Stadt- und Landschaftsgefüge: Zwangsumsiedlungen (Atlanta 1984, Peking 2008 und Sotschi 2014), Staatsverschuldung, ungenutzte Sportanlagen (Montreal 1976 und Athen 2004). Mitunter bringen Olympische Spiele für die Gaststädte über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg (von der Bewerbung bis zur Austragung) die größten Baumaßnahmen ihrer Geschichte mit sich und beschleunigen die Stadtentwicklung um Jahrzehnte. Im günstigsten Fall lassen sich dabei aber auch die sozialen Ausgangsbedingungen verbessern, z. B. durch Stadterneuerung und die Förderung der Infrastruktur – so geschehen in Barcelona 1992 und in Turin 2006. Es ist nun keineswegs zu früh, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.
Etappe Nachhaltigkeit?
Die Entwicklung der Olympischen Sportarchitektur als eigene Gebäudetypologie vollzog sich in Etappen. Ab der Wiedereinführung der Olympischen Spiele 1896 (Athen) fanden die Sportwettkämpfe zunächst als Bestandteil von Weltausstellungen im Freien oder in der Olympischen Hauptkampfbahn statt. Ab 1920 (Antwerpen) entwickelte sich der Typus des Olympia-Stadions mit standardisierten Maßen. Mit den Sommerspielen von Helsinki 1952 wurden die heutigen Prestigearenen und Spezialsportbauten eingeführt. Die immer spezieller werdenden Anforderungen einzelner Sportarten, der enorme Anstieg der Athletenzahlen und die stets wachsende Medienpräsenz bewirkten eine steigende Anzahl an benötigten Bauten. Durchschnittlich werden heute für Sommerspiele 25 bis 30 und für Winterspiele 10 bis 15 Wettkampfstätten errichtet. Bedingt durch die gigantischen Ausmaße der Spiele rückte in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr die Problematik der fehlenden Nachnutzung in den Vordergrund. In der olympischen Geschichte gibt es unzählige Beispiele sogenannter White Elephants, d. h. überdimensionierter Wettkampfstätten, die ausschließlich für die Besuchermassen des Mega-Events, jedoch ohne Nachnutzungskonzepte errichtet wurden und somit leer stehen und hohe Unterhaltungskosten verursachen. Wohlbekannte Beispiele sind die Athener Sportbauten von 2004 oder das Olympia-Stadion von Sydney 2000, dessen Betreiber bereits kurze Zeit nach den Spielen Konkurs anmeldeten. Dies führte zu einer neuen Etappe im olympischen Sportstättenbau, nämlich zu einem ersten Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit. Mit den Sommerspielen von London soll diese Entwicklung nun einen neuen Höhepunkt finden.
Nachhaltigkeit bei Olympischen Spielen und deren Baumaßnahmen ist keine Neuerfindung der heutigen Zeit. Erste Umweltschutzproteste gab es bereits 1932 bei den Winterspielen im amerikanischen Lake Placid. Ein Gerichtsbeschluss verhinderte schließlich die Errichtung der Bobbahn in der bis dahin unberührten Naturlandschaft. Diese Entscheidung gilt bis heute als einer der wichtigsten Rechtssprüche zum Umweltschutz des Staats New York. Allerdings fanden Nachhaltigkeitsansätze bei Olympischen Spielen erst sechs Jahrzehnte später bei den sogenannten ersten »Green Games« von Lillehammer erneut Beachtung. Der Begriff der »Nachhaltigkeit« kam zum ersten Mal in Barcelona 1992 auf. Die damalige Bedeutung des Worts »Sustainability« ist aber mit heutigen Nachhaltigkeitsaspekten und den ökologischen Planungszielen von Lillehammer 1994 und Sydney 2000 nicht zu vergleichen, sondern basierte vorrangig auf der Verbesserung gesellschaftlicher Aspekte. Im Vordergrund standen die Regeneration der Stadt und die Schaffung eines zukunftsfähigen postolympischen Erbes, wie die Öffnung der Altstadt zum Meer und die Revitalisierung der ufernahen Industriebrachen (s. auch S. 50). Den Höhepunkt der ökologischen Planungen stellen bislang die »Grünen Spiele« von Sydney dar. Dort entstanden in Zusammenarbeit mit dem Organisationskomitee die »Greenpeace Olympic Environmental Guidelines«, Umweltrichtlinien für Olympische Spiele und deren Baumaßnahmen. Seit damals arbeiten Umweltschutzorganisationen intensiv bei der Umsetzung von nachhaltigen Sportgroßveranstaltungen mit. ›
Ansätze des IOC
Die erste Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf Umweltfragen erfolgte bei den Winterspielen von Lillehammer nur auf den enormen Druck der Umweltinitiativen hin. Dies führte zu IOC-internen Aktivitäten wie der Verankerung eines Umweltparagrafen in der Olympic Charter, der Satzung des IOC, zur Einrichtung einer Umweltkommission und zur Ernennung der Umwelt als dritte Dimension des Olympismus. Das IOC hat sich jedoch viel zu spät und zu zögerlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Erst heute beginnt – bedingt durch den internationalen Mediendruck – ein erstes Umdenken. Neue verpflichtende Vorgaben des IOC für die Bewerbungs- und Austragungsorte, wie die Erstellung eines Nachhaltigkeits- und Nachnutzungskonzepts, der interne Wissenstransfer, die Forderung nach einem Masterplan und eine stetige Nachhaltigkeitsberichterstattung und -bewertung, sind erste Schritte hin zu nachhaltigeren Spielen.
London 2012 und die Nachhaltigkeit der Olympischen Sportanlagen
Mit den Olympischen Sommerspielen, die nun zum dritten Mal in London stattfinden, bemüht sich die Metropole auf internationaler Ebene einen Umbruch in Sachen Nachhaltigkeit zu bewirken. Ein Hauptziel ist hierbei die Komplettrevitalisierung einer 2,5 km² großen Industriebrache im Osten Londons und deren langfristige Nachnutzung. Die Ziele des Masterplans basieren auf den zehn Grundprinzipien des Nachhaltigkeitskonzepts »One Planet Living«, das von der Olympic Delivery Authority (ODA), der Organisation BioRegional und dem World Wildlife Fund (WWF) bereits für die Bewerbung erstellt wurde. Dieses Konzept wurde 2007 mit messbaren Zielen und Kerngrößen im Rahmen der »Sustainable Development Strategy« auf Gebäudeebene umgesetzt. Hierbei ragen neben dem Triple-R-Konzept (Rekultivierung, Recycling und Rückbau), der Messung und Minimierung der CO2-Emissionen und der Umsetzung aller Baumaßnahmen mit dem »Excellent«-Standard des britischen Bewertungslabels BREEAM insbesondere die gigantischen temporären Baumaßnahmen heraus. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte Pierre de Coubertin, der Gründer der neuzeitlichen Spiele, den Einsatz von Temporärbauten gefordert. Es blieb jedoch bei vereinzelten Projekten. In London stellt die Errichtung temporärer Gebäude nun erstmalig ein Hauptziel des Events dar. Im Zentrum steht hierbei nicht die Inszenierung des Bauwerks, sondern die des Orts.
So werden die Reitwettkämpfe im allseits bekannten Greenwich Park oder die Beachvolleyballspiele vor der historischen Kulisse der Horse Guards Parade durchgeführt. Wieder abgebaut werden die Basketball- und Wasserball-Arenen, und zahlreiche weitere Sportstätten erfahren wie die Schwimmhalle von Zaha Hadid einen Teilrückbau. Die wohl bekannteste Teilrückbaustrategie war aufgrund fehlender Nachnutzungsmöglichkeiten für das Olympiastadion der Architektengruppe Populous vorgesehen: Erstmalig in der Geschichte der Olympischen Spiele sollte die Kapazität eines Olympiastadions nach den Spielen durch die Demontage des oberen Tribünenrings von 80 000 auf rund 25 000 Plätze rückgebaut werden. Die Umsetzung ist, ebenso wie zahlreiche andere Nachhaltigkeitsversprechungen des Londoner Organisationskomitees, längst nicht mehr sicher. Für 2017 sind die Leichtathletikweltmeisterschaften zugesagt und man denkt derzeit über eine permanente Erhaltung von mindestens 60 000 Sitzplätzen nach. Dies ist einerseits positiv, da für die geplante WM ein innovatives Stadion zur Verfügung steht. Andererseits wird es aber nur bedingt gebraucht, denn die Metropole London besitzt bereits zahlreiche weltbekannte Großveranstaltungsbauten wie das Wembley Stadion oder die O2-Arena. Somit steht dem Olympiastadion – ähnlich wie vorherigen Austragungsorten – aufgrund mangelnder Nachnutzung und Überdimensionierung eine unsichere Zukunft bevor.
London 2012 und BREEAM
Ein bedeutender – wenn auch kleiner – Baustein der olympischen Nachhaltigkeitsstrategie von London 2012 ist die Bewertung aller langfristigen olympischen Baumaßnahmen mit dem Mindeststandard »Excellent« des britischen Bewertungssystems BREEAM (BRE Environmental Assessment Method). Hierbei wurde vom BRE (Building Research Establishment) auf nationaler Ebene mit dem Rahmenwerkzeug BREEAM Bespoke eine Bewertungsversion für den Typus der olympischen Wettkampfbauten geschaffen. Grundlage dieser Entwicklung ist die Forderung des IOC, für alle olympischen Bauten bereits während der Kandidaturphase eine Nachhaltigkeitsbewertung durchzuführen. Diese Anforderung wurde bislang von den verschiedenen Austragungsorten mit unterschiedlichen Bewertungswerkzeugen erfüllt. Zum einen griff man auf bestehende nationale Bewertungs- und Zertifizierungsinstrumente, wie LEED oder BREEAM, zurück, zum anderen wurden von den Organisationskomitees spezielle Bewertungsinstrumente entwickelt, die nach den Spielen als Ausgangsbasis für neue nationale Zertifizierungssysteme dienten.
Folgende Bewertungsmethoden für Sportbauten wurden bislang bei Olympischen Spielen eingesetzt:
  • Sydney 2000: ESD (Environmental Sustainable Development) – neues Bewertungssystem für olympische Wettkampfstätten und Weiterentwicklung zum australischen Bewertungssystem Green Star
  • Salt Lake City 2002: LEED NC (New Construction) – bestehendes Bewertungssystem für Neubauten
  • Beijing 2008: GOBAS (Green Olympic Building Assessment System) – neues Bewertungssystem für olympische Wettkampfstätten und Weiterentwicklung zum chinesischen Bewertungssystem GBAS
  • Vancouver 2010: LEED NC Canada (New Construction) – bestehendes Bewertungssystem für Neubauten
  • London 2012: BREEAM Bespoke – bestehender Bewertungskatalog für Sonderbauten und Weiterentwicklung für olympische Wettkampfstätten (neue Gebäudetypologie)
  • Sotchi 2014: BREEAM Russia – bestehender Bewertungskatalog und Weiterentwicklung für Olympische Wettkampfstätten (neue Gebäudetypologie)
  • Rio de Janeiro 2016: LEED NC (New Construction) – bestehendes Bewertungssystem für Neubauten
Nicht stehenbleiben!
Ein abschließendes Urteil über den Erfolg oder Misserfolg der Londoner Spiele lässt sich noch nicht abgeben, sondern wird erfahrungsgemäß erst in einigen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten möglich sein. Erste spürbare Erfolge sind die internationale Verbreitung der Londoner Nachhaltigkeitsprinzipien und die Schaffung eines Nachhaltigkeits-Bildungsprogramms für alle an der Entstehung des Olympic Parks beteiligten Personen. Dass Olympische Spiele – insbesondere im Bausektor – zu einem nachhaltigen Vermächtnis an die kommenden Generationen beitragen können, zeigen die Errungenschaften früherer Spiele:
  • Einführung und Verbesserung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsgesetzen und Baustandards
  • Förderung von energieeffizienten und ökologischen Technologien im Bauwesen
  • Entwicklung von Planungswerkzeugen zur Bewertung und Verbesserung der nachhaltigen Gebäudequalität
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatte Pierre de Coubertin eine Auszeichnung für olympische Bauten gefordert, damals stand die Gestaltung im Vordergrund. Dieser Gedanke sollte jetzt im Rahmen der Nachhaltigkeitsbewertung erneut aufgegriffen werden, da die Beurteilung der Sportbauten bei Olympischen Spielen auch eine Wiederbelebung des Bewertungsansatzes von Coubertin bedeuten würde. Die Auszeichnung könnte, ähnlich wie bei herkömmlichen Bewertungsmethoden, als eine »Green Medal« für die nachhaltigsten Wettkampfstätten durch das IOC im Rahmen der Olympischen Spiele verliehen werden. Somit ließe sich die Nachhaltigkeit der Spiele und ihrer Bauten für alle Welt sichtbar machen. •
Weitere Informationen:
  • Hattie Hartman, London 2012 Sustainable Design, Delivering an Olympic Legacy (in englischer Sprache), John Wiley & Sons, Hoboken 2012
  • Pierre de Coubertin, Une Olympie Moderne, in einem Sonderdruck der Revue Olympique, IOC, Paris 1910
  • Natalie Eßig, Nachhaltigkeit von Olympischen Bauten, Fraunhofer IRB Verlag, Stuttgart 2010
  • Philippe Furrer, Sustainable Olympic Games. A dream or a reality?, in: Bollettino della Società Geografica Italiana, Serie 12, Volume 7, Ausgabe 4, 2002
  • Monika Meyer-Künzel, Der planbare Nutzen. Stadtentwicklung durch Weltausstellungen und Olympische Spiele, Dölling & Galitz, Hamburg 2001
  • Olympic Delivery Authority, Sustainable Development Strategy, London 2007
  • Martin Wimmer, Bauten der Olympischen Spiele, Edition Leipzig 1975
  • www.olympic.org/documents-reports-studies-publications

  • Nachhaltigkeit (S. 24)
    Natalie Eßig
    Architekturstudium an der TU Darmstadt und am Politecnico di Torino (I). Seit 2003 Tätigkeit als Architektin. 2004-08 Promotionsstipendium an der TU Darmstadt und der University of Technology, Sydney; Thema »Nachhaltiges Bauen und Sportstättenbau«. Seit 2008 Lehrtätigkeit an der TU München und Zertifizierungen am Fraunhofer-Institut für Bauphysik.