William Lindley (Hamburg)

~Christiane Fülscher

Wie nachhaltig innovativ denkende Ingenieure die Entwicklung von Städten während der industriellen Revolution prägten, zeigt derzeit die William Lindley (1808–1900) gewidmete Retrospektive im hamburgmuseum. Die rapide Entwicklung des Stadtstaats Hamburg im 19. Jahrhundert vom Handelshafen zur global agierenden Wirtschaftsmetropole ist eng mit dem Schaffen des englischen Ingenieurs verknüpft. Nachdem der Große Brand von 1842 ein Drittel der Innenstadt zerstört hatte, legte Lindley dem Senat einen Wiederaufbauplan für die städtebauliche Neugestaltung und umfassende Modernisierung der städtischen Infrastruktur vor. Angelehnt an das Londoner Vorbild erstellte er ein innovatives Sielkonzept, das den topografischen Gegebenheiten Hamburgs Rechnung trug, in Verbindung mit einer allgemeinen Trinkwasserversorgung. Mit dem Anspruch, unabhängig vom sozialen Stand, jedem Einwohner den Anschluss zu ermöglichen, schuf Lindley die Voraussetzungen zur Überwindung der desolaten hygienischen Verhältnisse. In den folgenden Jahren verfasste er Entwürfe für viele weitere infrastrukturelle Anlagen und nicht realisierte Stadterweiterungen, wobei sich Lindley als Ingenieur, Städteplaner und zuweilen als Architekt betätigte. Abhängig von der Gunst des erbgesessenen Senats war mit der Bürgerschaftswahl von 1859 Lindleys Karriere in Hamburg beendet. Allerdings konnte er diese erfolgreich im deutschen und europäischen Raum fortsetzen.
Die Ausstellung offenbart eindrucksvoll Lindleys großen Wirkungsbereich sowie seine Bedeutung für die Stadt. In fünf thematisch abgegrenzten Räumen werden seinen Projekten die zeitgenössischen gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und Ereignisse gegenübergestellt. Neben den engen Beziehungen zwischen England und Hamburg, die Basis für Lindleys späteres Wirken, wird dem Besucher zunächst die Person, seine frühe technische Begabung und sein familiäres Umfeld nahegebracht. Im Anschluss vergegenwärtigen Darstellungen das Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in deren Kontext Lindleys erste dortige Projekte präsentiert werden. Die starke Zäsur, die der Große Brand sowohl in der städtebaulichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Stadt als auch in der beruflichen Laufbahn Lindleys verursachte, wird in das Ausstellungkonzept in Form eines begehbaren Dükernachbaus integriert, an den rückwärtig der Wiederaufbau sowie weitere Bauten in Hamburg anschließen. Den Ausklang mit einem Sielmodell bilden Projekte seiner Söhne in Europa. Mit dem gezielten Einsatz unterschiedlicher Medien wird ein umfassendes Bild des Ingenieurs gezeichnet.
Das Buch zur Ausstellung, herausgegeben von Ortwin Pelc und Susanne Grötz, ergänzt deren Ansatz aufschlussreich. Es enthält unter anderem Beiträge des Kolloquiums »William Lindley. Gestern-Heute-Morgen«, das die HafenCity Universität zur Ausstellungseröffnung ausrichtete. Die Erörterungen der Werke Lindleys im zeitgenössischen regionalen und europäischen Kontext, zur Rolle des Ingenieurs, seiner Ausbildung bis hin zur Erfindung des modernen Architekten verdeutlichen, dass er keine Ausnahmeerscheinung, sondern ein typischer Ingenieur seiner Zeit war.
Die heutigen Strukturen des Hamburger Kanalisationsnetzes gehen immer noch auf Lindleys Ursprungsplanungen zurück, von der alten Anlage sind noch Teilstücke erhalten und in Betrieb. Unterirdische technische Netzwerke wie diese rücken derzeit in das Blickfeld des Denkmalschutzes, der gegenwärtig nur Parameter zur Unterschutzstellung von sichtbaren Bauwerken bereithält.
Die besondere Qualität der Arbeiten Lindleys liegt in der ungebrochenen Aktualität der Problemstellung. In Hamburg stehen in den nächsten Jahren große technische, das Stadtbild prägende Veränderungen an, deren Akzeptanz vor allem von der interdisziplinären Zusammenarbeit der Ingenieure, Architekten und Stadtplaner abhängt. Zur effizienteren Nutzung der schwindenden Ressource Wasser sind neue Technologien zu entwickeln, derweil die industrielle Revolution deckungsgleich in den heutigen Schwellenstaaten stattfindet.
Bis 22. Februar. Museum für Hamburgische Geschichte (hamburgmuseum), Holstenwall 24, Di–Sa 10–17, So bis 18 Uhr. www.hamburgmuseum.de