… in die Jahre gekommen

Kubushäuser in Rotterdam (NL)

1984 wurde in Rotterdam einer der eigentümlichsten Wohnungsbaukomplexe Europas eröffnet: die Kubuswohnungen, auch bekannt als Würfel- oder Baumhäuser. Noch immer sind die Häuser bewohnt. Den öffentlichen Raum zu ihren Füßen bevölkern allerdings beinah nur Touristen.

  • Architekt: Piet Blom
  • Kritik: Anneke Bokern Fotos: Collection Het Nieuwe Instituut, Ossip van Duivenbode, Personal Architecture, René de Wit
Die Kubushäuser sind einer der wunderlichsten Gebäudekomplexe in Rotterdam – und das will etwas heißen, denn die Hafenstadt ist bekanntlich nicht gerade arm an Architekturexperimenten. Aber an kaum einem anderen Projekt scheiden sich derart die Geister wie an dem 1982-84 entstandenen strukturalistischen Konglomerat aus 38 Würfelhäusern, drei Großkuben, einem Hochhaus und einem Apartmenthaus, alle entworfen von Piet Blom. Die Kubushäuser zieren Ansichtskarten und Bucheinbände und sind als Faltbausatz und Kühlschrankmagnete erhältlich; jährlich besuchen 34 000 Neugierige die von einem der ersten Bewohner bereits 1984 eingerichtete Museumswohnung. Und doch sind die Häuser ein Experiment und ohne Nachfolge geblieben.
Piet Blom wurde 1934 geboren und wuchs im Jordaan auf, einem dörflich anmutenden Stadtteil von Amsterdam, in dem vielköpfige Arbeiterfamilien in winzigen Wohnungen hausten und sich das Leben hauptsächlich auf der Straße abspielte. Er studierte Architektur bei Aldo van Eyck, was ihn in seiner Vorliebe für kleinteilige Stadt- und Wohnstrukturen bestärkte. 1962 gewann er den Prix de Rome, einen der prestigereichsten niederländischen Förderpreise für junge Architekten, und nutzte das Preisgeld, um seine Idee vom »Wohnen als städtisches Dach« in Gestalt von Pfahlhäusern auszuarbeiten. Zehn Jahre später konnte er mit der »Kasbah« in Hengelo den ersten Pfahlwohnungskomplex realisieren. Kurz darauf wurde er zu einem Informationsabend in der Stadt Helmond eingeladen. »Ich war dort, um mit Bürgern über ein Projekt für ein Wohngebiet mit Kulturzentrum zu sprechen«, erinnerte Blom sich. »Plötzlich stand ein Textilarbeiter mit dickem Bierbauch auf. ›Wieso können wir nicht einfach wie Affen auf den Bäumen wohnen?‹, fragte er. Ich war begeistert.« Ein Jahr später wurden in Helmond die ersten 37 Kubus- oder Baumhäuser gebaut: eine Zellenstruktur aus würfelförmigen, auf eine Ecke gestellten Baukörpern über einer sechseckigen Stütze, mit insgesamt 18 Wohnungen und einem (2011 abgebrannten) Theater. ›
Florentinisches Vorbild
Blom hatte den Nerv der Zeit getroffen: Die Großbauten der Spätmoderne waren passé, man sehnte sich wieder nach dem menschlichen Maß in der Architektur. Dies galt gerade auch für die Nachkriegsstadt Rotterdam, die von vielen als unwirtlich empfunden wurde. In den 70er Jahren erfolgten deshalb erste Bemühungen, mehr Leben in die Innenstadt zu bringen und den Fokus weg von Verkehrsplanungen hin zu Wohnungsbauprojekten mit erwünscht verspieltem Charakter zu verschieben. 1977 gab der Stadtrat bei Blom eine Studie zur Bebauung einer Brache zwischen der Hauptverkehrsstraße Blaak und dem Alten Hafen in Auftrag. Blom entschied sich für eine Wohnüberbauung der Straße, um eine Fußgängerverbindung zwischen dem Hafen und dem Marktplatz und der Bibliothek an der Binnenrotte zu schaffen. Als Vorbild nannte er – nicht ohne Ambition – den Ponte Vecchio in Florenz.
Der ursprüngliche Plan umfasste 55 Kuben, die später auf 38 Wohnkuben, drei Großkuben und ein Hochhaus (in Rotterdam wegen seiner Form als »Bleistift« bekannt) reduziert wurden. Zwischen den Stützen befinden sich kleine Ladengeschäfte. Blom wollte ein Dorf in der Großstadt schaffen, das einen sicheren Ort zum Spielen für Kinder und eine verkehrsfreie Fußgängerverbindung über die Straße bilden würde. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass nicht sehr viele Familien mit Kindern in die Kuben ziehen wollten und dass die meisten Fußgänger den direkten Weg über die Straße bevorzugen. So zeigte sich die Passage längst nicht so belebt wie beabsichtigt. Das änderte sich erst ein wenig, als die zwei Großkuben auf der Südseite – in denen bis 1998 die Rotterdamer Bauakademie untergebracht war – 2009 zur Jugendherberge mit 250 Betten umgebaut wurden. Im Großkubus am Nordende des Komplexes befand sich lange ein Lasergame Center, bis 2013 betreute Wohnungen für 20 entlassene Straftäter darin untergebracht wurden. Beide Umbauten wurden von Personal Architecture aus Rotterdam entworfen. Während die Jugendherberge eher zweckmäßig in fröhlich-bunten Pfirsichtönen eingerichtet ist, gestalteten sie den zweiten Großkubus minimalistisch mit viel Weiß und hellem Holz. In diesem Gebäude liegt auch ein mehrgeschossiges Foyer, in dem deutlich wird, welche Raumwirkung die Kubusstruktur mit ihrem ungewöhnlichen Lichteinfall und schrägen Wänden entfalten kann. ›
Für jede Stimmung ein Geschoss
Natürlich verlief die Unterbringung von Straftätern im Superkubus nicht ohne Protest von Anwohnern. Eine Bewohnerkommission warnte sogar, dass die schrägen Wände in den Kuben, verheerende Effekte auf psychisch labile Bewohner haben könnten. In der Tat ist in den Häusern beinahe nichts vertikal, außer den Wänden des Treppenhauses im sechseckigen Fuß. Er besteht aus drei tragenden Betonstützen, ausgefacht mit Betonwerksteinen. Der Kubus selber hat Betonböden umschlossen von einer Holzkonstruktion, die mit Steinwolle bedeckt und mit Zementfaserplatten bekleidet ist. Im Innern befinden sich drei Geschosse: unten das »Straßenhaus« mit Küche und Wohnzimmer, darüber das »Himmelhaus« mit zwei Schlafzimmern, und ganz oben die pyramidenförmige »Laubhütte«. »Für jeden Moment des Tages und für jede Stimmung gibt es ein Geschoss, in dem man zu sich selbst finden kann«, so Blom. Im ursprünglichen Entwurf ist in die Laubhütten ein Balkon oder ein Gärtchen integriert, aber aufgrund des Standorts über der stark befahrenen Straße wurden sie in Rotterdam geschlossen ausgeführt. Die Fenster sind so platziert, dass man vom ersten Stock auf die Straße und vom zweiten Stock in den Himmel schaut, jedoch nie den Horizont sieht.
Offiziell bietet jeder Würfel 100 m² Wohnraum – wobei Dachschrägen in den Niederlanden nicht von der Wohnfläche abgezogen werden und die Treppen so schmal und steil sind, dass sie in Deutschland nur als Notleitern durchgehen würden. Zudem müssen alle Möbel maßgefertigt werden, denn schwedische Fertigschränke passen beim besten Willen nicht in die Räume. Im Innern fühlt man sich aufgrund der einfachen, dünnen, leichten Baumaterialien und den allgegenwärtigen Schrägen ein wenig wie in einem Campingzelt. Die Zielgruppe für die Wohnungen dürfte dementsprechend äußerst begrenzt sein, denn weder mit kleinen Kindern, noch als älterer Mensch möchte man dort leben. Dennoch gibt es auch heute kaum Leerstand in den Wohnkuben, die alle Eigentumswohnungen sind. Ihr Quadratmeterpreis liegt derzeit bei etwa 1 900 Euro und damit fast 300 Euro über dem Rotterdamer Durchschnitt. 2001 wurde der Komplex das letzte Mal renoviert und dabei die Dachschindeln aus Bitumen durch verzinkte Blechbahnen ersetzt, sowie die Dachspitzen mit weißen Polyesterkappen versehen. Ansonsten befindet sich die Architekturikone noch weitgehend in ihrem Originalzustand. In den kleinen Läden der Passage haben sich Friseursalons, Nagelstudios und Blumenhändler eingerichtet, aber die Fluktuation ist recht hoch. Im Grunde halten sich hier tagsüber nur Touristen und Jugendherbergsgäste auf. So gewöhnungsbedürftig sie mit ihren schrägen Wänden und aussichtslosen Fenstern sein mögen, sind die Wohnungen selber ein größerer Erfolg als das städtebauliche Konzept des Komplexes. Dennoch wurden die Kubuswohnungen 2009 in die Denkmalliste der Gemeinde Rotterdam aufgenommen, da sie »einen Wandel im Denken über den Wiederaufbau der Innenstadt markieren und deshalb großen kulturhistorischen Wert haben«.
Piet Blom machte später noch einige Entwürfe für die Gemeinde Rotterdam, bekam aber nie einen Folgeauftrag. In den 80er und 90er Jahren konnte er nur noch eine Handvoll Projekte realisieren, darunter eine Kunsthochschule in Groningen und einen Wohnkomplex in Amersfoort. »Ich habe zu Hause ein deutsches Buch, in dem ich zu den 40 besten Architekten weltweit gezählt werde. Seltsam, dass ich trotzdem schon seit Jahren nichts zu tun habe«, sagte er 1997 zwei Jahre vor seinem Tod in einem Interview. Die Kubuswohnungen sind – mit Ausnahme ihrer Vorläufer in Helmond – ein Unikum geblieben. •
Standort: Overblaak 70, NL-3011 MH Rotterdam

… in die Jahre gekommen (S. 56)
Anneke Bokern
1971 geboren. Studium der Kunstgeschichte in Berlin. Tätigkeit als Internet-Redakteurin bei einer Tageszeitung und einer Nachrichtenagentur. Lebt seit 2001 als freie Journalistin in Amsterdam und schreibt über Architektur, Kunst und Design in den Niederlanden.