Überdachung Ausfahrt Kundencenter in der Autostadt in Wolfsburg

Baldachin für die Testfahrt

Damit die Kunden der Autostadt ihr neues Auto nicht bei Regen, Schnee oder in der prallen Sonne kennenlernen müssen, gab der automobile Themenpark eine große Überdachung für die Ausfahrt des Kundencenters in Auftrag. Sie wurde von Graft Architekten in maßgeblicher Zusammenarbeit mit schlaich bergermann und partner entworfen. Die Tragwerksplaner haben mit den Architekten bereits beim Vorentwurf zusammengearbeitet, um eine elegante, leichte und »pure« Lösung zu ersinnen. Das ist ihnen gelungen.

  • Architekten: Graft Architekten Tragwerksplanung: schlaich bergermann und partner
  • Kritik: Ulf Meyer Fotos: Tobias Hein; schlaich bergermann und partner
Seit Computer und Assistenzsysteme in das Auto Einzug gehalten haben, sind selbst ausgesprochene Automobilisten bisweilen mit der Technik überfordert – zumindest, wenn sie ein neues Auto kennenlernen. Und das ist in der Autostadt in Wolfsburg täglich etwa 300 Mal der Fall. Nach der gebührend zelebrierten Übergabe des Fahrzeugs an seinen Besitzer und noch bevor die erste große Fahrt beginnt, können die Kunden auf der sogenannten »Ehrenrunde« (ein Parcours aus Straßen und Parkplätzen) unter Anleitung des Autostadt-Personals ihren Wagen erproben und sich in seine Finessen einführen lassen. Bei letzterem schützt die neue Überdachung nun vor Wind und Wetter. Diese Überdachung ist eine doppelt gekrümmte, seilnetz-gestützte Membrankonstruktion mit einem Randträger aus weiß lackiertem Stahl. Leicht wie ein Blatt liegt es nur an zwei Punkten auf und das, obwohl es eine Fläche von ca. 1600 m² überspannt und immerhin 130 t wiegt. Im Grundriss oval, schwingt die Form an zwei Seiten bis zu 9 m empor. Das Seilnetz, das die weiße Membran darüber trägt, ist quadratisch wie bei einem Tennisschläger. Ein verbogener Tennisschläger hätte jedoch nicht die Eleganz des Wolfsburger Neubaus, denn der geschweißte Stahlhohlkasten, der den Randträger bildet, ist im Schnitt fünfeckig und hat an jeder Stelle ein anderes Profil, damit die Dachränder dynamisch wirken. Die leicht doppelsinnig gekrümmten Stahlbleche wurden von einer Schiffsbaufirma von der Ostsee gefertigt. Der Randträger ist so geformt, dass sich das Dach nach Einbau der Bespannung als hyperbolisches Paraboloid darstellt.
Die ebenfalls in beiden Richtungen gekrümmte »Sattelfläche« des Dachs fügt sich gut in die umgebende, hügelige Gartengestaltung, wie sie von WES Landschaftsarchitektur konzipiert wurde, ein. Die genaue Form des Dachs »hat sich selbst gefunden«, sagt Ron Marten Behnke, Projektleiter vonseiten schlaich bergermann und partner. Sie ist »physikalisch bedingt« und wird sich auch nach vielen Jahren nicht merklich verformen. Aus bestimmten Blickwinkeln erinnert die Dachform an die ehemalige Kongresshalle in Berlin, die sogenannte Schwangere Auster, deren eleganten Dachbogen Hugh Stubbins 1957 entworfen hat.
Die selbstreinigende Membran wurde aus PTFE-beschichtetem Glasfasergewebe gefertigt und in Mexiko hergestellt. Sie wurde in langen Bahnen geliefert und vor Ort versetzt angeordnet warm zusammengefügt. Ihr Fugenmuster ist auf das Raster des darunter liegenden Stahlseilnetzes abgestimmt. ›
› Damit Wartungsarbeiten ausgeführt werden können, ist das Dach begehbar ausgelegt. Regen, der auf die Membran fällt, fließt zu den beiden Tiefpunkten hin; dort wird das Wasser diskret, ohne störende Fallrohre, abgeführt. Wenn im Winter Schnee aufs Dach fällt, rutscht er in die Mitte. Im Sommer bietet die Membran einen guten UV-Schutz, da 80 % der Sonneneinstrahlung herausgefiltert wird, gleichzeitig lässt sie 12 % des Lichts durch. Die Membran- und die Seilnetzebene bilden das Flächentragwerk des Dachs, sie sind gegen den druckringartigen Randträger vorgespannt. Die Knotenpunkte aus Stahl, die extra für dieses Projekt entworfen und angefertigt wurden, halten die Membran auf Abstand zur Seilebene.
Der Baldachin ruht auf zwei Betonfundamenten in der Form von Pyramidenstümpfen, die 20 m tief im Boden verankert und unter der Erde kraftschlüssig miteinander verbunden sind. Als »Kuss mit der Landschaft« bezeichnen die Planer die beiden entscheidenden Punkte poetisch.
Archi-neering at work?
Das Projekt ist eine erfolgreiche Umsetzung der ersten Konzeptidee der Autostadt und ein – allzu! – seltenes Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur, die zum beiderseitigen Vorteil gereicht. Doch erfreulicherweise finden sich weitere gelungene Beispiele, bei denen ›
› sich im Nachhinein gar nicht mehr feststellen lässt, welchen Anteil der Architekt und welchen der Ingenieur hatte. Für diese prägten Werner Sobek und Helmut Jahn das Kunstwort »Archi-Neering«.
Eine gute Kommunikation und gegenseitiger Respekt reichen allerdings noch nicht aus: Es bedarf auch eines Bauherrn, der die Gestaltung des Gebäudes bis ins Detail mit trägt und Baufirmen, die ihren Ehrgeiz in die Qualität des Gebäudes legen. Beides war in Wolfsburg spürbar vorhanden. Gestalterisch und technisch ist das Wolfsburger Dach auf der Höhe der Zeit. Seine Stärke liegt in der Detailtreue der Umsetzung, mehr als in der großen Geste des Entwurfs.
Fast die größte Herausforderung war die Organisation der Baustelle: Da im Park stets Hochbetrieb herrscht und die Autostadt streng darüber wacht, dass das Übergabe-Erlebnis für die Kunden ungestört vonstatten gehen kann, war die Baustelle hinter einem hohen Zaun verborgen. Der Neubau musste quasi »heimlich« während des laufenden Betriebs fertiggestellt werden. Ein spannender Moment war die Zusammenfügung von Seil und Ring: Da der Stahlring und das Seilnetz statisch nicht unabhängig voneinander funktionieren, musste während der Bauzeit viel mit Hilfsgerüsten gearbeitet werden. Die Spiralseile sind 20 mm dick und durch ihre Verzinkung gegen Korrosion geschützt. Die Befestigung der Seile am umlaufenden Rahmen ist mit einem Bolzen-Detail gestalterisch überzeugend gelöst. Die nicht sichtbaren Gewinde dienten lediglich dem Toleranzausgleich beim Bau. ›
› Als »Ping-Pong-Spiel« bezeichnet Ingenieur Behnke die Zusammenarbeit mit den Architekten, den Medienlieblingen aus der Hauptstadt. Sie sei für beide Büros stimulierend gewesen.
Das Projekt der Autostadt ist die erste konkrete Zusammenarbeit zwischen den ungleichen Partnern (von gemeinsamen Wettbewerbsbeiträgen abgesehen) – und es scheint auf Anhieb gut funktioniert zu haben. Vielleicht lassen »trendige« Architekten wie Graft, die nicht unbedingt für ihre Tragwerkskompetenz bekannt sind, Ingenieuren mehr Raum? Wenn die beteiligten Ingenieure wie in diesem Fall auch noch architektonisch denken und gut kommunizieren, entsteht ein Mehrwert für alle. •
  • Standort: Autostadt, Stadtbrücke, 38440 Wolfburg Bauherr: Autostadt GmbH Architekten: GRAFT Architekten, Lars Krückeberg, Wolfram Putz, Thomas Willemeit, Berlin Projektleitung: Stefanie Götz Projektteam: Aurelius Weber, Andrea Göldel, Sebastian Massmann, Paulo de Araujo, Tade Godbersen, Berta Sola Tragwerksplanung: schlaich bergermann und partner Projektleitung: Mike Schlaich, Ron Marten Behnke Außenanlagen: WES Landschaftsarchitektur, Hamburg Lichtplanung: Kardorff Ingenieure Lichtplanung, Berlin Gebäudeabmessungen, L/B/H: ca. 55 x 38 x max. 9 m Membranfläche: 1 610 m² Baustahl: S 355, 130 t Seile: offene Spiralseile, galvanisiert, Ø 20 mm, 24 mm, Länge 2 000 m Membran: PTFE-beschichtete Glasfaser-Membran, Typ 3 Gründung: Pfahlgründung, Ø 60 cm, 20 m Bauzeit: Januar bis September 2013 Baukosten: keine Angabe
  • Beteiligte Firmen: Stahlbaufirma (GU): Eiffel Deutschland Stahltechnologie, Hannover, www.eiffel.de Membran (für GU): Taiyo Europe, Sauerlach, www.eiffel.de, zusammen mit formTL, Radolfzell Stahlseile: Fatzer, Romanshorn, www.eiffel.de Membran: Saint Gobain, Willich, www.eiffel.de Spannanker: Dywidag Systems, Königsbrunn, www.eiffel.de
  • 1 Membran
  • 2 Seilebene
  • 3 Randträger
  • 4 Stahlstruktur und Gründung
  • 1 Klemmleiste aus Aluminium, Kunststoffeinlage zur Kontakttrennung, beschichtet, reinweiß
  • 2 Anschlussleiste aus Stahl, aufgeschweißt, mit Gewindebohrung, beschichtet, reinweiß
  • 3 Sekundärmembran mit Durchhang zur spannungsfreien Bewegungsaufnahme
  • 4 Stahlhohlkasten, beschichtet, reinweiß, t = 16-30 mm
  • 5 Klemmleisten aus Aluminium
  • 6 Randrohr, Stahl, beschichtet, reinweiß, d = 42,4 mm, t = 4,2 mm
  • 7 Gabelfitting für Spannseil, Stahl, verzinkt und beschichtet
  • 8 Anschlusslasche aus Stahl, beschichtet, reinweiß
  • 9 Hauptmembran
  • 10 Membran-Schweißnaht
  • 11 Tragseil, offenes Spiralseil aus Stahl, verzinkt, d = 20 mm
  • 12 oberer Membran-Klemmteller aus Stahl, mit aufgeklebter EPDM Einlage, verzinkt und beschichtet, reinweiß
  • 13 Klemmteller für Spannseile (d = 20 mm), verzinkt und beschichtet, reinweiß
  • 14 Klemmteller für Tragseile (d = 24 mm), verzinkt und beschichtet, reinweiß 15 Zylinderschrauben mit Innensechskant
  • 1 Stahlhohlkasten, beschichtet, reinweiß, t = 30 mm
  • 2 Schottstahlrahmen, t = 20 mm
  • 3 Quersteife aus Stahl, t = 20 mm
  • 4 Längssteife aus Stahl, t = 20 mm
  • 5 Anschluss Hauptmembran und Tragseil
  • 6 Mörtel, schwindarm, fließfähig
  • 7 Schubknagge, Stahlträger HEM 240, l = 400 mm
  • 8 Stahlbetonfundament
  • 9 Spannglied, hochfester Stahl, d = 36 mm

Wolfsburg (S. 38)
GRAFT Architekten
Lars Krückeberg
1967 in Hannover geboren. Architekturstudium in Braunschweig und Florenz, 1996 Diplom. 1998 Master in Los Angeles, und Gründung von GRAFT. 2008-09 Gastprofessur in Aachen, 2010-11 in Düsseldorf.
Wolfram Putz
1968 in Kiel geboren. Architekturstudium in Braunschweig, 1992 Diplom. 1998 Master in Los Angeles, und Gründung von GRAFT. 2008-09 Gastprofessur an der RWTH Aachen, 2010-11 an der FH Düsseldorf.
Thomas Willemeit
1968 geboren. 1997 Diplom in Braunschweig. Master am Bauhaus Dessau. 1998-2000 Mitarbeit bei Daniel Libeskind, Berlin. Gründung von GRAFT. 2008-09 Gastprofessur in Aachen, 2010-11 in Düsseldorf.
schlaich bergermann und partner
Mike Schlaich
1960 in Cleveland/Ohio (USA) geboren. 1979-81 Bauingenieurstudium in Stuttgart, 1981-85 in Zürich, dort Diplom. 1985-89 Assistenz an der ETH Zürich, Promotion. Seit 1993 Mitarbeit bei schlaich bergermann und partner. Seit 2004 Professur an der TU Berlin.
Ron-Marten Behnke
1975 in Wuppertal geboren. 2000-08 Studium des Bauingenieurwesens an der TU Berlin. 2007 Praktikum bei RFR-Ingénieurs in Paris. Seit 2008 Mitarbeit als Ingenieur bei schlaich bergermann und partner.
Ulf Meyer
s. db 4/2013, S. 96