Ausstellung in Zürich, bis 25. August

Nach Zürich

Umfassende Schau zu den wichtigsten Debatten um die Stadt Zürich, die in den letzten Jahrzehnten geführt wurden.

~Hubertus Adam

»Weltstadt geht anders« titelte Anfang Mai Gerhard Mack, der für Architektur zuständige Redakteur der NZZ am Sonntag. Anlass war die Wiedereröffnung des in den vergangenen zwei Jahren restaurierten Le Corbusier-Pavillons im Züricher Seefeld, der – von der Stadt übernommen – jetzt vom Museum für Gestaltung betrieben wird. Macks Kritik zielte auf das unkoordinierte Nebeneinander benachbarter städtischer Institutionen, die gemeinsam eigentlich Synergien entfalten könnten: der Pavillon Le Corbusier, das ebenfalls als Ausstellungsort fungierende Atelier Hermann Haller, die mit Ballettschule und Wohnungen völlig unter Wert gehandelte Villa Egli und schließlich das Zentrum Architektur Zürich (ZAZ), das seit vergangenem Jahr die Villa Bellerive nutzt. Das nach Plänen des Berliner Architekten Alfred Breslauer 1931 errichtete Wohnhaus des Seidenkaufmanns Julius Bloch-Sulzberger firmierte seit 1968 als Museum Bellerive und diente dem Museum für Gestaltung als Dependance für Kunsthandwerk. Die Stadt als Eigentümerin des Gebäudes suchte eine neue Nutzung, nachdem das Toni-Areal als neuer Standort des Museums eröffnet worden war. Die schon länger virulente Idee, in Zürich einen öffentlichen Ort für die Architektur zu schaffen, begann sich zu konkretisieren, und das Architekturforum Zürich, der Bund Schweizer Architekten Zürich, das Departement Architektur der ETH und der Schweizer Ingenieur- und Architektenverein SIA gründeten gemeinsam einen Verein. Diesem stellte die Stadt Zürich für einen dreijährigen Pilotbetrieb 1,66 Mio. CHF zur Verfügung – ein nicht wirklicher generöser Betrag, dessen Höhe sich noch relativiert, wenn man bedenkt, dass ein Großteil davon aus einem Mieterlass besteht und der neue Verein eine Organisations- und Betriebsstruktur überhaupt erst einmal aufbauen musste. Auch wenn Architektur einen der positivsten Imagefaktoren der Schweiz darstellt: Ausstellungshäuser, die sich ihrer Präsentation widmen, sind chronisch unterfinanziert, ob in Basel oder in Zürich.

Nach einer ersten kleinen Schau über die Villa, ihren Architekten und ihre Bewohner und einer zweiten zum Thema der Bunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Zürich findet derzeit die Ausstellung »Nach Zürich« statt, deren Fokus durch den Untertitel »Kontroversen zur Stadt – ein Anarchiv« an Konturen gewinnt. Anders als bei den Präsentationen zuvor wird diesmal die gesamte Villa bespielt, und zwar mit einer dichten Fülle von Exponaten und mit einem Charakter, den die Ausstellungskuratoren André Bideau, Daniel Bosshard und Christian Schmid zu Recht als Mischung aus Atelier, Werkstatt und Wunderkammer beschreiben. Ausgestellt werden Pläne, Flugblätter, Plakate, Zeichnungen, Fotos, vieles davon als Reproduktionen direkt auf die Wände »gekleistert«.

Thema der Ausstellung sind Debatten um die Stadt, die in Form von fünf – auch in latenter Chronologie zu verstehenden – Kapiteln vorgestellt werden. Es beginnt mit der Verortung des Museums selbst, nämlich seiner Lage am See. Historisch gesehen war Zürich eine Stadt am Fluss; erst durch Aufschüttungen unter dem Ingenieur Arnold Bürkli in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts begann die Ausrichtung zum See, die heute Bild und Selbstverständnis Zürichs bestimmt. Das zweite Kapitel widmet sich dem »Roten Zürich«, das sich v. a. im kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau des frühen 20. Jahrhunderts konkretisierte und durch die große Stadterweiterung von 1934 Auftrieb erhielt – unter Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner wurden neue Quartiere wie Altstetten, Schwamendingen oder Seebach im Sinne einer aufgelockerten Stadtlandschaft nach dem Modell von Gartenstädten realisiert. Kapitel drei gilt dem wirklich kontroversen Thema der Verkehrsplanung, u. a. dem letztendlich gescheiterten Projekt des »Ypsilon«, nämlich der Autobahntrassierung der 70er Jahre mitten durch das Zentrum von Zürich. Kapitel 4: Die Etablierung der S-Bahn 1990 entgrenzte Zürich zur Metropolitanregion. Das gesamte OG ist dem Thema der zeitgenössischen Urbanität gewidmet. Dabei geht es primär um die Langstraße, die in ihrer Mischung aus Sexmeile und Partylocation der sukzessiven Gentrifizierung unterliegt, und die nahegelegene Europaallee, Muster des gleisfeldnahen Investoren-Städtebaus. In diesem Bereich der Ausstellung wird eine andere Präsentationsart sichtbar, denn die Basis hierbei bildeten Untersuchungen von Studierenden des Soziologen Christian Schmid an der ETH Zürich. Das führt zu einer Disproportion, durch welche die Ausstellung etwas zerfasert und zusammengestückelt wirkt. Was allerdings auch nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass die Kuratoren ihre Tätigkeit im Nebenjob verrichten, weil für eine Stelle schlicht keine Mittel vorhanden sind, und die ganze Konzeption des ZAZ in der dreijährigen Pilotphase letztlich auf viel Idealismus und Improvisation, wenig Geld und damit auch auf Selbstausbeutung der Akteure beruht. Insofern sind konzeptionelle Schwächen wohl kaum vermeidbar, aber man muss konzedieren, das angesichts einer kurzen Vorbereitungszeit und beschränkter Mittel doch ein ansehnliches Ergebnis erzielt wurde, welches überdies durch ein reichhaltiges Veranstaltungsangebot abgerundet wird.

Bis 25. August, Nach Zürich. Kontroversen zur Stadt – ein Anarchiv. ZAZ Zentrum Architektur Zürich, Höschgasse 3, CH-8008 Zürich, Mi-So 14-18 Uhr, www.zaz-bellerive.ch