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Otto Wagner (Wien)

~Enrico Santifaller

Am 11. April 2018 jährte sich der Todestag Otto Wagners zum 100. Mal. Mehrere Monografien erschienen aus diesem Anlass, Wiener Tageszeitungen publizierten Artikelserien und schließlich ehren gleich drei Ausstellungen in der österreichischen Hauptstadt den Jubilar. Das Museum für angewandte Kunst (MAK) zeigt Wagner als »Vater der (Post-)Moderne«, in der Ausstellung des Hofmobiliendepots steht das Möbeldesign von Wagner, Loos und Josef Hoffmann im Mittelpunkt und die schlicht »Otto Wagner« betitelte Schau im Wien Museum fokussiert auf 1 000 m2 auf Leben und Werk des »Weltstadtarchitekten«. Über 500 vielfach noch nicht gezeigte Exponate werden präsentiert: Modelle, manchmal mehrere Quadratmeter groß, Zeichnungen aus der schwungvoll-eleganten Feder von Wagners Büroleiter Joseph Maria Olbrich, teilweise von Wagner selbst aufgenommene Fotografien, Mobiliar aus edlem Holz, Geländer und sogar ein kleiner Waggon der Stadtbahn sind zu sehen. Die Wände sind wiederholt in Schwarz, Pink, ja sogar in Gold gehalten. Zusammen mit den akzentuiert eingesetzten Strahlern, die die Ausstellungsstücke mit andachtsvollen Lichtkegeln rahmen, gewinnt man den Eindruck,
als wollten Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz, die beiden Kuratoren der Schau, nicht nüchtern-sachlich über das Oeuvre eines bedeutenden Architekten informieren, sondern dieses mit aller inszenatorischer Kraft bejubeln. Wobei der »Bahnbrecher der Moderne« zunächst als Historist Erfolge feierte. Er lieferte Entwürfe für eine monumentale Tribüne, auf der die Gäste den Festzug zur Silberhochzeit des Kaiserpaars beklatschen sollten, belegte in Wettbewerben für das Rathaus in Hamburg (1876) und für den Landtag in Lemberg (1875) jeweils den 2. Platz, er betätigte sich als Bauträger, als Spekulant, baute auf eigene Rechnung Mietshäuser und realisierte für einflussreiche Freunde Villen. Wagner erscheint dabei als Vorwegnahme des modernen Architekturunternehmers. Er netzwerkte gezielt und erfolgreich, kümmerte sich um Huldigungsadressen für den kaiserlichen Hof und schuf eine eigene Stadtbahn-Station für den Monarchen. Doch weil Franz Joseph nach wie vor traditionelle Architektur bevorzugte, blieb aller Eifer erfolglos. Daraufhin huldigte Wagner den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Zu dessen 60. Geburtstag ließ er einen mit Perlmutt überreich verzierten Armlehnsessel tischlern, der einem Thron gleicht. Und Wagner nutzte alle Medien, auch die damals neuen, zur Werbung und Propaganda seiner selbst. Mit einem aufwendigen Edeldruckverfahren, der gerade erfundenen »Heliogravüre«, erstellte das k. u. k. Militärgeographische Institut in seinem Auftrag ein exklusiv ausgestattetes Tafelwerk im Großformat (60,7 x 46,6 cm), das er an hochgestellte Persönlichkeiten verschenkte. Olbrichs wunderbare Zeichnungen wurden zu Wagners kunstvollen Schauobjekten, mit denen er die Öffentlichkeit jenseits der Fachzeitschriften ansprach. Und Fotografien werden ganz kalkuliert als Anleitungen zum Betrachten seiner Bauten eingesetzt.

Was diese Schau (inklusive des prächtigen Katalogs) so spannend, so interessant macht, ist nicht, dass sie die zu Touristenzielen gewordenen Postsparkasse, Stadtbahn-Pavillons (u. a. am Karlsplatz, s. Abb.) und Jugendstilmietshäuser feiert, auch nicht den großen Inspirator Wagner, der seine Schüler großstädtisches Denken lehrte und sie die Typologie der Wiener Gemeindebauten entwickeln ließ. Die Ausstellung präsentiert Wagner im Wiener
Fin de Siècle, die Rolle eines höchst begabten Architekten – alle Abgründe eingeschlossen – in einer Zeit, die von abgrundtiefen Konflikten geprägt war, die sich im großen Weltenbrand von 1914 an entluden. Unbedingt hingehen!

Bis 15. Oktober. Otto Wagner, Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien, Di-So und feiertags, 10-18 Uhr. Katalog, Residenz Verlag, 50 Euro. www.wienmuseum.at