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Gerrit Rietveld (Weil am Rhein)

~Franziska Puhan-Schulz

Das Ansehen Gerrit Rietvelds (1888-1964) ist gemeinhin mit zwei Frühwerken verbunden: dem Rot-Blauen Stuhl (1918/23) und dem Schröder-Haus (1924) in Utrecht. Die Ausstellung im Vitra Design Museum, die in Zusammenarbeit mit dem Centraal Museum Utrecht und dem Nederlands Architectuurinstituut entstanden ist, will eine Neubewertung des umfangreichen Werks vornehmen. Durch die Gegenüberstellung einzelner Entwürfe wird gezeigt, wie einflussreich Rietveld für andere Designer und Architekten seiner Zeit war. So wird gleich zu Beginn der Ausstellung ein Holzstuhl Rietvelds mit Lattenstruktur (1918) sowie Breuers Lattenstuhl Modell »ti 1a« (Entwurf 1922) präsentiert. Nicht nur, dass Rietveld einige Ideen in der Formsprache vorwegnahm, auch in seinen Kindermöbeln – z. B. beim Strandwagen – besticht die Aufteilung der Flächen in die charakteristischen Farben: Blau, Gelb, Rot, Weiß und Schwarz. Zugleich entwickelte der gelernte Tischler seine Formensprache im Experiment mit dem Material. Eine herrliche Serie von z-förmigen Stühlen von Bodo Rasch über Rietveld bis hin zu Verner Panton zeigt das Ringen der Designer, mit verschiedenen Materialien und Materialkombinationen zur perfekten Lösung zu gelangen.
Die Kuratorin Amelie Znidaric hat die bereits in Utrecht gezeigte Ausstellung für das Vitra Design Museum grob in vier Bereiche unterteilt: im EG die frühen Jahre als Möbelschreiner; das Schröderhaus – Architektur und Stadtplanung und die Selbstbaumöbel sowie im 1. OG die späten Jahre mit Prestigeaufträgen: wie dem Biennale Pavillon (1953/54) in Venedig und dem Presseraum der UNESCO in Paris. Gezeigt werden auf ca. 700 m² rund 320 Exponate; darunter Möbel, Modelle, Gemälde, Filme und 100 Originalzeichnungen. In den Aufrissen, Modellen und Fotografien des berühmten Schröder-Hauses wird deutlich, wie Rietveld durch den Einsatz von Farbe überraschende räumliche Effekte erzielte und nach Licht und Luft strebte. Kongenial setzt der Ausstellungsarchitekt Dieter Thiel diese Leitideen Rietvelds in seinen reduzierten schwarzen, weißen oder grauen Ausstellungseinbauten und Podesten um.
Nur Kenner wussten bislang, dass Rietveld mit seinen sogenannten Kistenmöbeln (1934) den Selbstbau und Do-it-yourself-Trend vorwegnahm. Regal, Tisch und Lehnstuhl aus unbehandelten Holzfertigteilen wurden schon damals als Serie für das Sommerhaus angeboten und konnten an persönliche Bedürfnisse angepasst werden.
Die Ausstellung zeigt keinesfalls nur den Erfolgsmenschen – vielmehr einen Durchhaltemenschen, der immer wieder mit Rückschlägen vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise und in Zeiten politischer Umbrüche konfrontiert wurde: Rietveld konnte sich nur langsam im Umfeld von De Stijl und CIAM als Architekt etablieren.
Bis 16. September. Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, täglich 10-18 Uhr, Katalog 75 Euro. www.design-museum.de