Chandigarh 1956

Stanislaus von Moos (Hrsg.). Fotografien von Ernst Scheidegger, Texte von Maristella Casciato, Verena Huber Nievergelt, Stanislaus von Moos und Ernst Scheidegger. 272 Seiten, 145 farbige und 132 s/w-Abb., gebunden, 55 Euro. Scheidegger & Spiess, Zürich 2010

~Bärbel Högner

Es spiele keine Rolle, ob man an Chandigarh Gefallen finde oder nicht, erklärte einst Jawaharlal Nehru. Wichtig sei einzig, dass das Stadtprojekt zum Nachdenken anrege. Mit »Chandigarh 1956« liegt nun ein umfangreicher Fotoband vor, der in der Tat nachdenklich stimmt: Wie sich vor den Ausläufern des Himalaya Gebäude puristischer Formensprache schachtelartig aneinander reihen, erweckt den Eindruck, man habe die Moderne in die weite Ebene Nordindiens buchstäblich hineingestemmt. Menschen beginnen sich zaghaft eine scheinbar fremde Architektur anzueignen – noch ist die Stadt so karg, dass in den Fotografien mal die Bewohner wie eine Staffage, mal die Gebäude wie eine Kulisse anmuten.
Drei Mal reiste Ernst Scheidegger zu Baubeginn in die indische Planstadt. Vom Genre der klassischen Reportage- zur sachlichen Architekturfotografie gekonnt wechselnd, widmete sich der Lichtbildner sowohl den Bauarbeitern auf fragilen Bambusgerüsten oder den Schulkindern beim Freiluftunterricht wie auch den eleganten geometrischen Formen einer in Chandigarh ihren Ausgang nehmenden postkolonialen indischen Architektur. Den teils schwarz-weißen, teils farbigen Bildstrecken sind ausführliche Essays beigestellt, die die Entstehung der visionären Stadt und den Kontext der Fotografien reflektieren. Zwar bezieht sich »1956« auf des Autors letzte Reise, doch markierte das Jahr auch eine erste Zäsur in der Geschichte Chandigarhs: Die Fertigstellung des Justizpalastes von Le Corbusier und zweier kompletter Wohnsektoren. Scheideggers Blick auf das ambitionierte staatliche Projekt verweist daher insbeson- dere auf die »Ur«-Form eines Stils, der sich in modifizierter Weise bis dato hält. Die Be- wohner der Millionenstadt schätzen sich heute glücklich, dass mittlerweile im Stadtbild eher die Bäume denn die Häuser dominieren. Für Liebhaber der Moderne ist es hingegen ein Glücksfall, dass der Fotograf dereinst eine freie Sicht auf die Ästhetik der frühen Bauwerke im noch steppenhaft wirkenden Gelände hatte.