»Haus der Technik« in Detmold

Holzbau symbolisiertKlebetechnologie

Die markante Architektur des neuen Innovations- und Anwendungszentrums von Jowat repräsentiert das Kernthema des Unternehmens: Klebetechnologie. Da diese v. a. bei Holz und Holzwerkstoffen Anwendung findet, sollte auch das Gebäude ein Holzbau werden. Entstanden ist ein zweigeschossiger Skelettbau, dessen Gestalt dem Produktionsprozess abgeschaut ist.

~Suanne Jacob-Freitag

Der Stammsitz des Klebstoffherstellers Jowat befindet sich in Detmold. Wer das neue Innovations- und Anwendungszentrum direkt gegenüber der Produktionsstätte betrachtet, könnte schon aufgrund der Fassade erraten, was darin passiert: Wie Klebstofffäden ziehen sich schräg verlaufende Holzstaketen vom Boden bis zum Dach und erinnern an die Klebestoffproben, die die Techniker von Jowat im Zuge der Entwicklung neuer Produkte entnehmen. Auch die horizontale Schichtung des Gebäudes stellt eine Abstraktion aus den Schichtungen der Klebstoffproben dar: Die untere Schicht ist als Betonsockel ausgeführt und bildet die Gründung, die oberste Schicht mit ihrem markanten Dachrand aus Brettschichtholz stellt die Dachkonstruktion dar. Die transparent wirkende Zwischenschicht präsentiert sich in Form einer doppelten Fassade aus vorgelagerten Staketen und einer verglasten Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz dahinter.

Das Büro- und Laborgebäude repräsentiert mit seiner Architektur die Unternehmensmarke nach außen und will dabei die Entwicklung des Unternehmens als Technologie- und Innovationsführer visualisieren. Vor diesem Hintergrund vereint das »Haus der Technik« die Funktion eines Forschungszentrums mit der Absicht, auch Besuchern und Kunden Einblicke in die Forschung, Entwicklung und Verarbeitung von Klebstoffen zu gewähren. Entsprechend verbindet das zweigeschossige, fast 9 m hohe, 84 m lange und 34 m breite Gebäude Büros, Ausstellungsräume und Werkstätten mit sogenannten Innovationslaboren sowie Schulungs- und Versammlungsräumen.

zukunftsfähiger Bau

Das Gebäude sollte von vornherein ein Holzbau werden. Ziel war zudem, mit nachwachsenden Rohstoffen, leicht rückbaubaren Bauteilen sowie einem nachhaltigen Energiekonzept mit autarker Energieversorgung den ökologischen Fußabdruck des Neubaus möglichst gering zu halten. Bei Entwurf und Ausführung des Projekts galt es, eine Ingenieurholzbau gerechte architektonische Lösung zu entwickeln.

Im Innern gliedert sich das Gebäude in drei Funktionsbereiche: das Innovation-Lab bzw. den Besuchertrakt mit Audimax und der den Kundenveranstaltungen offen stehenden Maschinenhalle, nicht öffentliche Labore und Büros sowie Besprechungsräume. Das 250 m² umfassende »Innovation-Lab« im vorderen Teil des Gebäudes bringt Besuchern anhand zahlreicher Exponate und entsprechenden Erklärungshilfen die Klebetechnologie näher. Raum für Veranstaltungen ist in dem auf zwei Etagen angeordneten Audimax. Eine skulpturale Holztreppe im Empfangsbereich leitet Besucher zudem auf eine umlaufende Galerie, wo sie von oben einen Blick auf die einzelnen Räumlichkeiten werfen können.

Die einzelnen Räume der nicht öffentlich zugänglichen Laborbereiche im EG dienen unterschiedlichen Arbeitsfeldern, beispielsweise der chemisch-physikalischen Analytik mit angeschlossener Werkstoff- und Materialprüfung. Im OG reihen sich Büro- und Besprechungsräume aneinander. Die gesamte Haustechnik inklusive der notwendigen Lüftungsanlagen platzierten die Planer auf dem Dach, da das Gebäude nicht unterkellert wurde.

Gemischtes Holzskelett für vielfältige Nutzungen

Die ebenso zahlreichen wie unterschiedlichen Nutzungsstrukturen, die im Gebäude unterzubringen waren, führten notwendigerweise zu einer komplexen Planung, Konstruktion und Logistik. So mussten der Holz- und der Massivbau im Bauverlauf eng miteinander verzahnt werden, weil beispielsweise die über 15 m weit spannende Holz-Beton-Verbund-Decke im Labor- und Bürotrakt beide Gewerke betraf. Der Skelettbau kombiniert Brettschichtholz- und Stahlbeton-Stützen mit Brettschichtholz- und Stahlbeton-Trägern bzw. Unterzügen sowie Holz-Beton-Verbund-Decken und ein Satteldach aus Pultdach-Bindern mit einer aussteifenden Dachscheibe aus OSB-Platten auf einer dazwischen liegenden Pfettenlage.

Im Norden, Osten und Westen schließt der Neubau mit einer verglasten Pfosten-Riegel-Fassade aus Holz ab. Die Südfassade setzt sich aus einer hinterlüfteten Holzrahmenkonstruktion zusammen. Eine bis zu 2,50 m auskragende Vordachkonstruktion schützt die Hauptfassaden vor Wind und Wetter. Die Sekundärfassade mit den verschränkten Holzstaketen formt im Norden, Osten und Westen einen dreiseitigen Arkadengang, während der Sockelbereich der Südfassade als Rampe für die Anlieferung genutzt wird. Die symbolischen »Klebefäden« der Sekundärfassade in Gestalt von 130 Brettschichtholz-Staketen wurden rhythmisch angeordnet, um möglichst viele identische Bauteile fertigen zu können. Diese als erstes ins Auge fallende Gestaltung verleiht dem Zentrum sein unverwechselbares Erscheinungsbild.

Die Autorin ist als freie Journalistin mit Schwerpunkt Ingenieur-Holzbau und Architektur tätig.

www.zueblin-timber.com


  • Bauvorhaben: Neubau eines Forschungs- und Schulungszentrums
    Bauherr: Jowat, Detmold
    Architekten: IfuH – Institut für urbanen Holzbau mit CKRS Architekten und roedig schop architekten, alle Berlin
    Generalunternehmer und Ausführung: Ed. Züblin, Bereich ZÜBLIN Timber, Aichach
    Herstellung (BSP und BS-Holz): ZÜBLIN Timber, Aichach
    Tragwerksplaner und Bauphysik:
    B. Walter Ingenieurgesellschaft, Aachen
    Prüfingenieur: Volker Schiermeyer, HSW-Ingenieure, Bad Oeynhausen
    Haustechnik: Planungsbüro Heinz Kluge, Ettlingen (HLS); Schlindwein Planungsbüro für Elektrotechnik, Bruchsal
    Brandschutz: Eberl-Pacan Architekten + Ingenieure Brandschutz, Berlin
    BGF: 4 996 m²
    BRI: 23 608 m3
    Gesamtkosten: 8 Mio. Euro brutto (KG 300+700)
    Fertigstellung: 2018
    Auszeichnung: DA! Berlin 2020